Thomas Piketty, 47, wurde mit dem Bestseller "Das Kapital im 21. Jahrhundert" bekannt. © Julien FAURE/Leextra via Leemage

DIE ZEIT: Frankreich und Deutschland haben diese Woche einen gemeinsamen Plan zur Reform der Euro-Zone vorgelegt, den sie beim EU-Gipfel Ende Juni durchsetzen wollen. Verspricht der Plan Fortschritte für Europa?

Thomas Piketty: Nein. Es handelt sich um einen vagen, ambitionslosen Kompromiss, der nichts an der überall in der Welt empfundenen europäischen Trägheit ändern wird. Frankreich und Deutschland stellen damit erneut ihre Unfähigkeit unter Beweis, präzise und ehrgeizige Reformvorschläge für Europa zu formulieren. Und das nur, weil sie einem kurzsichtigen, nationalen Egoismus erliegen.

ZEIT: Ihr Präsident aber gilt doch gerade als Verfechter ehrgeiziger europäischer Ziele. Hat ihn die Kanzlerin gestoppt?

Piketty: Genau das will uns Emmanuel Macron glauben machen. Hatte dieser junge, dynamische Präsident nicht fabelhafte Vorschläge zur Erneuerung der Euro-Zone samt Haushalt und Parlament vorgelegt? Aber nein, unsere Nachbarn, Angela Merkel vorneweg, konnten dem einfach nicht folgen und mit der gleichen gallischen Kühnheit antworten! Das Problem mit dieser denkfaulen französischen Theorie ist nur, dass es die berühmten Macron-Vorschläge nie gegeben hat.

ZEIT: Aber Sie zitieren sie doch selbst! Ein Haushalt für den Euro-Raum, wie er Emmanuel Macron und jetzt auch Angela Merkel vorschwebt, wäre das nicht schon ein großer Schritt nach vorn für Europa?

Piketty: Kein Mensch in der französischen Regierung ist bisher in der Lage, auch nur drei vernünftige Sätze zu formulieren, die uns erklären könnten, aus welchen gemeinschaftlichen Steuern sich ein solcher Haushalt finanzieren könnte, wie sich das neue Euro-Zonen-Parlament zusammensetzen würde, das ihn verabschieden müsste, und wer dann die neue finanzpolitische europäische Exekutive verkörpern sollte. Aber ein Haushalt ohne Steuern und ohne Parlament ist kein Haushalt. In Wirklichkeit sind Macrons Vorschläge dermaßen verschwommen, dass sich aus ihnen alles und sein Gegenteil machen lässt. Und genau hier liegt das Problem: Auch Anti-Europäer und Nationalisten kommen damit klar.

ZEIT: Zweifeln Sie an der europäischen Überzeugung Macrons?

Piketty: Sowohl Macron als auch Merkel verstehen das Ausmaß der europäischen Krise nicht.

ZEIT: Was verlangen Sie von ihnen? Europa kann sich doch nur über Kompromisse fortentwickeln.

Piketty: Sicherlich. Aber auch in den Kompromissen muss Substanz stecken. Es würde schon reichen, wenn sich Frankreich und Deutschland mit Italien und Spanien einigen könnten. Diese vier Länder bilden drei Viertel des Bruttoinlandsprodukts der Euro-Zone und drei Viertel seiner Bevölkerung. Gemeinsam könnten sie die europäische Blockade auflösen.

ZEIT: Wenn das so einfach ist, warum machen sie es dann nicht?

Piketty: Weil Macron und Merkel in Wahrheit nichts Wesentliches am gegenwärtigen Europa ändern wollen. Sie sind Opfer der gleichen Verblendung: Sie denken, dass ihre beiden Länder in Europa so schlecht nicht dastehen und dass die Irrungen Südeuropas sie nichts angehen. Damit aber laufen sie das Risiko, dass alles explodiert.

ZEIT: Stimmt es wirklich, dass Deutschland sich gar nicht bewegt? Hat die Kanzlerin nicht gerade ein deutsches Tabu gebrochen, indem sie grünes Licht für einen Haushalt der Euro-Zone gab?

Piketty: Wenn nicht alles täuscht, hat sie ihr Jawort nur zu einem Mini-Investitionshaushalt der Euro-Zone gegeben, also unter der Bedingung, dass er klitzeklein bleibt, nämlich weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Euro-Zone beträgt. Und das natürlich ohne ein Wort über die künftigen Steuereinnahmen zu verlieren, die ihn finanzieren sollen. Was jetzt schon erahnen lässt, dass wir bereits verkündete Investitionen über den neuen Haushalt recyceln werden, wie es unter großen Verwaltungskünsten schon beim Juncker-Plan geschah. Ebenso enthält der deutsch-französische Plan nichts zur absolut notwendigen Demokratisierung der Euro-Zone! Stattdessen will man den Europäischen Rettungsfonds ESM schlicht in einen Europäischen Währungsfonds umformen, was sehr klar eine extrem konservative Sichtweise ausdrückt.

ZEIT: Wieso?

Piketty: Man will einer europäischen Regierung das Modell des Internationalen Währungsfonds aufdrücken. Mit anderen Worten: eine Regierung unter Ausschluss der Öffentlichkeit, geführt von den Finanzministern und der Technokratie. Genau das Gegenteil des parlamentarischen Modells mit seiner demokratischen Öffentlichkeit. Es ist unheimlich traurig, dass es mit Merkel und Deutschland heute so weit gekommen ist – dreißig Jahre nach dem Sturz des Kommunismus und seiner Vorliebe für die Bürokratenherrschaft unter Ausschluss der Öffentlichkeit.