Ihre Mitarbeiter warten schon auf sie. Zwei Dragqueens in glitzernden Travestie-Kleidern und zwei Bodyguards mit Tätowierungen und Cap auf dem Kopf: "Respect Hamburg". Respekt – an dem Ort, an dem sie mit einer Gruppe von Touristen auf die Ankunft ihrer Chefin warten, ist die Frage, was ihn verdient, so umstritten wie lange nicht.

Müssen die Menschen auf St. Pauli respektieren, dass auf dem Kiez immer lauter und immer billiger gesoffen und gefeiert wird? Oder soll St. Pauli endlich vor der Ballermannisierung geschützt werden? Und wo fängt die Ballermannisierung überhaupt an?

Die Frauen in Glitzerkleidern drehen sich um, "So, Kinderchen, jetzt schüttelt mal ordentlich die Hände aus!", rufen sie über den Spielbudenplatz. Die Touristen klatschen. Auftritt Olivia Jones, 206 Zentimeter groß, der berühmteste Travestie-Star des Kiezes. "Hallo, ihr Mäuse!", ruft sie und fragt in die Runde: "Na, wer von euch Süßen braucht heute noch was für untenrum?" Giggeln unter den Touristen. "Wenn die Damen ihre Männer loswerden wollen, dafür haben wir hier weibliche Fachkräfte." Juchzen und Glucksen. Es wird der Running Gag der Tour: Ständig spricht Olivia Jones die braven Normalbürger als heimliche Sexmonster an, die nur darauf warten, auf St. Pauli übereinander herzufallen. "Na, Streifenhörnchen, biste schon geil?", fragt sie einen Rentner im gestreiften Polohemd. Giggel, kreisch, juchz!

Olivia Jones ist die schillerndste Darstellerin in dem Drama, das gerade auf St. Pauli aufgeführt wird. Man müsse den Kiez vor den Saufkiosken retten und vor der Goldrauschstimmung, die diese Billigkultur erst möglich gemacht hat: Das sagen Jones und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Ihre Kontrahenten halten dagegen: Entertainment-Profis wie sie hätten diese Form des Tourismus doch erst so richtig angeheizt!

Um verstehen zu können, wer da gerade miteinander um Respekt und Geld ringt, muss man einen Blick in die jüngere Geschichte des Kiezes werfen: In den Achtzigern war das alte Rotlicht-Geschäftsmodell an ein Ende gekommen. Das Verbot von Live-Peepshows und der Boom der VHS-Kassette hatten Pornokinos und Rotlichtbars sterben lassen. An ihre Stelle drängten zwei unterschiedliche Subkultur-Bewegungen, die St. Pauli vollkommen verändern sollten – und die heute darum streiten, was den wahren Kiez ausmacht.

Die eine Subkultur kam mit dem Theatermacher Corny Littmann, der 1988 mit Freunden das Schmidt’s Theater gründete. Die Mischung aus selbstironischer Travestie- und Talentshow kam an, aus schwuler Comedy wurde Massenunterhaltung. Figuren wie Lilo Wanders oder Marlene Jaschke entstanden, 1990 eröffnete das Schmidt’s Tivoli. Aus dem alten Schmuddelkiez mit den Luden, leichten Mädchen, Säufer-Urgesteinen, Transvestiten und Nepp-Bars fabrizierten die neuen Theater einen knallbunten St.-Pauli-Mythos für Touristen, die St. Pauli ein paar Jahre zuvor nie betreten hätten. Damals kam auch Oliver Knöbel, Jahrgang 1969, nach St. Pauli und erfand die Rolle der Olivia Jones. Eine Kunstfigur, so authentisch wie die singenden Cowboys, die in der Countrymusik auch erst auftauchten, als es echte Cowboys kaum noch gab.

Doch auch eine andere Subkultur entstand zur selben Zeit: In die leer stehenden Stripteasebars und Gardinenkneipen zogen Clubs und Bars wie Tempelhof, Sorgenbrecher, Soulkitchen, Mitternacht oder Casper’s Ballroom ein. Der Mojo Club machte in der Bowlingbahn am Millerntor auf, und 1990 kam das Molotow ins Souterrain der Essohäuser. Zum ersten Mal seit der Starclub-Ära gab es wieder neue, aufregende Musik auf dem Kiez.