Katholiken haben im traditionellen Arbeiterviertel Neukölln einen schweren Stand. 400.000 Einwohner leben dort auf knapp 45 Quadratkilometern, nirgendwo sonst in der Stadt sind der Ausländeranteil und das Armutsrisiko so hoch. Dort gibt es doppelt so viele Schulabbrecher wie im restlichen Berlin. Ein sozialer Problemkiez, der über die Grenzen Berlins hinaus berüchtigt ist.

Die Pastoralbeauftragte Klaudia Höfig will Neukölln nicht abschreiben, sondern von der Rixdorfer Sankt-Eduard-Kirche aus in den Kiez hineinwirken. Mit herkömmlicher Gemeindearbeit kommt man hier nicht mehr weiter, sagt sie. Die kirchlichen Räume standen jahrelang leer, Gottesdienste wurden nur spärlich besucht. Die streitbare Katholikin argumentiert: "Wenn Kirche in der Stadt eine Zukunft haben will, muss unser Haus den Kommenden und Gehenden wie eine durchlässige Membran zur Welt sein", und fügt hinzu: "Ich habe gelernt, dass aktive Bürgerbeteiligung so wichtig ist wie das Amen." Für das Erzbistum Berlin schritt sie 2011 zur Tat.

Heute leitet Höfig das Internationale Pastorale Zentrum (IPZ), das in den leer stehenden Räumen der Gemeinde in der Kranoldstraße beherbergt ist. Dort erhalten täglich bis zu 140 afrikanische Frauen in der Beratungsstelle "Solwodi" einen Schutzraum, in dem sie sich austauschen können und wo sie Rat und Hilfe erhalten. Der Name steht für "Solidarity with women in distress" und ist ein Ableger eines anderen weltweiten Hilfsprojekts für sexuell ausgebeutete, entrechtete Frauen. In den ein bis zwei Stunden täglich kommen auch Themen wie Gewalt in der Familie und Zwangsheirat zur Sprache.

Als 2014 die Migrationsströme auch Neukölln erreichten, gründete das IPZ die Sprachschule "Jack". Dort lernen täglich 80 bis 90 Frauen Deutsch – unter ihnen auch zahlreiche Muslimas – "vom Abc bis zum Level B1". Bei den alteingesessenen Katholiken weckt das schon mal Befremden. Sie sähen es lieber, wenn die Gemeinde unter sich bliebe. Auch dass sich das IPZ beim "Bündnis Neukölln gegen rechts" engagierte und sich ausgerechnet am Fronleichnamstag mit einer Willkommensaktion beteiligte, hielten manche für zu politisch.

Klaudia Höfig lässt sich davon nicht beirren. Der Heilige Geist, antwortet sie den Skeptikern dann, schwirre schließlich nicht im luftleeren Raum herum: "Von den Ankommenden können wir etwas lernen. Sie kennen nicht diese Trennung zwischen Anbetung und Seelsorge wie wir. Wenn uns eine Katastrophe trifft, hadern wir mit Gott und fragen, warum er uns verlassen hat. Sie aber bekennen: 'Ohne Gott hätten wir das alles nicht ausgestanden.'"

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