Auf dem Display blinkt der grellgelbe Navigationspfeil. Einfach nur der Nase nach, ihr orientierungslosen Anfänger, will das Gerät uns damit sagen. Vor unseren Nasen wuchert aber Gestrüpp: Disteln, Brombeer- und Himbeersträucher. Ein Pfad ist nicht zu sehen. Stacheln piksen meine Schienbeine. Mein Freund Boris, ein paar Dornenhecken vor mir, blickt noch mal auf die Karte. "Wir sind auf dem richtigen Weg!", ruft er. "Wahrscheinlich nur ein wenig zugewachsen!" Ich stemme mein Fahrrad gegen die florale Wand, Zentimeter für Zentimeter. Scheißurlaub.

Ein paar Wochen zuvor, zu Hause in München, haben wir uns das anders ausgemalt: zwei Wochen Bikepacking durch Slowenien. Das Zelt ans Fahrrad schnallen und drauflosfahren. Berge, Meer, Ljubljana. Unseren eigenen Weg suchen, abseits von den üblichen Touristenrouten. Dort bleiben, wo es uns gefällt – oder wo die Beine schlappmachen.

Bikepacking ist ja gerade der neueste Hype. Auf Instagram und Facebook werben gut aussehende Hipster mit sportlich-verdreckten Beinen dafür. Statt sich fette Satteltaschen ans Tourenrad zu schnallen, radeln Bikepacker mit Ultralight-Beutelchen, die das Gewicht optimal über das Rad verteilen. Deshalb stehen ihnen auch Bergrücken und Trampelpfade offen. Im Internet sieht man Bikepacker an einsamen Bergseen campieren, sie schwärmen von ihren #overnighters und den #breathtaking #natureexperiences.

Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich durch einschlägige Websites scrollte, von wildromantischer Zweisamkeit und spontanen Planänderungen träumte. Wir beschlossen, dem Abenteuer eine Chance zu geben – in Slowenien, mitten in Europa und von München aus bequem per Zug zu erreichen.

Bevor es losgehen kann, besteht mein Freund auf guter Vorbereitung. Ich stöhne. Wollten wir uns nicht überraschen lassen? Aber ich will nicht die Schuldige sein, sollten wir in der slowenischen Pampa Hunger und Durst leiden oder uns verirren. Also laden wir GPS-Daten auf unsere Smartphones, studieren Satellitenbilder, planen Tagesziele und verwerfen sie wieder. Suchen Alternativrouten, markieren Wasserquellen und kennzeichnen mögliche Schlafplätze.

Wir starten in Kranjska Gora im gebirgigen Nordosten des Landes, wenige Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Der Startpunkt ist unserem streckenplanerischen Pragmatismus geschuldet. Kranjska Gora gilt als das Las Vegas des Skisports. Im Sommer sind die Hotelburgen dagegen gefüllt mit Wanderern und Rennradlern. Die treffen wir frühmorgens vor dem einzigen geöffneten Café. Ein untersetzter Pensionist mit Sonnenhut schiebt sich einen Krapfen in den Mund, eine Dame mit "I love Slovenia"-T-Shirt trinkt Weinschorle. Wir stärken uns mit Rogljički, slowenischen Croissants, und kurbeln los Richtung Berge – und hoffentlich Richtung Abenteuer.

Unser Plan ist ambitioniert: 700 Kilometer und 14.000 Höhenmeter wollen wir bewältigen: über die Julischen Alpen bis an die Adria, über die Weinhügel im Küstenland nach Ljubljana und zurück nach Kranjska Gora. Was in der Gesamtheit Angst macht, ist als Tagesetappe überschaubar: Heute wollen wir über den Vršič-Pass bis ins nächste Tal nach Bovec radeln. 1.200 Höhenmeter und nur schlappe 50 Kilometer.

Die ersten Kilometer müssen wir eine asphaltierte Passstraße nehmen. Motorräder stinken an uns vorbei, Familien in Autos hupen uns entgegen. Bei der erstbesten Möglichkeit entscheiden wir uns, auf einen Wanderpfad auszuweichen. Unsere Mountainbike-Reifen arbeiten sich knirschend über Wurzeln und Geröll. Mit Gepäckträgern und großen Taschen käme man hier nicht weit, denke ich. Unsere Bikepacking-Taschen, darin Zelt und Schlafsack, haben wir in England bestellt. Mit Klettverschlüssen und Gurten werden sie am Rahmendreieck, am Lenker und an der Sattelstange festgezurrt. Bisher halten die Taschen auch ihr Werbeversprechen: Man vergisst sie beim Fahren beinahe.