Versöhnung ist, was viele wollen, aber nur wenige können. Versöhnung setzt Reue voraus, wie das Beispiel jener Potsdamer Oberbürgermeisterin zeigt, unter deren Ägide 1968 der kriegsbeschädigte Rest der barocken Garnisonkirche gesprengt wurde. Krachendes Signal des neuen Bauens, an einem Sonntag im Juni, zur Gottesdienstzeit. Brunhilde Hanke, einst erste SED-Frau der Stadt, sagt in einem Dokumentarfilm, dass sie nichts dagegen tun konnte, weil Staatschef Ulbricht den Kirchenabriss befahl. Aber dann, nach einer Pause, fügt sie hinzu: Ihr Ehemann habe sie gewarnt vor dieser "Kulturbarbarei". Dann wischt Brunhilde Hanke ihre Tränen weg. Die Kamera schwenkt auf das gerahmte Bild hinter ihr, es zeigt jene schöne Kirche von 1732, noch unversehrt, die auch durch ihre Schuld fiel.

Fünfzig Jahre ist das nun her, eine Ewigkeit: Heute klafft, wo der Kirchturm stand, eine Lücke. Sie ließ sich durch den Betonoptimismus der DDR nicht dauerhaft schließen. Sie wird auch nicht weniger schmerzlich dadurch, dass man weiß: Das Auftragswerk von König Friedrich Wilhelm I., ein Baumeisterstück, gekrönt vom preußischen Adler, der zu einer vergoldeten Sonne aufschaut, wurde ein Symbol des Militarismus, Nationalismus und schließlich des Nationalsozialismus. Denn die Preußenkönige sind tot. Hitler und Hindenburg, die sich am 21. März 1933 in der Garnisonkirche die Hand gaben, sind noch toter. Zwar sind Nationalismus und Militarismus nicht vollends verschwunden, doch im heutigen Deutschland sind sie geächtet und widersprechen dem Staatsverständnis. Und nun?

Soll an alter Stelle der alte Turm neu entstehen. Seit 1990 wurde sein Wiederaufbau von den Potsdamer Stadtverordneten mehrfach begrüßt, die demokratischen Gremien der evangelischen Kirche fassten zustimmende Beschlüsse. 2008 wurde eine Stiftung Garnisonkirche gegründet, die sich das Dreifach-Credo gab: "Geschichte erinnern. Verantwortung lernen. Versöhnung leben". Im Herbst 2017 begann unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten der Bau des Turms. Doch weiter warnen Kritiker vor der "Militärkirche". Beim Gottesdienst zum Baubeginn wurde die Pfarrerin als Nazischlampe bepöbelt und dem predigenden Bischof zugerufen: "Fahr zur Hölle!" Es kam im Namen des preußenkritischen Pazifismus Buttersäure zum Einsatz, und kircheninterne Kritiker malten das Schreckbild eines Revanchistentempels, der die dunkle Geschichte des Protestantismus vergessen machen soll: fromme Königstreue, Führertreue, Kriegsverherrlichung.

Doch das ist eine haltlose Unterstellung. Auferstehen soll die barocke Fassade der Preußenzeit, aber nicht sklavisch dem Original nachempfunden, sondern mit der Inschrift: "Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens". Das Bibelzitat wird in fünf Sprachen zu lesen sein, als Friedensgruß an vier Länder, gegen die Deutschland einst Krieg führte: Frankreich, England, Russland, Polen. Innen soll eine "Schule des Gewissens" entstehen, nicht nur ein Kirchenraum, auch Seminarräume, Ausstellung, Bibliothek. 1200 Quadratmeter Lernen auf drei Etagen.

Pfarrer Martin Vogel, der 1968 in Potsdam geboren wurde und zum Vorstand der Stiftung gehört, sieht die Kirche als Ort des offenen Streits. Das Land Brandenburg sei heute eine "religiös gemäßigte Zone", wo man Kirche nur sein könne in der Tradition der Aufklärung. Vogel denkt da an Friedrich Schleiermachers Reden über Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern, der Theologe war übrigens Preuße. Überhaupt Preußen. Die Garnisonkirche will sich weder den Preußenverherrlichern andienen noch den Preußenverteuflern. Sie soll Bürgerkirche sein, und das heißt laut Vogel: "Offen für Bürger im T-Shirt, aber auch für Bürger in Uniform." Vogel hat selber den Dienst in der NVA verweigert.

Dass der Wiederaufbau der Garnisonkirche ein Projekt rechter Waffenfetischisten sei, ist auch so ein Mythos. Zwar musste man sich des rechtsnationalen Oberstleutnants a. D. Max Klaar erwehren, dessen "Traditionsgemeinschaft" für den Bau sechs Millionen Euro Spenden anbot. Doch der zuständige Bischof Wolfgang Huber wies Klaars Bedingungen strikt zurück: dass in einer neuen Garnisonkirche keine Frauen predigen, keine Wehrdienstverweigerer beraten und keine Homosexuellen gesegnet werden dürften. Huber sagt heute über sein Nein zu Klaar: "Wo Kirche draufsteht, muss auch Kirche drin sein." Und: "Es gibt keinen kirchlichen Ort in Deutschland, wo uns die abgründige Ambivalenz der deutschen Geschichte so nahe kommt wie hier. Ich bin für den Aufbau nicht trotz, sondern wegen dieser Geschichte." Das soll wohl heißen, dass eine Baulücke keine Antwort ist, dass ein Problem nicht verschwindet, wenn man eine Kirche sprengt.

Zwei Ostdeutsche, die zum Vorstand gehören, sehen das genauso. Sie haben wie Pfarrer Vogel auch nicht "gedient": Peter Leinemann, Jahrgang 1973, leistete Zivildienst. Wieland Eschenburg, Jahrgang 1959, war Bausoldat. Der ehemalige Potsdamer Kulturstadtrat Eschenburg bedauert, dass die Kritiker der Kirche diese gern von Ferne kritisieren, statt direkt zu streiten. So veranstaltete die Martin-Niemöller-Stiftung eine Tagung zur Garnisonkirche, ohne die Stiftung Garnisonkirche einzuladen. Eschenburg, der als Kind in Rostock eine Kirchensprengung erlebte, ärgert sich auch über die Behauptung: "In Potsdam reißen reiche Wessis die DDR ab." Wer heute auf dem Alten Markt steht, zwischen restauriertem Schloss, Museum Barberini und Nikolaikirche, der empfindet den Brutalismus des sozialistischen Bauens. Es hat die kriegszerstörte Stadt nicht erneuert, sondern konterkariert.