Ihr Stil ist naiv punkig, sie malt wie eine junge Wilde. Doch Rose Wylie aus dem britischen Kent ist nicht etwa eine junge Absolventin der Akademie, sondern bereits 84 Jahre alt. Ihre rohe, antinaturalistische Bildsprache aus Comic-Elementen und gestischer Lockerheit führte sie erst spät zum Erfolg – und verrät zugleich viel über den aktuellen Kunstmarkt.

Wylie studierte am Royal College of Art in London, konzentrierte sich dann jedoch lange auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter. Eine gefeierte Künstlerin ist sie erst seit rund 15 Jahren. Namhafte Galerien und Kunsthallen haben sie gefördert, Spitzenkurator Hans-Ulrich Obrist adelte sie mit einem seiner berühmten Interviews. Jüngst stellte sie der Galerist David Zwirner in London aus, aktuell zeigt das Museum für zeitgenössische Kunst in Málaga ihre Werke. Wylie ist oben angekommen. Ihr Gesicht und ihre Bilder sind weltberühmt.

Für andere Künstlerinnen im selben Alter gilt das nicht. Die amerikanische Malerin Merrill Wagner etwa ist nur ein Jahr jünger als Wylie und stand lang im Schatten ihres Ehemannes, des minimalistischen Künstlers Robert Ryman. Wagner stellte kontinuierlich in Galerien und Museen aus, wie schon 1971 im Museum of Modern Art in New York. In diesem Jahr war sie auf der New Yorker Kunstmesse Frieze vertreten – trotzdem ist es weit stiller um sie. Auch der Kunstmarkt urteilt unterschiedlich: Wagners neuere Farbbilder auf Stahl oder Stein liegen zwischen 6.500 und 20.000 Euro. Ein Gemälde von Wylie kann hingegen mehr als 200.000 Euro kosten. Aber warum?

Eine wie Wylie, die im hohen Alter noch einmal mehr will vom Leben, die sich aus der Rolle der Gattin herauskämpfte und zum rockigen Idol aufstieg, fasziniert die Kunstwelt. Wagners Künstlerpersönlichkeit hingegen bleibt in der Öffentlichkeit fast unsichtbar. Doch der Grund dafür, dass beide sich heute an unterschiedlichen Karrierepunkten befinden, liegt vor allem in ihren Werken.

Wagner ist für ihre Bilder aus den siebziger Jahren bekannt. Mithilfe von Klebebändern, die sie aufbrachte und wieder abriss, ließ sie abstrakte Strukturen entstehen. Ihr Thema: Spuren, Zerfall, Vergänglichkeit. Damit folgt sie der Tradition von Minimal Art und Konzeptkunst der Nachkriegsmoderne. Seit den Sechzigern galt es als innovativ, alles Narrative zu verneinen und sich der kühlen Abstraktion zu widmen. Statt auf Visuelles und emotionale Zugänglichkeit setzten Künstler auf die abstrakte Ebene – etwa durch das Dokumentieren von Spuren vorheriger Handlungen. Bei Wagner waren das die Kleberückstände. Dies gehörte zu einer intellektuellen Geste einer Zeit, die der Malerei eine Krise unterstellte. Heute gilt dieser Stil als braver Akademismus. Die konzeptuelle Malerei ist nicht tot, aber jüngere Akteure wie Tauba Auerbach oder Anselm Reyle experimentieren längst mit neuen Materialien und Sehgewohnheiten. Wagner hält am Alten fest, ihre jetzigen Arbeiten kommen zwar ohne Klebebänder aus, zeigen aber die gleichen rechteckigen, stummen Flächen, ohne Ironie oder nennenswerte Weiterentwicklung.

Wo es Wagner nicht gelang, sich neu zu erfinden, konnte Wylie bei null beginnen. Sie traf den Nerv der Zeit. Ihre Arbeiten sind figürlich, gestisch und reagieren auf das Zeitgeschehen. Stars wie Nicole Kidman malt sie in einer frech vereinfachten Formsprache, mit einer Aura aus kindlichem Eigensinn und Humor. Die Wertschätzung, die Malern wie Jean-Michel Basquiat, Philip Guston oder Georg Baselitz seit Längerem erfahren, führt auch bei der figürlichen Malerei zu einem Aufschwung.

Doch Wylie kopiert nicht deren kalkulierten Stil des Imperfekten, sondern führt ihn durch frische und energische Formen, neue Figuren und Narrationen weiter. Geschichten zu erzählen, lehnt sie nicht ab, um sich durch einen trockenen Intellektualismus zu distanzieren, sondern lebt das Narrative überlebensgroß und überschwänglich aus. So bleibt ihr Werk zugänglicher für den Betrachter. Ihre naiv wirkenden Pinselstriche zeugen in Wirklichkeit von malerischem Können und Wissen. Dennoch sieht alles unangestrengt offen und spontan aus. Wylie steht für Innovationsgeist, Leichtigkeit und Fühlbarkeit. Eigenschaften, die der Markt und die Kunstwelt gerade am meisten suchen und belohnen.