"Walking Maggy" nennt sich Margherita Bianchi, seit sie als mobile Friseurin arbeitet. © Thekla Ehling für DIE ZEIT

Manchmal muss Margherita Bianchi warten, sehr lange warten, das gehört zu ihrem neuen Job. An einem Mittwoch Ende März dieses Jahres steht die Friseurin vor einem Mehrfamilienhaus in Köln und schiebt sich die Haarsträhnen hinter ihre Ohrringe. Dann blickt sie auf ihr Smartphone: 16.43 Uhr. Noch 17 Minuten, bis der Kunde sie oben in der Wohnung erwartet. "Macht nichts", sagt sie, "ich komme extra viel zu früh." Auf kaum etwas hat sie mehr Energie verwendet als darauf, ihre Geduld zu trainieren.

Es geht um mehr als Geld

Seit Monaten läuft die 34-Jährige fast jeden Tag vor Haustüren in Köln auf und ab. Im Winter wie im Sommer. Das Warten fällt ihr leicht, weil sie einen Plan verfolgt. Im Dezember 2017 machte sie sich selbstständig. Als "mobile Friseurin", wie sie es nennt, fährt sie durch die Stadt und schneidet ihren Kunden zu Hause die Haare. Sie hat sich selbst einen Namen gegeben und ihn auf moosgrüne Visitenkarten gedruckt: "Walking Maggy". Auch auf ihrer Mailbox meldet sie sich so. Mit einem Existenzberater, den das Arbeitsamt zahlte, verwandelte sie ihren Plan in ein Geschäftsmodell. "Wenn es gut läuft, komme ich auf 1.300 Euro brutto im Monat", sagt sie.

Für die Friseurin geht es um viel mehr als bloß um Geld. Sie tritt gegen sich selbst an, gegen ihre Sorge, nicht gut genug zu sein, um als Selbstständige zu bestehen. In dieser Angst steckt eine der Erklärungen dafür, warum manche Menschen wenig verdienen und andere sehr viel. Warum einige es schaffen aufzusteigen und andere immer unten bleiben. Bianchis Plan ist auch ein Plan gegen die Angst.

Türsummen. Bianchi zieht ihren Koffer hinter sich her. Ein Geschenk ihres Mannes, schwarz und bronzefarben gemustert, mit Seitentaschen, perfekt für das Verstauen von Haarbürsten. Mit ihren schwarzen Haaren und der hellen Haut sieht sie aus wie eine zerbrechliche Version von Schneewittchen. Sie misst gerade mal 1,52 Meter. Ihr Koffer ist fast halb so hoch wie sie selbst. Auf dem Weg zu Kunden schleppt sie ihn manchmal bis in den fünften Stock. Sie sagt: "Ich hab richtig dicke Muskeln bekommen."

Vor etwa einem Jahr wurde die gelernte Friseurin arbeitslos. "Das war ein hässliches Gefühl", sagt sie heute. Sie habe viele Bewerbungen geschrieben, vergeblich. Da fiel ihr eine Cousine in Neapel ein. Margherita Bianchis Familie stammt aus Italien. Eine ihrer Cousinen arbeitet dort als mobile Friseurin. Warum schneide ich Kunden nicht auch im Wohnzimmer die Haare?, fragte sich Bianchi. Nicht in Schwarzarbeit, wie manche ihrer Kollegen, sondern mit Rechnung und Steuernummer. Margherita Bianchi als Gründerin, diese Vorstellung gefiel ihr. Trotzdem zögerte sie sechs Monate lang. "Ich hatte Angst, dass ich das nicht hinkriege", sagt Bianchi. Sie ist eine Frau, die sich oft kleiner macht, als sie ist.

Kunden wollen nebenbei unterhalten werden

"Geiler Koffer, Maggy, das ist ja ’ne richtige Profistation!", ruft ihr der Kunde an der Tür zu und nimmt sie in den Arm. Ihre Wangen färben sich rosa. Bianchi arbeitet, seit sie 16 ist. Sie weiß, wie kurz sie Stufen schneiden muss, damit Locken richtig fallen. Sie erkennt, wie lang ein Pony sein muss, damit er das Gesicht einrahmt. Aber an die neue Nähe zu ihren Kunden muss sie sich erst gewöhnen.

Auch in Salons bauen Friseure gern Beziehungen auf. Die meisten Kunden wollen nebenbei unterhalten werden. Je mehr Bianchi von sich erzählte, desto öfter verlangte jemand einen Termin bei ihr. Den Kunden, der sie nun in seine Wohnung bittet, frisierte sie auch früher schon: als Angestellte in einem Salon. Drinnen krabbelt sein zweijähriger Sohn zwischen ihren Beinen herum. Neben ihrer Schere liegen eine Käsereibe und ein Teller mit halb aufgegessenen Spaghetti auf dem Tisch. Bianchis Arbeitsplatz ist nun die Intimsphäre von anderen.

Sie mag das Private. "Ich hab nur nette Kunden", sagt sie, "ich hab sie mir ja ausgesucht." Doch je privater sie sich gibt, das weiß sie, desto unprofessioneller kann sie werden. Es gibt kaum etwas, das Bianchi mehr fürchtet, als einen Fehler zu machen. Deshalb plant sie für jeden Weg doppelt so viel Zeit ein wie nötig. Sie schreibt allen Kunden eine Rechnung, auch denen, die keine wollen.

Später sitzt Margherita Bianchi in ihrer eigenen Wohnung in der Küche und dreht beim Erzählen die Zeit zurück. Zum ersten Mal gespürt habe sie die Angst vor dem Scheitern in der Grundschule. Bianchi ist in Köln aufgewachsen. Ihr Vater kam als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland. "Irgendwas mit Stahl und Schweißen" habe er gearbeitet, "immer andere Jobs". Er schaffte es, die Familie zu ernähren. Aber ihr Vater wurde keiner, der seiner Tochter wirtschaftlichen Aufstieg vorleben konnte. Ihre Mutter blieb Hausfrau.