Es gibt eine Furcht, die so groß ist, dass jede Neuigkeit, jede noch so kleine Zuckung registriert wird – wie ja auch winzigste Vibrationen an dem Krater eines Vulkans registriert werden: Kommt bald der Ausbruch? Wird hier irgendwann alles Lava-Land?

Die Furcht vieler lautet, dass Sachsen vom kommenden Jahr an von der AfD regiert werden könnte. Oder dass die AfD hier 2019 jedenfalls stärkste Kraft werden könnte. Dieser Angst (zumindest jener, die nicht mit der AfD sympathisieren) ist alles in Sachsen untergeordnet. Der Terminkalender des Ministerpräsidenten. Die Gefühlslage nicht weniger Bürger. Der Blutdruck der Journalisten.

Und jetzt brodelt er wirklich, der sächsische Vulkan. In der vergangenen Woche veröffentlichte Bild eine Insa-Umfrage, derzufolge die Sachsen, wenn jetzt Landtagswahl wäre, zu 32 Prozent für die CDU stimmen würden, zu 24 Prozent für die AfD und zu 19 Prozent für die Linke. Zudem gäbe es künftig drei Parteien unter zehn Prozent im Landtag (Grüne, FDP, neuerdings SPD). Das ist konfus. Das hätte – stellen wir uns einmal vor, dieses Ergebnis würde zur Wirklichkeit – Folgen.

1. Das große Glück ist das große Unglück

Das Vertrackte an diesem Umfragewert ist, dass es aufseiten der Nicht-AfD-Sympathisanten zwei mögliche Reaktionen darauf geben kann, die beide gleichermaßen plausibel sind.

Die Erste lautet: Gott sei Dank. Die AfD ist nicht stärkste Kraft! Die Zweite lautet: Ach du meine Güte, zwischen AfD und CDU liegen in einem Kernland der Union nur noch acht Prozentpunkte. Ach du meine Güte, die SPD ist auf neun Prozentpunkte geschmolzen. Ach du meine Güte, da sortiert sich die politische Wassermalfarben-Palette neu.

Wie gesagt, beide Reaktionen sind plausibel, weil beide zutreffend sind. Oder formulieren wir es so: Die gute Nachricht für alle AfD-Gegner – die AfD ist nicht stärkste Kraft in Sachsen – ist in Wahrheit auch eine schlechte.

Denn dieser Umstand zeigt ja erstens, wie groß der Grad an Normalisierung ist, den die AfD in Sachsen inzwischen erreicht hat: 24 Prozent, ein Viertel, gilt schon als Wert zum Durchatmen. 24 Prozent sind vor allem aber bemerkenswert, weil zum Zeitpunkt der Insa-Umfrage drei Dinge eigentlich lageberuhigend sein müssten:

– In Sachsen regiert ein Ministerpräsident, der jung und unverbraucht ist, seit Wochen durchs Land tourt, der sich einer Bürgerversammlung nach der anderen stellt und dessen CDU trotzdem nicht vom Fleck kommt.

– Die AfD hat in diesem Bundesland nicht einmal mehr eine vorzeigbare Führungsfigur (momentan jedenfalls nicht).

– Es kommen wenige Flüchtlinge, die Lage ist ruhig in Sachsen, die Sonne scheint. Was, wenn sich erst alle drei Faktoren ändern?

2. Die AfD ist jetzt die Negativmacht

Wenn also Kommentatoren und die politischen Konkurrenten der AfD am Wahlabend 2019 zufrieden erklären würden, die Partei sei deklassiert worden, dann gälte das allenfalls im Vergleich zu ihrem Sachsen-Ergebnis bei der Bundestagswahl 2017, als sie erstmals die Union überrundete. Tatsächlich würde ein Viertel der Wählerstimmen bei der Landtagswahl eine neue, bleibende Rolle für die Rechtsaußen-Partei einläuten. Die AfD ist dann die neue Negativmacht: Auch ohne Regierungsbeteiligung übt sie Einfluss aus – zuallererst auf alle verbliebenen Parteien. Und man ahnt, dass den strukturellen Dagegenstehern die Rolle als dauerhafte Sperr-Minorität gar nicht schlecht gefallen könnte: Alternative forever. Negativmacht, das heißt konkret: Mit einer derart erstarkten AfD reicht es im Landtag nicht für die große Koalition und nicht für Schwarz-Gelb, Schwarz-Grün, Rot-Grün. Es reicht aber auch für keine Dreier-Kombination, also nicht für Rot-Rot-Grün, nicht für Jamaika und nicht für Kenia (wie in Sachsen-Anhalt). Eine Regierung ohne AfD und Linke wäre in diesem Fall eine Regierung mit Hängen und Würgen. Um über 50 Prozent zu kommen, müssten sich sagenhafte vier Parteien zu einer Koalition zusammenschließen. CDU, SPD, FDP und Grüne kommen laut Umfrage gerade einmal auf 53 Prozent, zusammengenommen! So gerne wie die AfD all ihre Konkurrenten in einen Topf namens Altparteien wirft, so gelegen käme ihr wohl das Vierfarb-Bündnis. Nur an einem Namen mangelt es dem neuen Quartett der Not nicht. Flaggenkundler haben bereits nachgeschaut: Schwarz-Rot-Gelb-Grün sind die Farben von Ghana.

Wer nicht lässig bleibt, verliert

3. Das Unmögliche ist die neue Möglichkeit

Es könnte aber auch eine unerwartete revolutionäre Kraft von so einem Wahlergebnis ausgehen. Zum Beispiel, wenn die Sachsen sich eine Koalition trauen, die so unerhört klingt, dass man fast fragen möchte: Dürfen die das überhaupt?

Die Rede ist von einem Bündnis der CDU mit der Linken. Was heute fast jedes Mitglied der beiden Parteien als Absurdität wegstreiten würde, wäre im Lichte so eines Wahlergebnisses die wahre Vernunftentscheidung. Weil die Ostdeutschen gar kein so großes Problem mit der Ostdeutschland-Groko hätten, inhaltlich gesehen: Die Linke, wie sie viele Wähler (noch) sehen, ist eine wertgebundene, leicht rückwärtsgerichtete, nicht allzu veränderungslustige Sozialpartei der Provinz.

Und weil es für die Linken eine neuerliche Rettung wäre, ein revolutionärer zweiter Schritt zur Vernunft: Der erste dieser Schritte war es, den Regierungschef in Thüringen zu stellen. Der zweite wäre es, bereit für die erste bürgerliche Koalition unter Beteiligung der Linken zu sein. Und welchen Einfluss man plötzlich auf die Union hätte, den man aus der Opposition nie haben kann!

4. Die SPD ist eine Randpartei

Eine Partei, die bei neun Prozent landet, ist immer noch eine Partei, die bei immerhin neun Prozent landet. Aber eine Volkspartei ist sie nicht. Die schrittweise Verzwergung der SPD in Sachsen ist nur an der Oberfläche eine Folge negativer Bundestrends. Der Misserfolg im Bund verstärkt den Misserfolg in Sachsen natürlich. Wahr ist aber auch: In Sachsen war die SPD seit Ewigkeiten nicht groß. Ein Segen wäre das U-10-Ergebnis, weil es vielleicht zu Realismus führte, der ein bisschen Unsinn erlaubt: Wer unter 10 ist, muss nicht erwachsen tun, der kann verrückte Dinge machen! Wenn Sachsens SPD das als Befreiung, als Entfesselung sähe: Wie viel ihr doch geholfen wäre. Die SPD könnte rebellisch und anders werden, statt bieder zu bleiben.

5. Der Held ist ein tragischer

Wer sich, nach der Insa-Umfrage, mit Sachsens Oppositionspolitikern unterhält, erlebt etwas Erstaunliches: Über den neuen CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer wollen viele gern nur im Hintergrund sprechen. Das heißt: Sie wollen zwar etwas sagen, aber damit nicht zitiert werden. Denn das, was sie zu äußern haben, steht Oppositionspolitikern nicht gut zu Gesicht: Lob für den Regierungschef. Sie loben Michael Kretschmer erstens, weil er Sachsen nicht mehr zu Tode spart. Zweitens, weil er irrsinnig viel unterwegs ist. Drittens und wichtigstens: Weil er durchaus imstande ist, die AfD zu schlagen, die ja dann in dieser Umfrage doch deutlich hinter ihm liegt.

Und trotzdem wäre er ein tragischer Held, weil er auch immer am CDU-Wahlergebnis von 2014 gemessen wird, dem letzten Ergebnis der alten sächsischen Zeiten. Da lag die CDU bei knapp 40 Prozent. Als Anführer einer Koalition, die es ohne die AfD nie gegeben hätte, wäre Kretschmer auch Sachsens erster Not-Ministerpräsident. Das müsste er erst mal verdauen.

6. Wer nicht lässig bleibt, verliert

Und wenn Kretschmer aber diese Wahl knapp gewinnt, dann auch, weil er eine Strategie hat: Er hat sich erkennbar vorgenommen, Meister im Lässigsein zu sein. Und es ist ja auch wahr, dass Politikern immer immense Lässigkeit abverlangt wird. Selbst wenn die Ergebnisse nicht stimmen und die Umfragen auch nicht, dürfen sie nicht überschäumen oder verzweifeln. Sich im Angesicht der AfD zur Lässigkeit zu zwingen ist aber besonders wichtig: Kretschmer findet, dass er der AfD souverän begegnen muss. Wer ihren Vertretern, aus reinem Zorn, sogar den Handschlag verweigert, wirkt zum Beispiel nicht souverän. Wer andererseits aber ausschließlich und polemisch über Asylprobleme streitet in der Hoffnung, diese Partei noch zu toppen, auch nicht. Kretschmer würde der AfD gerne die Themen klauen, aber bitte nicht ständig über Asyl, Asyl, Asyl reden und schon gar nicht über die AfD-Funktionäre. Damit man nicht permanent wie ein Getriebener um diese Partei kreist.

7. Es gibt mehr Gewinner als nur die AfD

Zur Gegenwehr gegen die AfD-Obsession gehört, auch die Wahlerfolge der anderen zu sehen. Es gibt doch auch andere Gewinner dieser Umfrage! Nehmen wir Sachsens Grüne: Kämpfen immer um die fünf Prozent, würden es in einer Zeit der Polarisierung aber trotzdem in den Landtag schaffen; vielleicht sogar in die Regierung? Das wäre ein Sieg. Auch die FDP, bislang in Sachsen nicht im Parlament, wäre wieder drin. Und eine Linke, die erstmals ernsthaft über ein Mitregieren in Sachsen reden müsste, könnte, dürfte? Auch das wäre: eine Chance. Erstmals liefern müsste, bei 24 Prozent, die AfD. Dass ihr dieser Druck durchaus Probleme bereiten kann, sieht man gerade in Sachsen-Anhalt, wo sie einst mit exakt 24 Prozent in den Landtag einzog. Und sich in der neuesten Umfrage halbiert hat.