DIE ZEIT: Herr Brandt, ist es denn für einen echten Fußballfan möglich, ein Turnier zu genießen, wenn die eigene Mannschaft nicht mehr dabei ist?

Matthias Brandt: Ich habe in meinem Leben sehr daran gearbeitet, mich von anderen Menschen nicht zu sehr in meinem Empfinden stören zu lassen – auch nicht von einer Fußballmannschaft. Also werde ich hoffentlich das Turnier auch weiter genießen, wenn wir ausscheiden sollten. Das wäre traurig – aber ich würde es schaffen.

ZEIT: Glauben Sie, dass Löws Mannschaft weit kommen wird?

Brandt: Hoffentlich. Aber in meinem Umfeld sagen viele: Die fliegen in der Vorrunde raus. Wenige sagen: Das Spiel gegen Mexiko war nur ein Unfall.

ZEIT: Was sagen Sie?

Brandt: Das Ausmaß der Dysfunktionalität in der Mannschaft war schon erstaunlich. Vor allem, wenn man die Gruppendynamik beobachtete. Man hat das Gefühl, unsere Mannschaft ist sich vor allem einig in ihrem Phlegma. Und es gibt niemanden, der dem entgegenwirken, der die anderen rausreißen könnte – so wie das bei den Portugiesen Ronaldo tut. Bei ihm hat man das Gefühl: Der zieht eine ganze Mannschaft. So jemand fehlt den Deutschen.

ZEIT: Das schwache Spiel gegen Mexiko war also ein gruppendynamisches Problem?

Brandt: Es schien mir so. Die Spieler wirken, als ob sie sich auf seltsame Art in ihren Temperamenten neutralisieren würden. Das ist von den fußballerischen Fähigkeiten her ja zweifelsohne eine sehr talentierte Gruppe, aber was die soziale Kompetenz angeht, vielleicht nicht.

ZEIT: Hat Löw das nicht rechtzeitig gemerkt?

Brandt: Ich maße mir nicht an, darüber zu urteilen. Aber ich weiß aus meinem eigenen Beruf, wie wichtig die Alchemie der Besetzung ist: Schauspieler müssen so zusammenpassen, dass sich aus der Summe der Teile etwas Größeres ergibt. Gute Regisseure zeichnen sich dadurch aus, dass sie das erahnen. Aber das Umgekehrte gibt es leider auch: tolle Leute, die sich gegenseitig nach unten ziehen. Es macht auf dem Platz den Eindruck, als gäbe es in der deutschen Mannschaft Spieler, die regelrecht kommunikationsgestört sind – als ob die sich gar nicht verständigen könnten.

ZEIT: Und deshalb als Mannschaft scheitern?

Brandt: Ja. Gibt es so was: Ausscheiden wegen Sprachlosigkeit?

ZEIT: Wie erklären Sie sich diese Sprachlosigkeit?

Brandt: Dieses blöde Medientraining zum Beispiel. Sie haben gelernt, Interviews zu geben wie Politiker – voller gestanzter Formeln. Und darüber haben sie vielleicht verlernt, sich wirklich zu verständigen.

ZEIT: Die Mexikaner konnten das offenbar ...

Brandt: ... nun, sie hatten auch großen Redebedarf. Da gab es vor Turnierbeginn diese Geschichte mit den 30 Escort-Damen, die angeblich mit den Herren Geburtstag gefeiert haben. Während die Unsrigen auf die Plattenbauten in Watutinki guckten. Der mexikanische Kapitän musste nach Hause fliegen, um seine Ehe zu retten. Es stand also für die Mexikaner viel auf dem Spiel. Hätten sie verloren, wären sie vom ganzen Land zerpflückt worden. Nun sind sie Helden, und vielleicht wurden auch ganze Familien durch den Sieg gerettet. Insofern war es eine deutsche Niederlage für einen guten Zweck.

Matthias Brandt - Woran erkennen Sie, dass ein Politiker schauspielert? Können und dürfen Politiker das überhaupt? Schauspieler und Politikersohn Matthias Brandt im Videointerview über den Unterschied zwischen Schauspielen und Lügen © Foto: ZEIT ONLINE