Der Ort, an dem Matthias Matussek am Montagabend dieser Woche eine Bühne bekommt, könnte prächtiger nicht sein. Goldener Wandstuck, an der Decke Kronleuchter, groß wie Scheunentore. Darunter, im Großen Festsaal des Rathauses, sitzen fast 400 Menschen und erwarten ihn. Als Matussek eintrifft, ist er so überwältigt von dem Anblick, dass er sofort sein Handy zückt und alles filmt: das Publikum wie auch die Bühne, auf der er gleich eine Kostprobe seiner Radikalität geben wird.

"Fraktion im Dialog" heißt die Veranstaltung der Hamburger AfD. Gleich fünf ihrer sieben Bürgerschaftsabgeordneten haben an einem länglichen Tisch auf der Bühne Platz genommen. Zum Auftakt sagt einer von ihnen, man sei "stolz und froh", den langjährigen Spiegel-Journalisten und Bestsellerautor Matussek hier zu haben. In dem Moment erscheint er wie eine Trophäe der AfD. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Der Name Matussek bringt der Partei Publikum und Publicity; im Gegenzug kann der Autor sein neues Buch bewerben und stapelweise verkaufen.

Matussek, 64, galt früher als Star des deutschen Journalismus. Er wurde gefeiert für seine Reportagen aus Ost-Berlin, New York oder Rio. Er war zeitweilig Feuilletonchef des Spiegels. Doch dann überwarf er sich mehrmals mit Redaktionen. Als er 2015 zum Pariser Bataclan-Massaker einen sehr hämischen Kommentar zusammen mit einem Smiley getwittert hatte, flog er bei der Welt raus, bei der er inzwischen arbeitete. Er sei "durchgeknallt", hieß es.

Matussek, der als junger Mann sehr links war und sich gern zum Anarcho stilisierte, hat sein Image kürzlich selbstironisch so beschrieben: "Frauenfeind, Nationalist, Dunkelkatholik." Er habe schon AfD-Positionen vertreten, als es die AfD noch gar nicht gegeben habe.

Im März trat Matussek als Aktivist auf. Er war Hauptredner einer rechten Demo in Hamburg. Auf zwei Bierkisten stehend, skandierte er vor 150 Menschen "Merkel muss weg" und "Widerstand!". Später titelte das Hamburger Abendblatt: "Was ist nur aus Ihnen geworden, Herr Matussek?"

Am Montagabend im Rathaus geht es gesitteter zu. Vorn auf der Bühne, die ein hölzerner Baldachin krönt, beginnt Matussek seinen Vortrag. Auf Plakaten war er angekündigt mit dem Thema: "Politische Frischzellenkur für Hamburg und Deutschland!?". Das, sagt Matussek, habe er spontan umformuliert in: "Die AfD ist ein erfrischender Glücksfall für die parlamentarische Demokratie in Hamburg und Deutschland".

In der nächsten Stunde ist von "Politklüngel", "linken Volkserzieher-Eliten" oder "gespenstisch gleichgeschalteter Presse" die Rede. "Die Deutschen" seien in den letzten drei Jahren "verrückt geworden", sagt Matussek. Das herrschende System erinnere ihn an die späte DDR. In wenigen Sätzen kommt er von Hippies auf Babylon, von Islam auf frühkindliche Sexualerziehung, von Michel Houellebecq auf Papst Benedikt, oder auf Gilbert Keith Chesterton. Immer wieder Chesterton. Der englische Autor ist sein Idol. Als zum x-ten Mal der Name Chesterton fällt, schauen Einzelne im Saal verschämt auf die Uhr.

Matusseks Rede ist halb die eines Feuilletonisten, halb die eines Facebook-Trolls. Geht es um Flüchtlinge, spricht er von "zwei Millionen Bodybuildern", die deutschen Omas bei den Tafeln die letzten Salatköpfe entreißen würden. Die Grüne Claudia Roth ("die Dame mit der Warze") vergleicht er mit einer Bulldogge. Den AfD-Politiker Gottfried Curio hingegen preist er als "brillanten Redner". Matussek selbst spricht an vielen Stellen fahrig und voller Gedankensprünge. Er wirft mit Zitaten um sich. Und mit der rhetorischen Frage: Was hätte Chesterton dazu gesagt?

Er wirkt nicht gerade wie ein politischer Mensch. Über den Richtungsstreit in der Union – das dramatische Thema dieses Tages – verliert er kein Wort. Nur allgemein spricht er davon, dass Angela Merkel bald Geschichte sein werde. Das bringt ihm den lautesten Zwischenapplaus.

Am Ende gibt dieser Abend viele Rätsel auf: Wieso sieht sich Matussek als verfemter Autor, gar als Dissident, während er im Großen Festsaal des Rathauses auftritt? Wieso sagt er, die Medien würden ihn totschweigen, obwohl im Raum große aktuelle Matussek-Interviews aus etablierten Zeitungen ausliegen? Zu Reklamezwecken.

Über die Werbetour für sein Buch sagt Matussek: "Ich nehme so ziemlich alle Termine an, die ich kriegen kann." Er war bei Burschenschaften und auch im deutschen Hauptquartier der Identitären Bewegung in Halle.

Am Tag, als Matussek im Rathaus mangelnde Pressefreiheit beklagte, wurde bekannt: Die Hamburger AfD hat einen Parteitag veranstaltet. Heimlich und ohne Presse.