Thomas "Tip" O’Neill (1912–1994) war einer der letzten allseits respektierten Politiker der Demokratischen Partei der USA. Aus der irischen Gemeinde Bostons stammend, war er fast ein halbes Jahrhundert lang Parlamentarier, erst in Massachusetts, dann für 33 Jahre im Kongress in Washington, wo er von 1977 bis 1987, länger als jeder seiner Vorgänger, "Sprecher" des Repräsentantenhauses war. Seine lange politische Erfahrung fasste er in einem Satz zusammen: "All politics is local" – jede Politik ist Lokalpolitik.

Lokal kann vieles heißen, aber eins nicht: grenzenlos überall und überall gleichermaßen. Politisches Handeln ist an verortete Gemeinschaften gebunden – Verständigungs-, Verantwortungs-, Verpflichtungs- und Praxisgemeinschaften. Politik ist weder Wohltätigkeit noch Kampf für den eigenen Vorteil oder darf doch keins von beiden ausschließlich sein: Ihr Thema ist die gerechte Ordnung eines Ganzen, das sich als Ganzes versteht und Mitglieder hat, die sich für es verantwortlich fühlen und berechtigt und in der Lage, es mitzugestalten. Die Welt kann kein solches Ganzes sein; hier gilt der Merksatz einer ungeliebten und praktisch wohl wenig begabten (aber wo sie recht hat, hat sie recht!) britischen Premierministerin, "A citizen of the world is a citizen of nowhere" – ein Weltbürger ist nirgendwo Bürger. Seltsam, dass die kosmopolitisch fühlenden Universalisten, die es mit dem Ausdruck ihrer Empörung über Theresa Mays schlichte Erkenntnis nicht genug sein lassen können, nicht merken, wie nah sie dabei der berüchtigten Maxime ihrer Vorgängerin Margaret Thatcher kommen: "There is no such thing as a society, there are only individuals and their families" – es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen und ihre Familien.

Damit Politik mehr sein kann als Wohltätigkeit oder Vorteilssuche, muss sie verstehen können, worum es ihrer Gesellschaft geht. Verständnis ergibt sich aus gemeinsamer Zugehörigkeit, also geteilter Besonderheit; dass jemand ein Menschenrechtssubjekt ist, sagt mir nicht, was er für gerecht oder ungerecht hält. Nur aus Zugehörigkeit ergibt sich ein dauerhaftes Gefühl von Verantwortung, das, verbunden mit einem Minimum an praktischer Zuversicht, gemeinsam etwas erreichen zu können, zu politischem Handeln bewegen kann. Wo die jeweiligen Verständnis-, Verantwortungs-, Verpflichtungs- und Handlungsgemeinschaften enden, wen sie ein- und ausschließen, mag sich unterscheiden und verschiebt sich wohl auch laufend – nur unendlich können sie nicht werden oder doch nur für, mit Max Weber, "religiöse Virtuosen"; bei allen anderen würde der praktische Impuls angesichts der gänzlichen Unmöglichkeit seiner wirksamen Realisierung bestenfalls zu gelegentlichen Überweisungen auf ein Spendenkonto für Überschwemmungsopfer reichen.

Wer in England versteht, was Deutsche mit Föderalismus meinen?

Wer sich zu Vielfalt bekennt, bekennt sich zu Grenzen, zu Unterscheidungen zwischen innen und außen und zu Besonderheiten, einschließlich zur eigenen. Die meisten selbsterfühlten "Kosmopoliten" kennen andere Länder bestenfalls von Gebirgstouren in Nepal oder einer Shopping-Woche in New York. Trotzdem glauben sie, sich überall gleich gut auszukennen und überall gleich gut zu wissen, wo es langzugehen hat. So fallen sie in das Beuteschema jener deutsch-türkischen SPD-Laienethnologin, die beobachtet haben wollte, dass es außer der Sprache keine Eigenarten der deutschen im Vergleich zu anderen Gesellschaften, mutmaßlich einschließlich der der Türkei, gibt – und dann wohl auch nicht zwischen Schweden und Italien, Russland und Frankreich oder Japan und Marokko. In Wahrheit braucht selbst ein begabter Student der vergleichenden Politikwissenschaft ein gutes Jahrzehnt, um von sich behaupten zu können, dass er ein anderes Land annähernd so gut verstehe wie das eigene. Wer außerhalb von Frankreich vermag schon die Ober- und Untertöne mitzuhören, wenn ein französischer Präsident wie Macron ein "souveränes Frankreich in einem souveränen Europa" heraufbeschwört? Und wer in Großbritannien weiß, was die Deutschen meinen, wenn sie "Föderalismus" sagen? Und wenn im fernen Pakistan zwei islamistische Sekten blutig aufeinander einschlagen, wer in Europa, gelernte Islam-Spezialisten ausgenommen, würde da nicht verständnislos mit dem Kopf schütteln und von der "eigenen" Regierung verlangen, dass sie dafür sorgt, dass dieser "Irrsinn" nicht in das "eigene" Land herüberschwappt?

Vielleicht helfen die Erfahrungen von jemandem weiter, der runde zwölf Jahre seines erwachsenen Lebens in drei oder vier anderen Ländern "gut und gerne" gelebt hat, die längste Zeit davon in den USA. Dass dieses Land es bis heute nicht geschafft hat, sich politisch und kulturell Rechenschaft über das von ihm angerichtete völlig sinnlose gigantische Blutvergießen in Vietnam zu geben, halte ich für eine moralische und politische Katastrophe. Aber ich fühle mich dafür nicht verantwortlich – ganz anders als für das Massaker, das "wir" angerichtet haben, obwohl ich an diesem als Person so wenig beteiligt war wie an jenem. Ebenso ist es mir immer schwergefallen, von amerikanischen Bürgern zu verlangen, dass sie endlich die Tatsache in ihr Geschichtsbild einarbeiten, dass ihr Land das erste und einzige war, das je Atomwaffen eingesetzt hat, nacheinander gegen zwei Städte mit Hunderttausenden von Zivilisten – auch weil ich es nicht für vollständig unberechtigt hielte, wenn man mir antworten würde, ich solle doch besser vor meiner eigenen, der deutschen Tür kehren.

Es gibt eine partikulare Verantwortung, die schwerer wiegt als eine universelle und die man nicht einfach ablehnen darf. Bürger eines Landes zu sein kann eine besondere Zuständigkeit für ein historisches Erbe bedeuten, dem man nicht dadurch entkommt, dass man sich zum "Weltbürger" umdeklariert. "Lokal", im Sinne von ortsgebunden, sind auch die stärkeren unter unseren, mit Adam Smith, "moralischen Gefühlen", um derentwillen man sich manchmal politisch einmischt. Wenn ich lese, dass wieder einmal ein Wahnsinniger in einer amerikanischen Schule ich-weiß-nicht-wie-viele Kinder erschossen hat, dann ist es mir ein immer neues Rätsel, warum es in einem Land, in dem es als selbstverständlich empfunden wird, dass niemand schneller fahren darf als 100 Stundenkilometer, auch nicht auf einer schnurgeraden und völlig leeren Autobahn, nicht möglich sein soll, den Verkauf von Sturmgewehren sozialverträglich zu regulieren. Ein Rätsel, ja – aber ich fühle mich nicht betroffen. Wenn aber ein Herr Poggenburg von der AfD vor einer schreienden Meute von deutschen Männern meiner Generation meinen türkischen Gemüsehändler und meine türkischen Studentinnen als Kümmelhändler und Kameltreiber und dergleichen beschimpft und sie nach "weit hinter dem Bosporus, zu ihren Lehmhütten und Vielweibern" abschieben will, dann frage ich mich, ob ich will oder nicht, was hat meine Gesellschaft, meine Regierung, mein Schulsystem, das ich mitbezahle, und was habe damit vielleicht auch ich falsch gemacht, dass "wir" einen derart armseligen oder vielleicht doch einfach abgrundschlechten Menschen hervorgebracht haben, dem es ein Bedürfnis zu sein scheint, anderen, die ihm nichts getan haben, Angst und Schrecken einzujagen, wenn nicht sogar am Ende tatsächlich ihr Leben zu zerstören? Hat da vielleicht jemand meine Steuergelder nicht richtig eingesetzt? Die National Rifle Association zu bekämpfen ist Aufgabe der Amerikaner – aber das Rätsel Poggenburg (unseres "Bruders Poggenburg") zu lösen, dafür sind wir, seine Mitbürger und Mitgesellschafter, zuständig.