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Ich beobachte Erdoğan seit 20 Jahren. Die Fehler, die er in den letzten 20 Tagen gemacht hat, hat er in den letzten 20 Jahren nicht gemacht. Vergangene Woche rief er seinen Anhängern vom Podium herunter dreimal "Antworte, Diyarbakır!" zu und fragte dann: "Warum reagiert ihr nicht?" Sie reagierten nicht, weil er nicht in der Stadt Diyarbakır war, sondern in Bingöl. Auch in Zonguldak vergaß er dreimal den Namen der Stadt, und er fragte: "Warum ist das so?" Als ihm im Fernsehen die Namen der am selben Tag besuchten Provinzen nicht einfielen, wurden sie ihm souffliert, was auch vor dem Bildschirm deutlich zu hören war. Bei einer Diskussion über die achtziger Jahre sagte er, die Kommunisten hätten Brücken verkaufen wollen, was ihnen nicht gelungen sei. Das Gegenteil aber war richtig. Er behauptete, zur Zeit des Einparteiensystems mit 75 Schülern in einer Klasse gesessen zu haben, dabei war er damals noch gar nicht auf der Welt. Seinen Kontrahenten titulierte er mit "Herr Erdoğan" statt mit "Herr Muharrem".

Alle fragen sich, was los ist mit Erdoğan. Manche sehen ein gesundheitliches Problem, andere ein politisches. Nach 16 Regierungsjahren hat er eine äußerst kritische Wahl vor sich. Verliert er, muss er vielleicht vor Gericht. Die Beteiligung an seinen Kundgebungen sinkt, ebenso die Einschaltquoten der Fernsehsendungen, in denen er auftritt. Sein Wahlversprechen, in jedem Viertel ein Café mit Gratis-Kuchen-Ausgabe zu eröffnen, wurde zum Ziel von Spott. Er wirkt ärgerlich, müde und ohne Selbstvertrauen.

All diesen Zerfallserscheinungen zum Trotz liegen er und seine Partei in den Umfragen weiter vorn. Um der erste Präsident der Türkei nach der Abschaffung des parlamentarischen Systems zu sein, muss er im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen. Bei der letzten Wahl bekam er 49,5 Prozent. Um den Ausgang zu sichern, verbündete er sich diesmal mit der MHP, die es damals auf 11,9 Prozent brachte. Mit diesen Zahlen sollte der Wahlgewinn garantiert sein. Doch seine Partei scheint zurückzufallen, und die MHP ist praktisch am Ende.

Ihm gegenüber steht ein Viererbündnis aus Mitte-Rechts- und -Links-Parteien. Eine glaubwürdige Umfrage sieht beide Allianzen gleichauf (um die 44 Prozent). Den Ausschlag wird also das Verhalten der HDP geben, die weder Mitglied des einen noch des anderen Bündnisses ist. Der HDP-Kandidat Selahattin Demirtaş führt aus der Gefängniszelle heraus, in der er seit 20 Monaten sitzt, einen umwerfenden Wahlkampf.

Falls Erdoğan im ersten Wahlgang nicht über 50 Prozent kommt, scheint es durchaus möglich, dass sich die gesamte Opposition auf den sozialdemokratischen Kandidaten Muharrem Ince einigt und Erdoğan stürzt. Das sorgt für Aufregung. Ince ging erst vor anderthalb Monaten ins Rennen und hat unerwarteten Aufwind. Für seine Partei CHP scheint diesmal mehr drin zu sein als die üblichen 25 Prozent Stimmanteil. Ince spricht auch Konservative und Kurden an, die der CHP eigentlich distanziert gegenüberstehen – und nimmt damit Erdoğan nicht nur seine Aura der "Alternativlosigkeit", sondern schenkt auch den in Furcht vor dem Präsidenten erstarrten Massen wieder Selbstvertrauen. In einem populären Videoclip sagt Ince: "Wir haben deine Lügen satt. Wir sind genervt. Es reicht jetzt!" Die türkische Gesellschaft scheint die in den letzten Jahren errichtete Mauer der Angst überwunden zu haben. Am Sonntag könnte die Mauer dann einstürzen.

Und wenn nicht? Dann erwartet Erdoğan ein Parlament, in dem seine Partei in der Minderheit ist, eine frisch belebte Opposition, ein Volk, das ihn satthat, und eine Wirtschaft im Niedergang. Mit alldem muss er anschließend in Städten, deren Namen ihm nicht einfallen, in die Regionalwahlen gehen.

Seit ich in Deutschland bin, rede ich von einer "anderen Türkei". Die wird jetzt ihren Auftritt haben.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe