Jung, gut ausgebildet, arbeitslos: Am Athener Nationaltheater lässt sich beobachten, wie sich in Griechenland eine ganze Generation in der Krise einrichtet.

"Wird das in dieser Zeitung stehen, dass meine Eltern mich noch immer finanzieren?", fragt Alexandra Katsarou, 35. Ja, wird es. Alexandra Katsarou gehört zu den jungen intellektuellen Stimmen ihrer Generation in Griechenland. Wenn sie das hört, wird sie verlegen, das ist sonst gar nicht ihre Art. Stimme ihrer Generation, sagt sie, das klinge so nach Girls, dieser amerikanischen TV-Serie. Girls beginnt mit der lakonischen Erklärung der Serienheldin, gespielt von der US-Amerikanerin Lena Dunham, sie könne die Stimme ihrer Generation werden – würden ihre Eltern sie nur weiter mit Geld versorgen. Ein Spruch wie ein Manifest.

Katsarou ist 1985 geboren, sie gehört zu jenen, die – wie Lena Dunham – zwischen 1980 und 2000 geboren sind und als "Millennials" bezeichnet werden. Sie haben den Internetboom und die Globalisierung voll miterlebt; gelten auch als faul und hedonistisch. Doch laut einer aktuellen Studie der Resolution Foundation, eines britischen Thinkthanks, sind sie schlechter dran als ihre Vorgängergeneration. Das Wachstumsmärchen des 20. Jahrhunderts, in dem jede Generation ein höheres Einkommen als die vorherige hatte, ist vorbei. Wer nach 1980 geboren wurde, verdient heute in Griechenland 25 Prozent weniger als die Generation zuvor. Von den hippen Millennials ist deswegen längst nicht mehr die Rede: In Griechenland verstehen sich die jungen Menschen als "verlorene Generation".

Katsarou sagt: "Unser Drama ist, dass wir mit dem Besten aufgewachsen sind. Wir konnten überall studieren, sind mit der ganzen Welt verbunden. Aber als wir anfangen sollten zu arbeiten, gab es für uns keine Jobs – oder bloß Arbeit ohne Geld." Eine Generation, die von der Bildungsexpansion in den Ländern des Westens profitiert hat, wegen der Krise zu Hause aber trotzdem vor dem Nichts steht. Die Arbeitslosenquote liegt in Griechenland derzeit bei 20,7 Prozent, das ist der höchste Wert in der Euro-Zone.

Alexandra Katsarou hat in Thessaloniki und New York City studiert. Sie ist auf eine charmante Art direkt, elegant und erfolgreich. Anfang des Jahres hat sie einen Roman veröffentlicht, sie hat Kinderbücher und eine TV-Serie geschrieben. Ihr aktuelles Stück "Revolutionäre Wege für die Reinigung Ihres Pools" läuft am Athener Nationaltheater, der wichtigsten Spielstätte des ganzen Landes. Die Presse war da, hat Fotos gemacht, ihr Ruhm verschafft. Geld hat Katsarou trotzdem keines. Dafür viele offene Rechnungen bei früheren Arbeitgebern, die nicht zahlen. Geld, das Katsarou für ihren Lebensunterhalt brauchen könnte, aber wahrscheinlich nie sehen wird. Also zahlt der Vater die Stromrechnung.

Ihr Theaterstück verlegt die Krise in die kleinste Zelle der Gesellschaft, in die Familie. Diese versammelt sich in einem Ferienhaus auf einer griechischen Insel, mit einem illegalen Pool. Gebaut vom Vater, einem Beamten von Beruf, Vertreter der Boomjahre, bevor die große Blase platzte. Ein Pool, das war damals der Mercedes eines Griechen. Ein Statussymbol. Der Pool auf der Bühne aber ist versumpft. Die Kinder sitzen im Haus fest, um abzuhauen fehlt ihnen das Geld.

Im Probenraum, drei Wochen vor der Aufführung. "Es ist immer noch sehr kontrolliert. Stellt euch vor, ihr seid in diesem Land geboren – und seid jetzt Geiseln dieses Landes!", ruft der Theaterregisseur Sarantos Zervoulakos. Er hat eine sanfte Stimme, wendet sich aber mit großer Emphase seinen Schauspielern zu. Zervoulakos, der Sohn eines Griechen und einer Deutschen, ist für die Inszenierung des Stücks extra nach Athen gezogen. Er ist in Deutschland aufgewachsen und ausgebildet worden. Warum willst du in die schlimmste Großstadt Europas ziehen?, fragten seine Freunde. Weil es mich etwas angeht, war seine Antwort. Persönlich, aber auch als Europäer.

"Verliert die Kontrolle! Regt euch auf!", ruft er in den Probenraum des Athener Nationaltheaters. Die schwarzen Wände lassen den Raum noch kleiner wirken, weder vom Glanz der Boomjahre noch vom Glanz der großen Bühne ist hier etwas zu spüren. Ein bisschen klingt Zervoulakos wie der französische Präsident Emmanuel Macron, der neulich in Washington vor jungen Amerikanern sagte: "Wenn ihr frustriert seid, brecht die Regeln!" Bei Zervoulakos klingt das so: "Aufstehen! Bewegt euch!" Als wollte er gegen die lähmenden Sorgen der Krise anbrüllen, die die Schauspieler nicht nur von den Proben kennen, sondern auch aus ihren realen Leben, den Leben ihrer Freunde.