In der vergangenen Woche wehrte sich Sandra Maischberger gegen die Forderung, sogenannte politische Talkshows einzustellen. Sie wies vor allem das Argument von sich, Talkshows heizten die gesellschaftliche Debatte erst an und polarisierten damit den Diskurs. Stattdessen, so Maischberger, bildeten solche Formate lediglich einen Streit ab, der in weiten Teilen der Gesellschaft bereits geführt werde.

Meine Erfahrung als Gast diverser Talkshows ist, dass diese Sendungen natürlich die Debatte im Land aktiv beeinflussen, und zwar massiv. Sie werden von Millionen Menschen gesehen und wirken zudem auf die Berichterstattung anderer Medien, wodurch ihre Inhalte und Thesen ein noch größeres Publikum erreichen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Piratenhype zwischen September 2011 und Juli 2012. Damals erreichte die Piratenpartei in Umfragen hierzulande zwischen zehn und 13 Prozent. Selbst in Österreich kam sie in einer Gallup-Umfrage im Juni 2012 auf sieben Prozent, obwohl die Piraten dort kaum aktiv waren. Die Begeisterung für meine damalige Partei lag wohl weniger an Inhalten als an der unglaublich positiven Dauerberichterstattung der deutschen Medien, auch der Talkshows.

Wer dort mitredet, der ist plötzlich relevant - diesen Effekt habe ich als Piratenpolitiker selbst erlebt. Nachdem ich am 21. September 2011, drei Tage nach unserem Überraschungserfolg bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl, bei Anne Will zu Gast gewesen war, wurde ich schon am Tag danach mehrfach auf der Straße angesprochen: "Ah, Sie sind doch der Pirat, ich hab Sie gestern im Fernsehen gesehen!" Und wer sich innerhalb einer politischen Talkshow als Diskutant bewährt, erfährt noch eine ganz andere Aufwertung: Er spielt plötzlich in der medialen Protagonisten-Bundesliga mit. Fernsehen ist auch im 21. Jahrhundert noch ein Leitmedium. Wer von Anne Will eingeladen wird, für den interessieren sich auch die Journalistinnen und Journalisten vom Spiegel, der FAZ, der ZEIT und natürlich auch die Redakteure der anderen Talkshows. Vor dem 21. September 2011 war ich ein Student, danach "der Chefpirat".

22-mal wurde ich bislang zu Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens eingeladen, auch zu den großen Abendtalkshows Maybrit Illner, hart aber fair und Maischberger. Die Inszenierung der Diskutanten spielt dabei eine wesentliche Rolle. So war Anne Wills erste Reaktion, als wir uns nach der Sendung im Backstagebereich ihres Studios in Berlin-Adlershof trafen, ein feierliches "A star is born!". Nach einem Auftritt bei Maischberger am 1. Februar 2017 schickte mir ein Redakteur der Sendung die Aufzeichnung zu und beglückwünschte mich in einer handschriftlichen Notiz zu meinem "echt guten Auftritt".

Wären die sogenannten politischen Talkshows Unterhaltungssendungen, dann könnte ich eine solche Bewertung durch die Gastgeber noch nachvollziehen. Bei Menschen, die sich als politische Journalistinnen und Journalisten verstehen, lösen solche Urteile bei mir jedoch Irritationen aus. Sie reduzieren politische Akteure auf Darsteller in einer Show, bewerten nicht nach den Inhalten, sondern nur nach der Performanz.

Dass Sandra Maischberger politischen Diskurs mit Streit gleichsetzt, zeigt aus meiner Sicht das Grundproblem ihres Ansatzes. Ziel eines auch zugespitzten politischen Diskurses sollte doch immer eine zivilisierte Debatte sein, die widerstreitende Interessen berücksichtigt, am Ende aber einen Kompromiss, im besten Fall sogar einen Lösungsansatz aufzeigt. Das wäre in einer Gesprächsrunde mit zwei kompetenten Expertinnen und Experten, die 75 Minuten lang ein Thema beleuchten, übrigens auch zu leisten. In den Talkshows, in denen ich zu Gast war, ist das ausnahmslos nie passiert. Allein deswegen, weil die Nettoredezeit eines einzelnen Gastes neben vier anderen Diskutanten und Einspielfilmen nur wenige Minuten beträgt.