Lustig, da steht er im Warteraum des militärischen Teils des Flughafens Tegel, von wo der Airbus A340 der Luftwaffe gleich gen Amerika abheben wird, und spricht, mit Blick auf den Fernsehschirm, auf dem die deutsche Mannschaft soeben ein unentschuldbar lasches 0:1 gegen Mexiko gespielt hat, den präsidialen und unbestreitbar richtigen Satz: "Das können wir besser."

Die Wirkung eines Bundespräsidenten lässt sich im Nachhinein ja immer ziemlich einfach daran ermessen, ob es ihm gelingt, die eine große Rede zu halten, die der chronisch verunsicherten Bevölkerung Zuversicht, Halt und Orientierung gibt. Von erstaunlich vielen der bisher elf deutschen Präsidenten ist so eine Rede nicht in Erinnerung geblieben, von einigen schon (Roman Herzogs "Ruck-Rede" gehört dazu, natürlich Richard von Weizsäckers Rede zum 8. Mai 1945).

Frank-Walter Steinmeier, seit März vergangenen Jahres im Amt, ist, um es gleich zu sagen, ja vielleicht gar kein so schlechter Präsident (Journalisten, die ihn wiederholt auf Reisen begleitet haben, sind sich immer nicht sicher, ob das ein weiser oder doch einfach ein langweiliger Präsident ist) – sicher ist, die ganz große Rede von ihm steht noch aus. Beeindruckend war er in seiner Rolle des gestrengen Staatsoberhaupts, das nach den gescheiterten Jamaika-Sondierungen die Parteichefs an seinen Schreibtisch im Präsidialamt zitierte, um sie an ihre Pflicht, die Umsetzung des Wählerwillens, zu erinnern. Gut kamen zuletzt auch die Bilder mit Mesut Özil und Ilkay Gündoğan, die er zum Gespräch empfing, obwohl die Fußballnationalspieler mit ihrer Verbeugung vor dem falschen Präsidenten ja bekanntlich Mist gebaut hatten.

Es ist auch immer einfach, über einen Präsidenten Witze zu machen, der sich einerseits als Homme de Lettres und als Freund der Dichter, Denker und der Wissenschaft inszeniert und dann gleichzeitig in seinen Reden zuverlässig einen arg papierenen, in alle Richtungen ausgleichenden Diplomaten-Talk anschlägt. Dabei liest dieser Präsident offenbar wirklich gerne und viel – vielleicht sind in Schloss Bellevue noch nie so viele Künstler und Literaten ein und aus gegangen wie in den letzten fünfzehn Monaten. Zum Amtsantritt hat Steinmeier das Thema seiner Präsidentschaft mit "Mut zur Demokratie" überschrieben, vor einigen Wochen äußerte er sich in einer Rede zu Henry Kissingers 95. Geburtstag zum transatlantischen Verhältnis: "Jeder spürt, es steht Grundsätzliches auf dem Spiel (...) Solange die Vereinigten Staaten die Welt eher als eine Arena des Kampfes 'jeder gegen jeden' begreifen, so lange kommt die Welt dem Frieden nicht näher."

Im Dezember 2016 hatte die Bundesregierung das Haus im exklusiven Wohnviertel Pacific Palisades in Los Angeles, in dem der Schriftsteller Thomas Mann mit seiner Familie zehn Jahre seines amerikanischen Exils (1942 bis 1952) verbrachte, gekauft und vor dem Abriss bewahrt – 13 Millionen Dollar wurden an einen kalifornischen Luxusmakler überwiesen. Das Mann-Haus wurde mit der nahegelegenen Villa Aurora (Lion Feuchtwangers Exilresidenz, seit 1995 im Besitz der Bundesrepublik) zu einem Verein zusammengelegt. Im Sommer sollen Stipendiaten einziehen und sich mit "grundlegenden Fragen unserer Zeit beschäftigen, die auf beiden Seiten des Atlantiks von Relevanz sind" (Vereinssatzung).

Bei der ersten USA-Reise des amtierenden Bundespräsidenten handele es sich, so Steinmeiers Pressesprecher, obwohl diese Lesart vielleicht naheliege, eben nicht um die Themenreise "Duell Steinmeier versus Trump" – eine Klarstellung, die so nicht nötig gewesen wäre: Wenn Frank-Walter Steinmeier, von seiner Frau Elke Büdenbender begleitet, nicht ins politische Washington aufbricht, sondern nach Kalifornien, wo er als Höhepunkte seines dreitägigen USA-Besuchs am Abend des 18. Juni das Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades eröffnet, am Morgen des 19. Juni bei der Konferenz "Struggle for Democracy" im Getty Center eine mit Spannung erwartete Rede hält und in den folgenden eineinhalb Tagen im wie üblich irrsinnig eng gesteckten Staatsbesuch-Kalender unter anderem mit deutschen Filmschaffenden zu Mittag isst, dann heißt das: Ich glaube an die Kultur, ich räume ihr neben der harten Politik einen hohen Stellenwert ein. Erfreulich!

Bei so einer Steinmeier-Reise kommt dann wirklich die erwartete bunte Mischung zusammen: Ein Tross von zwanzig mitreisenden Journalisten, einige Bundestagsabgeordnete, bisschen Wirtschaft (SAP, Siemens, Telekom), der Blogger Sascha Lobo ist auch dabei. Drei der vier im ersten Jahr für das Thomas Mann Fellowship ausgewählten Stipendiaten reisen im Flugzeug mit, es sind – so kann man schon sagen – arrivierte und hochdekorierte Mitglieder des akademischen Betriebs, die Soziologin Jutta Allmendinger (die auch Mitglied im Herausgeberrat der ZEIT ist), der Mikroelektroniker Yiannos Manoli, der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, vielleicht der namhafteste und produktivste Thomas-Mann-Kenner überhaupt. Der einzige Nichtakademiker unter den Stipendiaten, der Schauspieler Burghart Klaußner, ist schon nach New York vorgereist. Da sind natürlich Netzwerker an Bord wie der langjährige Steinmeier-Intimus und Kulturchef des Auswärtigen Amts Andreas Görgen. Als Ehrenstipendiaten hat man den heute 77-jährigen, als einstigen Lieblingsenkel Thomas Manns bekannten Frido Mann gewonnen – als Kind verbrachte er insgesamt sechs Jahre im Haus seiner Großeltern in Pacific Palisades (was für eine hinreißende und elegante Erscheinung, allein seinetwegen lohnt sich die Reise).