Wer eine Welt ohne Armut anstrebt, kann schon mal untersuchen, was die niedrigen Preise von Lebensmitteln hierzulande für die Bauern im Süden der Welt bedeuten. So wie die Nichtregierungsorganisation Oxfam. In dieser Woche veröffentlicht sie einen Report über Supermarktkonzerne und ihre Zulieferer. Das Fazit ist nicht überraschend, "Leid und Ausbeutung", lautet es auch diesmal. Aber die Methode, mit der Oxfam das Problem nun angehen will, ist neu.

Man habe sich in der Kampagnenarbeit lange auf bestimmte Missstände konzentriert, etwa den Pestizideinsatz auf konkreten Obstplantagen, sagt Barbara Sennholz-Weinhardt, Mitautorin des Reports. "Supermarktketten haben darauf auch reagiert und manche Probleme dort abgemildert – aber eben auch nur dort. Wo die öffentliche Aufmerksamkeit fehlte, hat sich in der Regel nichts geändert, insbesondere in der grundlegenden Geschäftspolitik der Ketten. Genau das soll unsere neue Art von Kampagnenführung nun ändern."

Die vier deutschen Handelsunternehmen Lidl, Aldi, Rewe und Edeka kommen sehr schlecht weg. Weit schlechter als ihre Konkurrenten aus Großbritannien und den USA, beispielsweise Walmart, Tesco oder Sainsbury’s. Und das in sämtlichen vier von Oxfam überprüften Bereichen: bei Transparenz und Rechenschaftslegung, im Umgang mit Kleinbauern, bei der Beachtung der besonderen Rechte von Frauen sowie dem Schutz von Arbeitern. Insgesamt wurden 16 Supermarktketten aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und den USA untersucht und in jedem der vier Bereiche auf einer Skala von null bis hundert verortet.

Achtung der Arbeitnehmerrechte innerhalb der Lieferkette ausgewählter Supermärkte. Angaben von 0 (schlecht) bis 100 (gut)

Achtung der Arbeitnehmerrechte innerhalb der Lieferkette ausgewählter Supermärkte. Angaben von 0 (schlecht) bis 100 (gut)

Oxfam © ZEIT-Grafik

Oxfam hat sich dazu die öffentlich zugänglichen Informationen über die Geschäftspolitik in Lebensmittel-Lieferketten angesehen und diese mit internationalen Standards verglichen – beispielsweise den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und den Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Anschließend wurden diese anhand eines eigenen Punktesystems bewertet. Der Nachteil dieser Methode ist, dass die Einhaltung von Standards nicht in jedem Einzelfall überprüft werden kann. Der Vorteil aber ist, dass sich so ein Gesamtbild der Geschäftspolitik eines Supermarktkonzerns ergibt und dieser später leichter an seinen eigenen Worten gemessen werden kann. Das, so lautet die implizite Hoffnung hinter dem Kampagnenansatz, motiviere die großen Ketten, von sich aus die gesamten Strukturen zu verbessern. Statt nur die Probleme an den Orten zu beseitigen, auf die die Weltöffentlichkeit gerade blickt. Das ist der Wechsel von einer emotionalen, teils auch skandalisierenden Art der Kampagnenführung, hin zu einer langfristigen und sachlicheren.

Dass Oxfam bei den Supermärkten und nicht etwa bei den Lebensmittelherstellern ansetzt, hat mit einem gewaltigen Machtzuwachs zu tun. Bei Importprodukten wie Bananen, Avocados und Weintrauben, aber auch bei Reis, Dosenthunfisch und grünen Bohnen landen heute knapp 53 Prozent des Verkaufspreises direkt bei den Supermärkten. Vor zwanzig Jahren waren es nur 43 Prozent. Der Anteil der Hersteller und Zwischenhändler sank in der gleichen Zeit von 45 auf 32 Prozent. Die Entwicklung belegt, dass die Kontrolle der Lieferketten es den Supermärkten ermöglicht hat, mehr Profit zu machen. Nun soll diese Macht auch dazu genutzt werden, die Lage der Menschen am unteren Ende der Wertschöpfungskette zu verbessern.

Auffällig sind die Unterschiede der einzelnen Unternehmen, was die Achtung der Arbeitnehmerrechte angeht. Während die britischen Ketten Tesco und Sainsbury’s im Mittelfeld liegen, bekommen Rewe, Edeka, Aldi Nord und Aldi Süd null Punkte. Der Grund liege in einem jungen Gesetz, erläutert Sennholz-Weinhardt. "Der UK Modern Slavery Act von 2015 verpflichtet britische Unternehmen, jedes Jahr eine Erklärung in Bezug auf Sklaverei und Menschenhandel entlang ihrer gesamten Lieferkette zu veröffentlichen", sagt sie. Das sei ein Schritt in die richtige Richtung, wenngleich Supermärkte für eine richtig gute Bewertung noch weit mehr tun müssten. So fordert Oxfam, dass Unternehmen mit Gewerkschaften in den Produktionsländern zusammenarbeiten und die Löhne auf ein existenzsicherndes Niveau heben müssten.

Immerhin zwei Punkte gesteht Oxfam dem deutschen Discounter Lidl in diesem Bereich zu: weil Lidl eine britische Tochter habe, die den dortigen Regeln unterworfen sei. Großbritannien sei für das Unternehmen aber nur ein recht kleiner Markt, konzernweit gebe es keine vergleichbaren Publikationspflichten.

Was vielleicht auch schon die erste Erkenntnis dieser neuen Art von Kampagnenführung ist. Dass Selbstverpflichtungen zwar eine gute Sache sind, aber oft erst nur gesetzlich angeordneter Zwang dafür sorgt, dass sich wirklich etwas ändert.