Nein, niemand hier, der andächtig verstummen, der innig von der Kunst ergriffen würde. Eine fröhlich brabbelnde Menge drängt an diesem Montagmorgen durch die offenen Pforten der Dominikanerkirche in Münster, alle haben sie gehört von der neuen, womöglich weltbewegenden Sensation, von Gerhard Richter, dem meistbestaunten Künstler der Deutschen, der hier unter der hohen Kuppel sein womöglich letztes großes Werk präsentiert. Manche bejubeln es bereits in hohen Tönen, andere befehden es nach Kräften.

Vor allem einigen Theologen behagt es gar nicht, dass ein Gotteshaus entweiht, dass Kreuz und der zentrale Altartisch ausgeräumt wurden, nur damit sich ein zeitgenössischer Künstler auf unabsehbare Zeit breitmachen konnte. Dass Richter dann auch noch von einem "kleinen Sieg der Naturwissenschaft über die Kirche" sprach, als er sein Projekt vorstellte, machte die Theologen nicht eben glücklicher. Das Kunstwerk erinnert an Léon Foucault, der 1851 mit seinem berühmten Pendel den letzten greifbaren Beweis dafür erbrachte, dass nicht der Erdball im Zentrum des Universums steht, wie es die katholische Lehre lange behauptete. Vor allem die Dominikaner wollten das heliozentrische Denken unterbinden. In Münster ist es nun just die einstige Konventskirche dieses Ordens, in der Richter das Pendel schwingen lässt. Es riecht nach später, sehr später Rache.

Doch das täuscht, Richter geht es keineswegs um den Triumph des Wissens über den Glauben. Denkbar unspektakulär schwingt sein Pendel vor und schwingt zurück, geräuschlos, unbeirrbar, in gespenstischem Gleichmaß. Die handballgroße Metallkugel hängt nicht, sie schwebt im Zentrum der Kirche, und nicht zuletzt diese Schwerelosigkeit des Schweren – die Kugel wiegt fast einen Zentner – zieht die Blicke auf sich. Gut verborgen im Fußboden sorgt ein magnetisches Feld dafür, dass die Bewegung nie erlahmt. Hin, ein langer Atemzug, zurück, ein langer Atemzug.

Wer lange genug hinschaut, wird eine geradezu hypnotische Wirkung empfinden, die noch dadurch verstärkt wird, dass sich in der hochpolierten Kugel der weite Raum der Basilika spiegelt und also auch das Bild der Besucher. Verschwommen zwar und leicht verzerrt, doch unverkennbar schwingt ihr Bild auf und nieder, gefangen im ewigen Vor und Zurück.

Das bloße Auge erkennt kaum die Veränderung. Es ist, als schaute man auf eine Armbanduhr, die nur einen Zeiger besitzt, den für die Stunden. Er bewegt sich, aber so langsam, dass man es erst nach einer langen Weile bemerkt. Auch das Pendel wandert aus der Bahn, man kann es an der Bodenplatte mit ihrer Skala ablesen. In Wahrheit allerdings ist es nicht das Pendel, das sich verschiebt, es ist die Platte. Sie hat sich gedreht, so wie sich die ganze Welt gedreht hat. Es ist dies der Beweis: Wir stehen nicht still, auch wenn wir stillhalten. Die glänzende Kugel folgt stets derselben Bahn, nur unser Bild auf diese Kugel, unser reflektiertes Selbst verschiebt sich.

Man kann das als einen Ausdruck des Unausweichlichen begreifen. Eine höhere, eigentlich unfassliche Macht, die des rotierenden Erdballs, gewinnt hier eine Form. Doch für sich genommen lässt sich das kaum als Kunst deklarieren. Schon oft wurde das Foucaultsche Pendelprinzip erprobt, gerne auch in Kirchen. Richter aber ergänzt den Versuchsaufbau durch seine Bilder, wenngleich die meisten Besucher sie nur mit dem Rücken betrachten: Sie schauen auf das Pendel und nicht auf die Seitenwände, auf denen Richter jeweils zwei Glasplatten angebracht hat, sehr schlank und sehr grau. Die Scheiben spiegeln den Kirchenraum. Sie spiegeln auch die spiegelnde Kugel. Und sie spiegeln sich gegenseitig. Wer also in den Spiegel schaut, sieht, wie ein Spiegel das Spiegelbild eines Spiegelbilds spiegelt – und sieht sich mittendrin in diesem schier endlos weiten, endlos grauen Scheinraum. Für Richter ist auch das ein Beweis: dafür, dass nichts zu beweisen ist.

Nachdem er 1961 aus der DDR geflohen war, malte er als Erstes ein graues Bild. Auch seine ersten monochromen Werke sind grau, sie setzen die Betrachter auf Entzug. Keine Farbe, kein Sujet, kein Sinn. Grau, hat Richter einmal gesagt, "ist eigentlich weder sichtbar noch unsichtbar", es sei "wie keine andere Farbe geeignet, 'nichts' zu veranschaulichen". Viele Künstler der sechziger Jahre wollten ihrer Kunst jede höhere Bedeutung austreiben. Ähnlich lässt Richter die Betrachter mit ihrer Ratlosigkeit allein, auch jetzt in Münster.

Hier erkennen sie, dass sie nichts erkennen, allenfalls die Grenzen ihres Erkenntnisvermögens. Damit aber entzieht Richter just jenem Pendel, das er ins Zentrum seiner Installation stellt, die zwingende Beweiskraft. Wo die Wissenschaft behauptet, Foucault sei es gelungen, die unsichtbare Erdendrehung anschaulich zu machen, sagt Richter, mit der Anschauung allein sei nichts gewonnen. Keine Bedeutung und kein Beleg für irgendetwas, denn zum Eigentlichen könnten unsere Augen nicht vordringen. Der Mensch verliere sich in den Spiegelräumen seiner Wahrnehmung, jede Wahrheit sei relativ, auch die des schwingenden Stahlballs.

Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass Richter seine Glasplatten fast unmerklich verkantet hat. So verschieben sich die Blickwinkel, manchmal sieht es im Spiegelbild aus, als hingen auf der Gegenseite nicht zwei, sondern drei Scheiben nebeneinander. Ein Spiel der Täuschung, das die nüchterne Perfektion des Versuchsaufbaus unterläuft.

Einerseits beschwört Richter die Unentrinnbarkeit des Immergleichen; eigens wird im ausliegenden Begleittext darauf hingewiesen, dass die Platte, über der das Pendel schwingt, aus Grauwacke gefertigt wurde, einem 380 Millionen Jahre alten Sedimentgestein. Anderseits erweist sich die kalte Makellosigkeit seiner Spiegelscheiben in ihrer Wirkung als unvorhersehbar. Ständig wechselt das Bild, Menschen drängen hinein und verändern es allein durch ihre Anwesenheit.

Eine Kunstreligion wird man das kaum nennen können. Richter stiftet keinen Sinn, es gibt in seiner Kirche kein Heil, weder Gnade noch Vergebung. Es gibt nur den grauen, hypnotischen Zweifel an jedem Anspruch auf Gültigkeit. Damit allerdings erinnert diese Kunst an die Denkweise einer negativen Theologie. So wie sich über einen grenzenlosen Gott nichts Gültiges sagen lässt, entzieht sich auch Richter jeder Bestimmtheit. Das graue Nichts seines Werks ähnelt dem Nichts, das Gott selbst ist, jedenfalls in den Augen mancher Theologen, die ihn nicht auf irgendein Etwas festlegen wollen. Richter, ein Meister der Indifferenz, hat in Münster zumindest in dieser Hinsicht einen Glaubensort gestiftet. Sein Mysterium ist: die Unausdeutbarkeit der Kunst.

Der barocke Hochaltar übrigens, der noch ganz vorn in der Apsis steht, wird nun schamhaft verborgen, hinter einem weißen Vorhang.