Das Kind ist krank, die Handwerker kommen, oder eine Speditionslieferung steht an? Wer in den Niederlanden arbeitet, für den ist das seit zwei Jahren nur noch selten ein Grund für Schweißausbrüche. Denn seither haben niederländische Beschäftigte ein "Recht auf Homeoffice". Die Arbeitnehmer können so nicht nur ihr Privat- und Berufsleben besser miteinander vereinbaren, sie stehen zum Beispiel auch weniger im Stau. Das spart Zeit und Geld, schont die Nerven und die Umwelt. Ich persönlich finde: Was in unserem Nachbarland von dem liberalen Premier Mark Rutte auf den Weg gebracht wurde, sollte auch bei uns machbar sein. Denn die Digitalisierung tickt in Amsterdam nicht anders als in Aachen.

Homeoffice-Vorbild: Niederlande

Die Realität in Deutschland entspricht dem allerdings noch nicht. Zwar steigen die Homeoffice-Angebote in deutschen Unternehmen, im internationalen Vergleich hinkt Deutschland aber hinterher. Einerseits leben wir längst mehr Flexibilität – wer schreibt zum Beispiel heute nicht mal nach 17 Uhr noch dienstliche E-Mails? Andererseits muss man sich oft immer noch schräge Blicke gefallen lassen, wenn man seinen Vorgesetzten danach fragt, von zu Hause arbeiten zu dürfen. Es ist daher Zeit für eine neue Balance:

Homeoffice geht nicht immer und überall – wie soll etwa ein Handwerker oder ein Unfallchirurg im Homeoffice arbeiten? Aber dort, wo es geht und gewünscht ist, sollte mobiles Arbeiten künftig auch möglich gemacht und diese Möglichkeit gesetzlich verankert werden. Wenn es unseren niederländischen Nachbarn gelungen ist, so den Kulturwandel zu mehr Freiheit und Flexibilität zu beschleunigen, ohne dass irgendwo Schaden entstanden ist, kann dies auch für uns ein Vorbild sein.

Die Debatte umdrehen

Zumal sich die Regelung selbst bei näherem Hinsehen als ausgewogen erweist: Der Wunsch der Arbeitnehmer ist ernsthaft zu prüfen, mit ihnen zu erörtern, und ihre Interessen sind zu berücksichtigen. Nicht das mobile Arbeiten soll begründungsbedürftig sein, sondern seine Ablehnung. So könnten auch wir die Debatte umdrehen.

Zugleich müssen die Arbeitgeber dann natürlich auch von bürokratischen Vorgaben mancher Arbeitsschutzvorschriften entlastet werden. Es versteht kein Mensch, dass der Chef beispielsweise für den richtigen Lichteinfall zu sorgen hat, wenn Mitarbeiter zu Hause am Computer arbeiten – das können mündige Bürgerinnen und Bürger besser selbst.

Das deutsche Arbeitszeitgesetz stammt aus dem Jahr 1994. Damals schrieben die allermeisten Menschen noch keine E-Mails, surften nicht im Internet, es gab kaum mobiles Arbeiten, und das Smarteste an Telefonen war, dass sie keine Wählscheibe mehr hatten. Es ist daher kein Zufall, dass unsere niederländischen Nachbarn mit ihrer Reform sowohl bei der Verteilung der Arbeitszeit als auch beim Arbeitsort mehr Flexibilität geschaffen haben – beide Themen gehören zusammen. Denn wofür sorgt das veraltete Arbeitszeitgesetz in Deutschland? Wer heute um 22 oder 23 Uhr noch ein paar dienstliche E-Mails schreiben oder auch nur lesen will, darf das am nächsten Morgen laut Gesetz nicht vor 10 Uhr fortsetzen. Wer hält sich in der Realität daran? Dieses Gesetz wird heute jeden Tag und wahrscheinlich millionenfach gebrochen. Das darf in einem Rechtsstaat aber nicht die Regel sein. Gesetze müssen gelten, gerade wenn sie Arbeitnehmerrechte schützen sollen.

24 Jahre später ist es daher höchste Zeit für ein Update des Arbeitszeitgesetzes. Niemand soll insgesamt mehr arbeiten oder weniger Pausen machen dürfen, aber die Einteilung soll freier sein als heute. Wir sollten uns einfach an der EU-Arbeitszeitrichtlinie orientieren. Diese gibt genau dieselbe maximale Wochenarbeitszeit vor wie das aktuelle deutsche Recht, aber es gibt mehr Freiheit bei der Einteilung unter der Woche.

Mit diesem Vorschlag tut sich gleichwohl nicht nur die aktuelle Regierungskoalition schwer, auch die Gewerkschaften haben hier noch Schwierigkeiten, überkommene Denkschablonen über Bord zu werfen. Aber so wie sich die Arbeitgeber beim Thema Homeoffice auf Neues einlassen und die Präsenzkultur hinterfragen sollten, so sollten sich auch die Gewerkschaften bewegen. Denn nur wenn alle Seiten einen Schritt nach vorn machen, können wir eine neue Balance für die moderne Arbeitswelt schaffen. So kann unser Land vom Nachzügler zum Vorreiter für mehr Selbstbestimmung werden.