Das Problem ist Palermo. Eine Stadt, die dich anbrüllt und an den Haaren zieht, eine Stadt, die dich umschmeichelt und gleichzeitig betrügt, eine Stadt voll barocker Palazzi und illegal errichteter Plattenbauten, mit legalen Mafiosi und illegalen Migranten. Palermo ist ein permanenter Regelbruch, eine unablässige Grenzverletzung – was kann moderne, herausfordernde, provozierende Kunst in einer Stadt ausrichten, in der die Anomalie die Norm ist? Der Regelverstoß die Regel?

The Planetary Garden. Cultivating Coexistence lautet der Titel der Manifesta 12, jener Biennale auf Wanderschaft, die alle zwei Jahre woanders stattfindet. Glücklicherweise klingt der Titel pathetischer, als es seine Umsetzung ist: Die Kuratoren berufen sich auf das Konzept des französischen Gartenarchitekten und Philosophen Gilles Clément, der die Welt als Garten betrachtet, als sozialpolitische Utopie, Kreuzungspunkt und Ort von Migration und Vermischung – und welcher Ort in Europa wäre dafür besser geeignet als Palermo, eine Stadt, deren DNA von Arabern und Normannen, von Staufern und Spaniern geprägt wurde? Und in der Migranten bereits zum Stadtbild gehörten, als man woanders noch daran glaubte, dass sich das "Flüchtlingsproblem" mit ein paar Investitionen in Afrika lösen ließe?

Als Beweis für die harmonische Koexistenz der Arten muss die Palermo-Ansicht des sizilianischen Landschaftsmalers Francesco Lojacono herhalten, weil die auf dem Bild verewigten Pflanzen keine einheimischen Arten sind, sondern zentralamerikanische Agaven, australische Eukalyptusbäume oder aus Japan stammende Zitronenbäume. Glücklicherweise wird die pädagogische Absicht der strapazierten Pflanzenmetapher von der wilden Pracht verfallener Palazzi konterkariert, die jeder noch so gut gemeinten Video-Installation den Rang abläuft. Immer wieder ertappt man sich dabei, den Orten der Biennale mehr Aufmerksamkeit zu widmen als den Kunstwerken selbst: dem botanischen Garten – einem irdischen Paradies voller Wunder, mit lachsfarbenen Trompetenblumen, Glashäusern mit nummerierten Ablegern und riesigem Magnolienficus. Dem maurischen Pomp des neoklassizistischen Palazzo Forcella De Seta zwischen Meer und Altstadt, dem spektakulären Barock-Palazzo Butera, der von dem Kunstmäzen Massimo Valsecchi zum Museum für seine Sammlung moderner Kunst umgebaut wird. Dem ZEN, der keine orientalische Entspannungsübung ist, sondern die Ausgeburt der Hirne durchgeknallter Stadtplaner der siebziger Jahre: Die Zona Espansione Nord ist Palermos Bronx. Hier hat der Landschaftsarchitekt Gilles Clément mit den Anwohnern auf einem Brachland einen Garten eingerichtet – Becoming Garden –, wo sich die kleinen Jungs schämen, wenn die Pflanzen mal wieder verschwinden, und heimlich neue kaufen, damit es nicht heißt, dass im ZEN nur geklaut werde.

Palermo kommt den gut gemeinten Absichten der Manifesta ständig in die Quere. Die Macher verklärten die Not zur Tugend und ernannten einen Ort zum Zentrum, der wie kein anderer die Widersprüche der Stadt widerspiegelt: Die Piazza Magione mutet an wie eine moderne Installation, voller unwirklicher Leere zwischen Kriegsruinen und mit EU-Geldern renovierten Palästen, die mit günstigen Airbnb-Tarifen um Kunden werben. Unter einem Olivenbaum steht der Gedenkstein für den ermordeten Antimafia-Staatsanwalt Giovanni Falcone, der wie sein Freund und ebenfalls ermordeter Kollege Paolo Borsellino hier aufwuchs, an den in der benachbarten Via della Vetreria eine kleine Gedenkstätte erinnert. In der Mitte des Platzes thront wie eine Festung ein Kloster, auf dessen Seitenwand ein riesiges Graffito verwittert, das einen schlafenden Papst zeigt: Erschöpft stützt er sein Gesicht auf die Hand und blickt auf die leeren Rasenflächen mit dem Straßenpflaster und den zerstörten Fundamenten der Häuser.

Die Piazza Magione ist ein Platz der Geister, auf dem oft bis zum Sonnenaufgang gefeiert wird – jetzt belagert vom Volk der Manifesta, dessen Hauptquartier sich im Theater Garibaldi befindet, einer kleinen Bühne mit jenem verrotteten Flair, das in Palermo vom Himmel fällt wie die vertrockneten Jakarandablüten. Dank der Manifesta wurde das Theater, das zuletzt besetzt war, wieder eröffnet. Bald soll es eine Ausschreibung für einen neuen Betreiber geben – was der Absicht der holländischen Manifesta-Gründerin Hedwig Fijen entgegenkommt, die Ausstellung möge Bleibendes hinterlassen. Die Manifesta ist auch das Vermächtnis des Bürgermeisters Leoluca Orlando, der Palermo aus der beklemmenden Provinzialität seines Vorgängers rettete.

Drei Themenstränge stehen im Vordergrund: der Mensch und sein toxischer Umgang mit der Natur im "Garden of Flows", im "Out of Control Room" die Bedeutung der "Ströme" von Daten als auch von Menschen für unser Leben. Und zuletzt die "City on stage": Palermo selbst betritt die Bühne, was die beiden italienischen Künstler Masbedo im Palazzo Costantino mit ihrem Videomobil wörtlich genommen haben, mit dem sie Sizilianer dabei aufnahmen, die, auf der Ladefläche des Lkw stehend, Pasolinis Comizi d’amore rezitieren oder vergeblich versuchen, das Wesen des Sizilianers zu erklären.

Glücklicherweise steckt in den Kunstwerken mehr Leben, als die Ankündigungen vermuten lassen, etwa die moderne Interpretation eines Deckengemäldes im Palazzo Aiutamichristo, das der Holländer Richard Vijgen an die Decke projiziert und das dank öffentlich zugänglicher Datenströme zeigt, was sich im Himmel über unseren Köpfen abspielt: von der sich ständig verändernden chemischen Beschaffenheit der Luft über Mobilfunk-Datenströme bis hin zu Flugtrassen. Oder das Video, das die Oscar-Preisträgerin Laura Poitras zusammen mit anderen Künstlern und Aktivisten gemacht hat. Zu sehen sind Aufnahmen vom Muos, dem Mobile User Objective System, der Satellitensteuerung für amerikanische Drohnen: vier riesige und hoch gesicherte Antennenschirme, am Ende des Korkwalds von Niscemi, die witzigerweise mithilfe einer Drohne gefilmt wurden. Sizilien ist für die Amerikaner von strategischer Bedeutung für die Kontrolle über den Mittleren Orient. Im gleichen Palazzo zieht sich der Muos-Comic des sizilianischen Aktivisten Guglielmo Manenti über eine Wand: Der Kampf gegen Muos ist ein Kampf gegen die amerikanische Bevormundung, die in Sizilien mit der Landung der Alliierten einsetzte.

Das kuratorische Konzept der Manifesta wurde von Rem Koolhaas’ Architekturbüro OMA entwickelt. Umgesetzt wurde es von vier jungen Kuratoren, einer davon ein sizilianischer Architekt: Ippolito Pestellini Laparelli ist Partner des Architekturbüros OMA, der mit dem "Palermo Atlas" einen kaleidoskopischen Einblick in die Stadt ermöglicht. Er reicht von den Herausforderungen der Klimaveränderungen über die Krise des Massentourismus bis hin zur Flüchtlingskrise, die sich pünktlich zur Eröffnung der Manifesta erneut zuspitzt, als sich Italien und Malta weigern, das Flüchtlingsschiff Aquarius aufzunehmen.

Und die Mafia? Die hat sich auch angepasst. Als Laparelli den "Palermo Atlas" im Theater Garibaldi vorstellt, sitzt neben ihm der junge sizilianische Fotograf Francesco Bellina, dessen Bilder zeigen, wie die nigerianische Mafia mit Zustimmung der Bosse von Cosa Nostra das Drogengeschäft im Herzen von Palermos Altstadt kontrolliert, wo sie Migranten als Drogenhändler rekrutiert. Der Drogenhandel wird auf dem Markt von Ballarò zwischen Schweinsfüßen und Schwertfischen abgewickelt, die Dealer stehen an der Ecke, mit einer Hand in der Hosentasche voller Heroinkügelchen, und warten neben nigerianischen Prostituierten auf Kunden. Die Geschäftsfelder der sizilianischen Mafia haben sich gewandelt: Das große Geschäft wird mit dem Betreiben von Flüchtlingsheimen, mit der Geldwäsche in Deutschland und mit Online-Glücksspiel gemacht, wie die letzte große Ermittlung der Staatsanwaltschaft Palermo bewies – die den schönen Namen "Game over" trägt.

Größter Sponsor der Manifesta 12 ist übrigens das – staatlich zugelassene – italienische Unternehmen Sisal, einer der größten Player der Glücksspielbranche. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.