Jede Wette: Dieses Debüt ist der Start zu einer Schriftstellerlaufbahn, die den Namen verdient. Es mag Debütanten geben, die atemberaubendere Metaphernsaltos schlagen als die 1989 geborene Bettina Wilpert, die hier ihr erstes Prosawerk vorlegt. Aber was nützen die Saltos, wenn sie für die immer gleichen Coming-of-Age-Geschichten aus der Helmut-Kohl-Ära bemüht werden? Vielleicht täuscht der Eindruck, aber die gefühlte Hälfte deutscher Nachwuchsautoren hält das Memorieren von Pubertätsproblemen für ein literarisch prickelndes Projekt.

Bettina Wilpert nicht. Unerschrocken greift sie nach einem Thema, an dem man sich leicht die Finger verbrennen kann. Ihr Roman nichts, was uns passiert ist die minimalistische Spurensuche einer Vergewaltigung, die – und das ist der springende Punkt – ebenso gut real wie erfunden sein könnte. Denn sie wird von einer Frau behauptet, vom Mann jedoch bestritten. In diesem Widerspruch liegt eine moralische und gesellschaftspolitische Tragödie, die Wilperts sachlicher Erzählton und ihre dokumentarische Erzählweise schnörkellos ausformt.

Sommer 2014. In Brasilien ist Fußballweltmeisterschaft, in Deutschland Partystimmung, im Leipziger Studentenmilieu wird mit viel Alkohol gefeiert. Anna und Jonas, zwei Mittdreißiger, kommen ins Gespräch und verbringen eine Nacht, aus der nichts folgt; kein gemeinsames Frühstück, keine Verabredung. Zufällig treffen sie sich bei einer Geburtstagsfeier wieder und landen sturzbetrunken im Bett. Als Anna irgendwann am nächsten Tag aufwacht, dämmert ihr, dass sie von Jonas vergewaltigt wurde und es über sich ergehen ließ.

Zwei Monate später zeigt sie ihn bei der Polizei an, zu spät für eine gynäkologische oder gerichtsmedizinische Untersuchung. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen gegen Jonas auf, und unter dem jungen Mann bricht der Boden ein. Was Anna als Vergewaltigung erlebt hat, war für ihn nicht der beste, aber ohne den geringsten Zweifel einvernehmlicher Sex. Der Fall zieht Kreise an der Universität, schließlich in der ganzen Stadt. Zwei Menschen stehen am Pranger und vor den Trümmern ihres Lebens. Zwei Menschen, die eine Episode teilen, die nur sie bezeugen können. Anna sieht sich als infame Falschbeschuldigerin diffamiert, Jonas als brutaler Vergewaltiger. Wer beide kennt, gerät unversehens unter den sozialen Druck einseitiger Parteinahme.

Der Roman aber entzieht sich ihr konsequent. Er urteilt nicht, ganz im Gegenteil. Worauf er abzielt, ist vielmehr die Unmöglichkeit eines Urteils, die Aporie der Wahrheit. Von der ersten bis zur letzten Seite macht er beide Versionen, die von Anna und die von Jonas, in gleichem Maß absolut glaubhaft. Und von der ersten bis zur letzten Seite blickt der Leser in ein Vexierbild der Wahrheit, das zu erschaffen neben erzähltechnischer Könnerschaft auch literarische Intelligenz verlangt. Es geht Bettina Wilpert ja nicht um eine flotte Campusgeschichte mit Sexskandal. Es geht ihr darum, zum Schmerzpunkt der Geschichte vorzudringen: den dunklen Bereich sexuellen Erlebens, wo der natürliche Kontrollverlust jene Kontingenz hervorbringt, die das Erinnern zu täuschen und, je länger das Erlebte zeitlich zurückliegt, umso mehr in die Irre zu führen vermag.