Konservative Bischöfe gegen liberale, ein Machtkampf der beiden Kardinäle Rainer Maria Woelki und Reinhard Marx, den am Ende der Papst entschied: Der Konflikt unter den deutschen Bistümern über die Frage, wer zur Kommunion gehen darf, wurde vor allem als Richtungsstreit der deutschen Kirche interpretiert. Was aber sagt die Intervention aus Rom über Franziskus selbst? Warum hat er den Deutschen verboten, protestantische Ehepartner offiziell zum katholischen Abendmahl zuzulassen? Wird der Papst nun konservativ? Am vergangenen Wochenende hat er das liberale Lager noch mehr verwirrt: Abtreibung verglich er mit der Euthanasie unter den Nazis. Homosexuelle, sagte er, könnten keine Familien bilden. Christ&Welt hat führende Kirchenexperten nach ihrer aktuellen Franziskus-Einschätzung gefragt.

Besser mit Weitwinkel

Unser Blick ist zu eng. Neulich war ich auf einer Party und plauderte mit Journalisten-Kollegen aus der Hauptstadt. Die römische Zurückweisung der deutschen Bischöfe in Sachen Kommunion-Handreichung, das sei doch eine Zäsur im Pontifikat von Franziskus, mutmaßte ich. "Kann schon sein", sagte mein Gegenüber. "Um was für eine Handreichung geht es?" – Kommunionsstreit? Nie gehört! Wir professionellen Kirchenbeobachter müssen auf die Totale schalten. Mit dem Weitwinkel sieht man Franziskus besser.

Überall in Berlin begegnet man dem Papst. Selbst größere Kinos kündigen den Film von Wim Wenders an. "Ein Mann seines Wortes" hat auch negative Besprechungen bekommen. Das ändert nichts an seiner medialen Präsenz. Franziskus hat das Papstamt zu einem Sympathieträger gemacht. Er ist im weitesten Sinne massentauglich und säkular kompatibel. Viele seiner Äußerungen, wie auch die jüngsten zu Homosexualität und Abtreibung, erreichen in dieser Fülle und im Detail ein breites Publikum nicht. Aber die große Franziskus-Erzählung, die sitzt eben. Der Wenders-Film wird auf lange Sicht in der Rezeption wichtiger sein als der Brief zur Kommunionsdebatte. In diesem Sinne ist und bleibt Franziskus ein Revolutionär. Er hat der Kirche wieder ein größeres Spielfeld eröffnet. Dabei geht es ihm nicht im engeren Sinne um Theologie und Dogmatik, auch nicht um Anpassung, sondern um Sprechfähigkeit in Milieus, die von der Kirche kaum noch erreicht werden. Liberale und Konservative erliegen dabei demselben Irrtum. Sie meinen, der Papst versündige sich an der Kirche, weil er entweder der einen oder der anderen Gruppe mehr zuneige. In Wahrheit interessiert er sich für beide Seiten gar nicht. Franziskus ist nicht so sehr mit der Kirche und Kirchenpolitik beschäftigt, sondern mit Mission und Verkündigung. Und das ist ja auch wichtig.

Volker Resing ist Chefredakteur der "Herder-Korrespondenz".

Hättest du auf mich gehört!

In seinem ersten großen Interview 2013 dauerte es lange, bis Franziskus das verräterische Four-Letter-Word "muss" benutzte. Er sagte: "Man muss immer die Person anschauen." Auf ZEIT ONLINE kommentierte ich: "Hinsehen, hinhören, mitfühlen, begleiten will Franziskus. Bisher war die Kirche ein fein ziseliertes Herrschaftssystem aus Schuld und Strafe, aus Denunziation der Lauen und Belohnung der Strammen, aus Ämterhuberei und Demutsbekundungen. Ginge es nach diesem Papst, dann wäre es damit bald vorbei. ... Niemand weiß, ob seine Kirche das überleben wird und ob Franziskus lange im Vatikan überlebt." Ach Franz, hättest du damals nur auf mich gehört! Das mit der Person war naiv. Man muss immer die Institution anschauen. Mutter Kirche ist auch nur ein Mann. Deren oder dessen institutioneller Selbsterhaltungstrieb souffliert: Wer Nein sagt, überlebt. Wer fürs eigene leibliche Wohl sorgt, überlebt. Wer die Norm über den Menschen stellt, überlebt. Diese Institution zieht auch den Höchsten runter. Jetzt enden meine Kommentare mit dem Satz: "Die franziskanische Revolution ist zur franziskanischen Kapitulation geworden." Aber gerade weil die "FAZ" davon abrät, muss ich mir die Papstperson unbedingt im Kino anschauen. Ach Franz, war eine geile Zeit mit dir.

Christiane Florin ist Deutschlandfunk-Redakteurin. Zuvor leitete sie die Redaktion von Christ&Welt.

Franziskus ist übervorsichtig

Haben wir ihn etwa falsch verstanden? Er hat doch gesagt: "Andate avanti!" Es war im November 2015 – beim Besuch der evangelischen Gemeinde in Rom wurde Franziskus von einer Frau gefragt, wann es denn endlich so weit sei, dass sie gemeinsam mit ihrem katholischen Mann zur Kommunion gehen kann. Antwort an das Ehepaar: "Sprecht mit Gott und dann geht voran, andate avanti!" Und nun, da die deutschen Bischöfe (ganz behutsam) vorangehen wollen, kommt das Veto aus dem Vatikan. Um das zu verstehen, hilft ein Blick in das Protokoll jenes päpstlichen Besuchs in der lutherischen Christuskirche zu Rom. Franziskus hat nämlich hinzugefügt: "Mehr wage ich nicht zu sagen." Der Papst ist nicht naiv. Er weiß, welche Bauchschmerzen selbst eine vorsichtige Öffnung traditionsbewussten Katholiken bereitet. Er sorgt sich um die Einheit seiner Kirche und baut deshalb auf ein mündiges Christentum. Frei nach seinem Motto: "Wer bin ich, darüber zu urteilen?" Bei moralisch oder theologisch umstrittenen Fragen vertraut Franziskus mehr auf das Gewissen des Einzelnen als auf lehramtliche Direktiven. Wenn daraus allerdings eine verbindliche Norm werden soll, ist er vorsichtig, und – wie ich finde – übervorsichtig.

Tilmann Kleinjung ist Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, Redaktion Religion und Orientierung.

Kommt nicht zum Papa wie petzende Gören!

Endlich! Katholiken, die es eigentlich besser wissen können, glauben mit sprungbereiter Feindseligkeit auf ihn einschlagen zu müssen. Ja, genau, warum soll es Franziskus auch besser gehen als Benedikt XVI.? Vielleicht weil der Papa emeritus selten links blinkte, bevor er rechts abbog. Dafür hat der jetzige Amtsinhaber in den fünf Jahren seines Pontifikats Positionslichter in alle Richtungen gesetzt. Wer den vielen Wörtern des Papstes zu folgen versucht, gerät in ein Dauerkreiseln mit Schwindelgefahr bis zum Brechreiz. Bestes Beispiel: die Schwulen. Mal liebt der Papst sie (so wie der liebe Gott sie liebt, versteht sich) und will auf gar keinen Fall über ihren Lebenswandel urteilen. Mal spricht er ihnen die Möglichkeit ab, als Familie zu leben, weil das ja nur Mann und Frau könnten.

Solche – wie die Psychologen sagen – Double-bind-Botschaften sind typisch Franz. Was also tun? Nicht auf seine Wörter hören, sondern ihn beim Wort nehmen. Wenn dieser Papst eines nicht sein will, dann der Oberzensor mit möglichst langen Mängellisten zum Abhaken in allen Lebenslagen. Im Kommunionsstreit kann das nur bedeuten, was die deutschen Bischöfe Anfang Mai zu hören bekamen: Kommt nicht zum Papa wie petzende Gören! Seid erwachsen, oder werdet es endlich!

Ja, aber – der Brief aus Rom! Das Nein zur Handreichung! Das päpstliche Siegel! Moment, war da nicht noch ein anderes Wort? "Ihr werdet Fehler machen, ihr werdet anderen auf die Füße treten. Das passiert. Vielleicht wird sogar ein Brief der Glaubenskongregation bei euch eintreffen, in dem es heißt, dass ihr dies oder jenes gesagt hättet. Macht euch darüber keine Sorgen! Erklärt, wo ihr meint, erklären zu müssen, aber macht weiter! Macht die Türen auf!" Und bleibt – wie es sich für Katholiken gehört und woran der Wuppertaler Theologe Michael Böhnke erinnert – in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom. Der sagt evangelischen Christen über eine Zulassung zur Kommunion: Nicht meine Kompetenz, aber "sprecht mit dem Herrn, und geht weiter!" Kreisverkehr war damit sicher nicht gemeint.

Joachim Frank ist Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe und Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten.