Es waren Schwaben, die die Maultaschen erfunden haben. Schwaben haben sie zum Industrieprodukt gemacht. Und jetzt wollen die Schwaben mit ihnen sogar heraus aus Schwabenland. Es gilt, den Norden Deutschlands zu erobern. Da schadet es nicht, sich an Hollywood zu orientieren.

"Tasty Tasches" heißen Maultaschen in einem YouTube-Video, das eine Szene aus Quentin Tarantinos Kultfilm Pulp Fiction zitiert. Ein schwarzer und ein weißer Polizist in L. A. amüsieren sich auf ihrer Streifenfahrt darüber, dass die Spanier ihre Maultaschen Empanadas, die Italiener Ravioli und die Chinesen Wan Tan nennen. Dass die "crazy Germans" ihre Maultaschen sogar in der Suppe ertränken, finden sie besonders gaga.

Das Filmchen, das seit Oktober 2016 mehr als zwei Millionen Mal angeklickt wurde, hat Martin Bihlmaier für wenig Geld von Studenten der Filmakademie Ludwigsburg drehen lassen. Er ist Chef der Bürger GmbH & Co KG. "Fast 80 Prozent" aller Maultaschen, die 2017 über deutsche Ladentheken gingen, stammten von der schwäbischen Familienfirma. Und wenn der deutsche Astronaut Alexander Gerst für sich und seine Crew "Swabian Style Ravioli" (in der Dose) als "Bonus-Food" für die Raumstation ISS ordert, ist Bihlmaier besonders happy. Denn das ist bestes Marketing für seine Produkte. "Wir sind mit Abstand Marktführer bei Maultaschen", sagt er.

Bihlmaier empfängt in der Firmenzentrale im Industriegebiet von Ditzingen bei Stuttgart, einem Siebziger-Jahre-Zweckbau, dem allein der gläserne Außenaufzug zur Chefetage etwas Modernes verleiht. Hier haben die Schwaben vor gut einem Jahr eine neue Strategie ausgetüftelt: "Attacke Deutschland" heißt der Schlachtplan. "Aber nur intern", betont der Firmenchef. Es geht um nicht weniger als die Eroberung des deutschen Nordens, wo man gemeinhin weit weniger Maultaschen isst als im Süden.

"85 Prozent der Deutschen kennen Maultaschen, aber weit weniger haben schon mal reingebissen", sagt Martin Bihlmaier. Das will er ändern. "Wir versuchen, den Maultaschenäquator nach Norden zu verschieben. Denn vielen, die sie probiert haben, schmeckt’s", sagt der Schwabe, der in Tübingen und San Francisco Betriebswirtschaft studiert hat. Im vergangenen Jahr übersprang der Umsatz des Familienunternehmens mit seinen 900 Beschäftigten erstmals die 200-Millionen-Euro-Marke. Rund 350 Tonnen Lebensmittel werden täglich an den zwei Firmenstandorten, in Ditzingen und in Crailsheim im Norden Baden-Württembergs, produziert: Eierspätzle, Schupfnudeln, Tortellini, Gnocchi – vor allem aber Maultaschen, die für die Hälfte des Umsatzes stehen.

Ob in Brühe gekocht, in Butter mit Röstzwiebeln in der Pfanne gewendet ("geschmelzt") oder in Streifen geschnitten mit Ei überbacken – eine "schwäbische Maultasche" muss aus Baden-Württemberg oder dem angrenzenden bayerischen Regierungsbezirk Schwaben stammen, so schreibt es die EU für die "geschützte geografische Angabe" vor. Typischerweise werden sie mit schwäbischem Kartoffelsalat (mit Brühe, Essig, Öl, etwas Senf und gehobelter Gurke) als Hauptspeise gereicht. "Im Norden werden Maultaschen von den meisten noch für eine Vorspeise gehalten", sagt Bihlmaier. Noch. Da besteht Aufklärungsbedarf.