Die Zukunft von Leipzig wird an einem sonnigen Vormittag im Amtsgericht, Saal 149, verhandelt. Zwischen blassgelben Wänden kämpft eine Aktiengesellschaft gegen eine Kleinfamilie. Die einen wollen Badezimmer mit teuren Fliesen und wandhängenden Toiletten installieren. Die anderen wegen so etwas nicht mehr Miete zahlen.

Es geht hier, in erster Linie, um einen Mietstreit. Doch eigentlich geht es um mehr. Eigentlich geht es um die Frage, was Leipzig einmal war – und was es werden könnte. Es geht darum, wie Alt gegen Neu kämpft in einer Stadt, die eine der größten Boom-Phasen ihrer Geschichte erlebt. Wem nützt das? Und wem schadet es?

Im Saal 149 sitzen an diesem Tag auf der einen Seite, neben ihrem Anwalt, die Beklagten: Maria Kantak und Albrecht Lange, die mit ihrem Sohn in einer Altbauwohnung im Westen der Stadt leben, beste Lage, kaputte Fassaden – Kaltmiete: 1,50 Euro pro Quadratmeter. Sein Leitungswasser kann das Paar nicht trinken, weil die Rohre zu alt sind. Aber das hat Albrecht Lange nicht gestört. "Es gab hier immer einen Deal", sagt er. "Wir kümmern uns um das Haus, lassen die Vermieter in Ruhe. Und sie lassen uns in Ruhe."

Auf der anderen Seite des Saals sitzt der Anwalt der Rubin 45 GmbH, eines Tochterunternehmens der privaten Leipziger Stadtbau AG, die diese Wohnung und das Haus drumherum seit fünf Jahren besitzt. Rubin 45 will Rohre erneuern, Fassaden reparieren – und dass das nötig ist, darin sind sich alle einig. Aber was die Firma auch tun will: Küchen fliesen, Raufasertapeten anbringen, Videogegensprechanlagen installieren. Das will die Familie nicht, vor allem will sie das nicht mit einem höheren Mietpreis bezahlen. Die Aktiengesellschaft teilt mit: "Das Objekt befindet sich in einem desolaten Zustand, in dem eine Sanierung und Modernisierung zwingend erforderlich ist."

Man könnte auch sagen: Seit Firmen wie Rubin 45 die Häuser von Familien wie den Lange-Kantaks besitzt, gilt der Deal des alten Leipzigs nicht mehr.

Was die Konstellation im Saal 149 so typisch macht, sind die Extreme. Einerseits diese geradezu irrwitzig günstige Nettokaltmiete von 1,50 Euro. Auf der anderen Seite eine Aktiengesellschaft, die von heute auf morgen luxussanieren würde.

Die Sympathien in solchen Verfahren sind, je nach persönlicher Sichtweise, schnell verteilt. Die einen sehen eine Kleinfamilie gegen einen Konzern kämpfen, David gegen Goliath, Gut gegen Böse. Die anderen halten die Familie, die sich gegen neue Fliesen wehrt, für Realitätsverweigerer. Beide Sichtweisen wären ein bisschen zu einfach. Zwischen diesen Positionen, zwischen diesen beiden Seiten im Saal 149 wird eine Frage verhandelt, die für diese Stadt so grundsätzlich ist, die immer bedeutender, drängender, wird: Ist Leipzig eigentlich noch das Paradies?

Gegenfrage: Was ist ein Paradies?

Leipzig, das war jahrelang das bessere Berlin. Hier wollte nicht nur jeder hin, hier konnte auch jeder hin. Die Stadt hatte Platz. Billigen Platz. Sie war das Paradies für alle, die Freiraum suchten. Ein Mietpreis von 1,50 Euro – in Westdeutschland würde jeder darüber lachen. In Leipzig war so ein Preis, in einem unsanierten Gründerzeitgebäude, noch vor nicht allzu langer Zeit Normalität. Das war, einerseits, eine gute Zeit. Andererseits auch eine ungute: Denn es war so viel überflüssiger Wohnraum da, dass Mieten nichts kostete, Sanierungen sich nicht lohnten, Straßenzüge verfielen.

Diese Zeit ist jedenfalls vorbei. Heute hat Leipzig 580.000 Einwohner, allein in den letzten sieben Jahren sind fast 62.000 Menschen zusätzlich hergezogen. Keine andere deutsche Stadt ist so schnell gewachsen. Keine hat damit so überrascht. Noch vor 15 Jahren war Leipzig die Stadt des Leerstands. Jetzt wird um Platz gestritten.

Der Mann, der profitiert

Stefan Naether fährt in seinem breiten Range Rover durch Leipzig und zeigt durch das Autofenster auf alles, was ihm gehört. "Das haben wir vor fünf Jahren gekauft", sagt er in der einen Straße. "Das hier vor drei Jahren komplett saniert", sagt er in der nächsten. Naether, 50, blaues Jackett, Turnschuhe, Fünftagebart, besitzt Leipzig. Zumindest einen kleinen Teil davon. Er ist der Chef einer Immobilienmaklerfirma. Außerdem gehören ihm 400 Wohneinheiten, verteilt in der ganzen Stadt.

Stefan Naether steht für das neue Leipzig. Sein Paradies sieht so aus: Häuser in satten Farben, mit doppelt verglasten Fenstern und ohne blätternden Putz, hier und da mal ein Swimmingpool auf dem Dach. In steigenden Mieten sieht er keine Bedrohung, sondern ein Versprechen – dass die Stadt schöner wird. Und er, Stefan Naether, darf mitverschönern. "Ich habe immer an Leipzig und seine besondere Atmosphäre geglaubt", sagt er. "Jetzt entdecken das viele. Das ist auch ein Lohn."