Die Erinnerung, behauptete der deutsche Romancier Jean Paul am Ende des 18. Jahrhunderts, sei "das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können". Das klingt so tröstlich und gleichzeitig so vernünftig, doch was hilft’s, wenn keine Dinge mehr übrig sind, an die sich unsere Erinnerung knüpfen kann? Wenn es nur noch das flüchtige Gedächtnis gibt, Eindrücke, die mit dem Tod letzter Zeugen verschwinden, nichts Sicht- oder Berührbares mehr für so etwas wie Gemeinsamkeit?

Ähnlich wie viele Familien nach 1945 erlebten auch die Grafen Vitzthum von Eckstädt – alter kursächsischer Adel –, dass die Furien des Verschwindens ihnen buchstäblich alles raubten. Nichts erinnerte nach diesem Krieg mehr an das Leben, das sie zu führen gewohnt waren, sie verloren ihre gesellschaftliche Stellung, Vermögen, Ländereien und auch den Familiensitz Schloss Lichtenwalde, etwas östlich von Chemnitz gelegen, einst "die Perle im Zschopautal" genannt. Die Vitzthums flüchteten nach Westdeutschland. Sie rappelten sich auf, wie so viele Familien, und ergriffen bürgerliche Berufe. Sie neigen heute nicht zur Sentimentalität, trotzdem kämpfen sie um ihre Erinnerungen. Davon handelt diese Geschichte.

Sie kreist eigentlich nur um ein paar Ölgemälde und um komplizierte deutsche Rechtsverhältnisse. Im Grunde ist sie unspektakulär, aber sie dreht sich auch um Macht und um Gerechtigkeit, angetrieben vom Wunsch, sich nicht ganz aus dem Paradies der Erinnerung vertreiben zu lassen. Es ist eine beispielhafte Geschichte aus den Tiefen der deutschen Vergangenheit: Als die Mauer vor 28 Jahren fiel, machten sich die Vitzthums keineswegs sofort nach Osten auf, um ihren alten Besitz wieder in Augenschein zu nehmen. Die sächsische Existenz lag Äonen zurück, irgendwo verborgen im Winkel eines Landes, das nun abermals vom Untergang heimgesucht wurde. Es gebe ohnehin nichts zurück, vermeldeten die Organisatoren der deutschen Einheit, niemand solle sich Hoffnungen machen, Grundstücke und Häuser wiederzubekommen, geschweige denn Ländereien oder Schlösser!

Als Lungenheilstätte und Schulungszentrum hatte Schloss Lichtenwalde die DDR überlebt, abgewohnt zwar, aber intakt, nur die berühmten, in Terrassen zum Tal hin sich erstreckenden Barockgärten lagen in erbärmlichem Zustand. Ein paar Jahre später fuhr der Familiensenior doch einmal hin. "Mein Name ist Vitzthum", stellte er sich der Pförtnerin vor. Sie drehte sich wortlos um und griff zum Hörer: "Der Erbe ist da!"

Was die Ansprüche auf sowjetisch oder staatssozialistisch geraubtes Gut anlangt, regelte der Gesetzgeber diesen Aspekt der Einheit bald: Er sah keine Rückgabe von Immobilien und Flächen über 100 Hektar vor, wohl aber Entschädigungen. Was "mobiles Gut" betrifft, das heißt auch Kunst, besteht allerdings Anspruch auf Rückgabe. Der letzte Majoratsherr auf Lichtenwalde war ein wohlhabender Mann; immerhin zwölf Rittergüter gehörten zum Schloss, außerdem eine bedeutende Porzellansammlung sowie die Gemälde, deren bedeutendste im Roten Salon hingen.

So gut wie nichts war mehr da, davon konnte sich der Senior bei seinem Besuch überzeugen. In den folgenden Jahren wurden die Vitzthums für ihr Land entschädigt, mit einer Summe, deren Höhe im Vergleich zur Größe des Besitzes überschaubar war, aber so entsprach es den Bemessungsgrundlagen. An einen Rückkauf des Schlosses wurde zwar gedacht, die Familie entschied sich dagegen – zu hoch das finanzielle Risiko, eine dreiflüglige spätbarocke Anlage samt Gärten zu restaurieren. Außerdem signalisierte die Kommunalpolitik, dass kein Wessi dort als Besitzer wohlgelitten war. Also Ende des Falls, alles Geschichte und zurück zur bundesrepublikanischen Tagesordnung?

Nicht ganz. Es bedurfte des Sprungs über eine Generation, bis der Schwung sich neu bildete, ums Familienerbe zu streiten. Georg Vitzthum, Neffe des Seniors, kannte nur Erzählungen. Was ihm den Weg andeutete, waren ein paar ältere Dokumente, die immerhin Indizien enthielten. 2014 entdeckte er beim Londoner Auktionshaus Bonham’s ein Gemälde von Georges Desmarées aus dem 18. Jahrhundert, das eindeutig aus Lichtenwalde stammte. Für die Auktion war es zu spät, aber am Ende konnte er das Bild doch erwerben. Dann tauchte ein Hyacinthe Rigaud in der Schweiz auf; das Bild verschwand in einer Sammlung. Immerhin, die Sucherei lohnte.