Kürzlich, auf dem Baumarktparkplatz, starrten mich die Leute mal wieder ungläubig an. Es war einer dieser Momente, als ich gute 300 Liter Blumenerde auf mein Lastenfahrrad wuchtete und dann lässig damit vom Parkplatz radelte, in denen mich das prächtige Gefühl vollkommener moralischer Überlegenheit durchdrang. Und dazu die Gewissheit, auch in praktischen, gesundheitlichen und spirituellen Belangen mit der Wahl des Verkehrsmittels alles richtig gemacht zu haben.

Das Auto in diesen Zeiten niederzuschreiben wäre zu leicht, jetzt, wo es am Boden liegt. Spätestens seit dem Dieselskandal ist allen klar: Der motorisierte Individualverkehr ist nicht nur schlecht für Umwelt und Gesundheit, braucht viel zu viel Platz und fordert zu viele Todesopfer (2017: 3215), er ist zudem auch noch das Produkt einer verlogenen und amoralischen Industrie, die ihre Kunden belügt und alle anderen vergiftet. Wer trotzdem noch Auto fährt, tut es mit schlechtem Gewissen, hat keins oder weiß es nicht besser (die wenigen Ausnahmen, die wirklich, wirklich, wirklich darauf angewiesen sind, mehr als eine Tonne in Bewegung zu setzen, um durchschnittlich 150 Kilo zu transportieren, mögen mir die Polemik verzeihen).

Und es ist ja nicht so, dass ich nicht selbst gern Auto fahre. Ich liebe Autofahren! Und ich gehöre womöglich sogar zu den besten Autofahrern, die ich kenne. Tausende Kilometer habe ich, wie es sich für Deutsche gehört, auf Autobahnen verbracht. In dem Landstrich, aus dem ich komme, geht es nicht ohne, redete ich mir ein, wie es dort alle tun. Als ich 20 war, träumte ich davon, an meinem 30. Geburtstag einen Porsche zu fahren. Der Anblick und Klang eines 911er machen mich auch heute noch ganz kirre. Ich will noch immer irgendwann mal einen Porsche fahren, am liebsten auf einer Rennstrecke, wo sich Autofahren noch so anfühlt, wie es einem auf den Werbeplakaten verkauft wird. Nur besitzen will ich keinen mehr. Viel lieber wäre mir heute der ein oder andere Porsche unter den Fahrrädern im Stall.

Denn kein Sportwagen der Welt kann dieses Gefühl ersetzen, das sich beim Radfahren einstellt, wenn das Rad richtig eingestellt ist: diese vollkommene Symbiose zwischen Gefährt und Fahrer, die direkte Übersetzung von Muskelkraft in Geschwindigkeit, das Cabriogefühl nicht nur am Kopf, sondern am ganzen Körper, diese Verschmelzung von Mensch und Maschine, die nur durch einen Herzschrittmacher getoppt wird. Das Fahrrad bringt mich ohne Tanken überallhin, vor allem aber bringt es mich im Alltag am Stau vorbei und an die frische Luft.

Rahmen, Räder, Kurbel, Kette, Lenker – viel mehr ist nicht nötig. Nichts, was ich nicht verstehe, fast nichts, was ich nicht selbst reparieren könnte. Es gehört zu den wichtigsten Dingen, die mir mein Vater beigebracht hat, noch bevor ich lesen konnte: einen Schlauch flicken. Wie man den Mantel abzieht, ohne die Felge zu verkratzen, wie man den Schlauch abnimmt, ihn unter Wasser hält, um anhand der Blubberblasen das Loch zu finden, das dann mit Vulkanpaste(!) und einem Flicken zu kitten ist. Weiter geht’s. Wie egal einem als Kind der Regen war oder die Schürfwunden, wenn die Vollbremsung auf Schotter mal nicht hingehauen hat! Das Fahrrad brachte mich bis ans Ende der Welt, also meiner kleinen, bis uns der Aberglaube ereilte, man käme ja ohne Auto nicht weg. Über Jahre war ich überallhin gekommen, plötzlich fühlte ich mich gefangen und musste ausharren, bis mich der Führerschein befreite. Es sollte Jahre dauern, bis ich kapierte, dass das Auto eine Freiheit brachte nur von der Unfreiheit, die es selbst erst mit sich gebracht hatte.

Meine Oma etwa hatte nie einen Führerschein. Zum Problem wurde das erst, als der Laden im Dorf dichtmachte, weil jetzt alle kilometerweit mit dem Auto zum Supermarkt fuhren. Plötzlich war sie auf ihren Mann und dessen Führerschein angewiesen, um erst ins nächstgrößere Dorf und dann immer weiter weg an den Rand der nächstgrößeren Stadt zu fahren, wo riesige Parkplätze warteten, von denen der Weg zum Eingang des Marktes weiter war als zum kleinen Laden gegenüber ihres Hauses.

An Oma und ihr Rad muss ich denken, wenn ich von den Mädchen und Frauen beispielsweise im Iran lese, die sich moralisch überlegen über geltendes Recht hinweg auf ein Fahrrad setzen und davonbrausen. Dann sehe ich Omas altes klappriges Damenrad vor mir, wie es dort in der Scheune zwischen Mähwerk und Mistwagen seit je für freie Fortbewegung auch für Frauen steht. Wobei hier angemerkt sei, dass es für Frauen anfangs auch hierzulande nicht schicklich war, Fahrrad zu fahren.

Das Fahrrad ist ameisenstark

Meine Generation lernte das Radfahren noch mit Stützrädern. Neidisch blicke ich heute Kindern hinterher, die gerade noch kaum krabbeln konnten, wie sie mühelos vom Laufrad auf ihr erstes Fahrrad umsteigen und dann bald auch schon nach einer Gangschaltung verlangen. Das Fahrrad begleitet einen von kurz nach der Wiege bis knapp vor die Bahre. Einzig die autogerechte Infrastruktur und das Recht des Stärkeren, das auf den Straßen heute gilt, hindern alle am Radfahren, die nicht jung, kräftig und sportlich sind.

Das Fahrrad ist ameisenstark. Es trägt ein Vielfaches, in meinem Fall das Siebenfache seines Gewichts. Dazu eine riesige Tasche, in die wahlweise das Gepäck für eine ganze Woche Ostseeradwanderwegurlaub passt oder der Wocheneinkauf. Wenn das nicht reicht, fahre ich mit Anhänger oder nehme das Lastenrad, das 180 Kilo Zuladung zulässt, oder beides, wie bei der Blumenerde. Immer mal wieder bieten mir Freunde ihr Auto an, wenn ich etwas zu transportieren habe. Ich winke rollenden Auges ab. Am Wochenende trägt mich das Mountainbike in den Wald, unter der Woche ein Faltrad durch die Stadt – oft auch in Kombination mit U-Bahn oder ICE. Das Beste: Die drei Oberklasseräder kosten mich zusammen weniger als ein Satz Porschefelgen. Alles ohne große Folgekosten. Keine Versicherung, kein Sprit. Das Fahrrad war und ist erschwinglich. Mein erstes, als ich zum Studieren nach Berlin gezogen bin, kostete 15 Euro. Es hielt ein Jahr, dann brach der durchgerostete Rahmen.

Einst hat das Veloziped das Pferd verdrängt, bald werden hochmoderne Räder, die quasi von alleine losrollen, sobald man sich draufsetzt, auch das Auto mitsamt seinen zerstörerischen Begleiterscheinungen nach einhundert Jahren Irrweg hinter sich lassen. Unmöglich, glauben jene, die noch immer mit übertriebenen Umsätzen und Arbeitnehmerzahlen argumentieren. Doch wer hätte um das Jahr 1890 herum gedacht, dass demnächst die ganze Industrie rund ums Pferd vom Fahrrad verdrängt werden würde, dass Sattler, Hufschmiede und Züchter Berufe sein würden, die bald nur noch Adelige und Großindustrielle und später ein paar Reitsportbegeisterte beschäftigen würden?

Es ist die fußgänger- und fahrradfreundliche Welt, die Zukunft hat, weil die Umwelt nichts anderes mehr zulässt und weil erst die Städter und bald danach auch die Landleute sich bekehren werden.

Vom Fahrrad aus gibt es kaum einen traurigeren Anblick als Menschen, die alleine in ihren Blechkisten im Stau stehen, ja, selbst Stau sind; wie sie einander in engen Straßen im Weg stehen, hupen, fluchen und dann durch Raserei versuchen, die verlorene Zeit einzuholen. Wie sie dabei Leben aufs Spiel setzen, vor allem das der anderen, egal ob auf der Autobahn oder in Spielstraßen (erst vergangene Woche kamen in Berlin gleich zwei Kinder, 8 und 13 Jahre, ums Leben, beide Unfälle waren absolut vermeidbar); wie sie in ihren hochgebockten Geländewagen über jede Verkehrsberuhigung hinwegbrettern – und dabei die beste Analogie auf unsere politischen Verhältnisse abgeben, die Verrohung und Rücksichtslosigkeit, die sich überall breitmacht, vom Stammtisch bis in den Bundestag.

Mit dem Evangelium sei es wie mit dem Radfahren, hat einmal die Mystikerin Madeleine Delbrêl behauptet: "Es ist wie mit einem Fahrrad,/ das sich nur gerade hält,/ wenn es fährt;/ es lehnt schief an der Wand,/ bis man es zwischen die Beine nimmt/ und davonbraust."

Jesus würde heute Drahtesel fahren.