Als die Pforte sich hinter uns schließt und wir die Wendeltreppe zum Empfangssaal emporsteigen, ist es geschehen. Nach Monaten der Angst, der Vorfreude, der mitunter unerträglichen Ambivalenz haben wir es gewagt. Unsere innere Anspannung wird von zwei freundlichen Empfangsdamen gelöst: "Herzlich willkommen, ihr beiden. Tolle Outfits! Seid ihr zum ersten Mal bei uns?" Aha, man sieht es uns also an. Dabei hatten wir uns alle Mühe gegeben, cool zu wirken. Im normalen Leben klappt das ganz gut – ich muss als Journalist schon von Berufs wegen stets so tun, als sei ich auf alles vorbereitet, und Elise* strahlt sonst die überlegene Gelassenheit einer Psychologin aus. Aber das hier ist nicht das normale Leben.

Es folgen Formalien: Karte und Ausweis (wir sind beide 32 Jahre alt), Jacken abgeben, Leibesvisitation durch das Sicherheitspersonal (Handys und Kameras sind streng verboten), dann geht es weiter in die knallvolle Bar. Am Outfit hat hier niemand gespart: Viele Smokings und Abendkleider, dazwischen Corsagen, Rüschenhemden, Lack und Leder. Elise sticht mit ihrem nudefarbenen Kleid aus der schwarzen Menge hervor; ich selbst füge mich nahtlos ein in jenen Teil der männlichen Gäste, die sich beim Dresscode "elegant oder extravagant" für das Erste entschieden haben. Die Gesichter der Umstehenden kann man nur mit Mühe erahnen – wir sind auf der "Nacht der Masken".

Die Reise hierher begann vor zwei Monaten. Wir sprachen über das Thema, wie man über solche Themen eben spricht: zunächst abstrakt, spielerisch, anekdotenhaft. Und dann, von der Reaktion des jeweils anderen ermutigt, mit wachsendem Ernst, aber immer noch ohne Glauben, dass ein Abend wie dieser Wirklichkeit werden könnte. Schon aus pragmatischen Gründen: Swingerclubs, das waren in meiner Vorstellung Spielwiesen bierbäuchiger Frachtunternehmer und lockengewickelter Bardamen jenseits der 50, die ihrer dritten Ehe etwas Würze abringen wollen. Eine Gesellschaft wie die in Eyes Wide Shut – gut aussehend, gebildet, geschmackvoll –, das wäre was, aber das gibt’s doch nur im Film. Oder?

Ich habe allerdings auch Tinder und andere Online-Dating-Börsen lange Zeit für den Tummelplatz all jener gehalten, die anderswo niemand abkriegen, bis mich ein Selbstversuch vor einiger Zeit eines Besseren belehrt hat – Elise und ich haben uns dort kennengelernt. Im Fall der Swingerpartys war sie es, die den Impuls gab. Sie schickte mir einen Link zu dem Event des heutigen Abends. Ein Veranstalter, der sich "Xklusiv" nennt, kündigte an: "Mehrmals im Jahr trifft sich ein erlesener Kreis von Paaren, um ihrer Lust am Luxus und der Wollust zu frönen. Ein Schloss mit maskierten Herrschaften, Damen in opulenter Abendgarderobe, herausgeputzten Zofen, nackten Lustmägden und muskulösen Liebesdienern, von preisgekrönten Köchen zubereitetes Essen und dazu der Klang der Streichinstrumente." Exklusiv ist auch der Preis: 275 Euro pro Person, nur Paare sind willkommen. Irgendwie finde ich das beruhigend.

Schnell bestellte ich zwei Tickets. Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern, das mich überkam, als ich das Formular auf der Homepage abschickte, keine Stunde nach Elises Nachricht. Es war das gleiche Gefühl wie damals, als ich meinen ersten Fallschirmsprung buchte: freudige Aufregung, durchmischt mit der Angst vor dem eigenen Mut. Eine nicht ganz nüchterne Hauruck-Aktion, knapp vorbei am eigenen Verstand. Einmal bestellt, werde ich schon keinen Rückzieher machen. Buy the ticket, take the ride.

Immerhin hat der Veranstalter nicht zu viel versprochen. Streichinstrumente gibt es hier zwar keine, dafür aber einen Flügel in der Ecke der von Burggemäuer eingefassten Bar. Wir lassen die Blicke schweifen. Stehen wir ja ungewohnterweise inmitten möglicher Intimpartner. Wir sehen jetzt, dass wir mit Abstand zu den Jüngsten zählen. Aber ganz allein sind wir nicht: Ein neues Pärchen kommt neben uns zum Stehen, ich schätze sie auf Anfang 20, ihn auf Mitte 30, beide sehr attraktiv. Jonas und Lisa. Wir plaudern ein bisschen: Für ihn ist es ebenfalls der erste Besuch auf so einer Party, für Lisa immerhin der zweite. Bei ihrem ersten Mal, erzählt Lisa sei das Durchschnittsalter deutlich niedriger gewesen. Viel weiter kommen wir nicht im Gespräch, denn nun ruft der Veranstalter zum Dinner. Und die Vorbehalte, die ich mit dem überstürzten Kartenkauf überlistet hatte, melden sich plötzlich zurück.

Beim Fallschirmspringen stirbt einer von achtzigtausend, das hielt ich für ein vertretbares Risiko. Hingegen weiß niemand, wie viele Liebesbeziehungen an Experimenten dieser Sorte scheitern. Ist es ein schlechtes Zeichen, wenn wir schon jetzt den Blick schweifen lassen, obwohl wir uns doch erst ein halbes Jahr kennen? Oder verhalten wir uns besonders schlau, weil wir eben nicht warten, bis das Feuer am Erlöschen ist, und weil wir diesen Abend als gemeinsames Abenteuer begreifen statt als ersehnte Abwechslung? Noch grundsätzlicher: Ist das Konzept der Monogamie uns biologisch eingeprägt, evolutionär sinnvoll und dieser Abend damit in fundamentalem Sinne widernatürlich? Oder handelt es sich bei der sexuellen Treue um eine anerzogene Borniertheit, die wir kühn abzustreifen im Begriff sind?