Da, wo ich lebe, in der Mitte von Berlin, ist es schon seit Wochen sehr heiß. Tagsüber steht die Sonne grell und unbarmherzig am Himmel, die Menschen suchen Schatten, sie wirken orientierungslos und reizbar. Abends hüllt sich die Stadt in ein dunkles Blau, die Luft ist klebrig und warm. Alle Welt sitzt draußen, trinkt im Licht der Laternen Bier aus feuchten Flaschen, gegen Mitternacht endlich ziehen die Leute erschöpft und unerfüllt nach Hause.

Auf dem kleinen Platz vor unserem Fenster versammelte sich an einem solchen Abend kürzlich eine Gruppe von Jungs, Schüler der zehnten oder elften Klasse vielleicht, und ich nehme an, sie waren auf Klassenfahrt in Berlin. Sie hatten alle offensichtlich schon ein paar Bier getrunken, und ich, der ich oben im Bett lag und wegen der Hitze und der Lautstärke ihrer Gespräche nicht schlafen konnte, hörte ihnen zu und mochte sie.

Die Jungs erörterten die Frage, warum der Westen eigentlich die dominante Kultur der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart sei – eine Frage, die sich mir persönlich in dieser Form nicht stellt, aber das nur nebenbei. Einer der Jungs war jedenfalls auf die These verfallen, Grund für die sogenannte Dominanz des Westens müsse das Christentum sein. Er war absolut überzeugt von der Richtigkeit seiner Idee. Ich sah ihn in Gedanken agitiert mit der Bierflasche fuchteln bei dem Versuch, die ihm offensichtliche Wahrheit in die blöden Köpfe seiner Kollegen hineinzuhämmern. Denn ist es nicht einfach – ist der Westen nicht schon immer christlich gewesen? Nun ja, nein, aber ein bisschen doch schon auch, hm, hm. In Gedanken schwebte ich durch das Fenster zu ihm hinunter, legte ihm brüderlich die Hand auf die Schulter und sagte: "Freund, das ist nicht ganz falsch. Aber es ist auch nicht ganz richtig. Die Sache ist kompliziert."

Wenn man mich, denke ich heute, jemals dazu nötigen sollte, mir einen Leitspruch auf die Stirn tätowieren zu lassen, dann glaube ich, dass ich mit "Es ist kompliziert" in geschwungenen Lettern ganz gut leben könnte. Die Welt ist kompliziert, es ist fast nichts einfach, und eine der seltsamsten Daseinserfahrungen ist, dass diese letztlich banale Überzeugung sich in mir immer weiter verfestigt, je älter ich werde, und zugleich, das ist mein Eindruck, von einer immer geringeren Zahl von Menschen geteilt wird.

Ich las zum Beispiel kürzlich auf Twitter ... Und da haben wir es vielleicht schon, oder? Denn dieser sogenannte Kurznachrichtendienst ist in Wahrheit ja längst eine den öffentlichen Diskurs maßgeblich mitbestimmende Plattform, in der allerdings jedes Argument bloß auf der Länge etwa einer Speisebeschreibung im Restaurantmenü ausgebreitet werden darf, sodass sich jede Komplexität verbietet – also, ich las jedenfalls auf Twitter die Meinung eines geschätzten Kollegen, der in einer einzigen Zeile deklarierte, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung sei bislang ziemlich erfolgreich gewesen. Und ich dachte: Das kann man mit guten Gründen so sehen, aber es ist eigentlich viel zu kompliziert, um in einen Tweet zu passen. Gibt es doch Leute, die zu dieser Flüchtlingspolitik gerade einen Untersuchungsausschuss fordern, und die haben dafür nicht bloß niedere Gründe, und überhaupt hat sich die politische Landschaft dieses Landes durch die Flüchtlingspolitik doch deutlicher verändert als die eigentliche Landschaft selbst, und wahrscheinlich ist das zum Beispiel überhaupt kein Erfolg.

Sie werden an dieser Stelle vielleicht einwenden, dass das halt auf Twitter so geht, da hat man eben keinen Platz, und ich würde zustimmen und sagen, dass Twitter ohnehin bloß eine Art nerdige Battlerap-Arena ist, ein oftmals peinlicher digitaler Poetry-Slam. In der Verkürzung, die Twitter verlangt, wächst für meine Begriffe dennoch das Potenzial zur Aggression; die Simplizität erstickt notwendig jeden Dialog.

Aber nicht nur die Existenz dieser Plattform spricht für die These, dass wir in einem Zeitalter der Vereinfachung leben. Wir haben erst mal alle keine Zeit mehr. Wenn sich ein Gerät nicht einfach bedienen lässt, nervt es, wenn eine Sache zu lange dauert, nervt sie, geht das hier bitte mal zack, zack, wenn einer zu lange braucht, um was zu erklären, nervt er, wenn einer nicht schnell sagt, was er eigentlich will, nervt er. Alles einfach wie ein iPhone, bitte schön.

Es sind in den letzten Jahren ja schon unendlich viele Texte geschrieben worden zum Aufkommen eines neuen Populismus überall auf der Welt, es ist rauf und runter erklärt worden, wie Politiker komplexe Sachlagen vereinfachen, dumm oder falsch darstellen, um den Wählern ein Gefühl der Kontrolle zu geben, die Illusion, dass in einer total verwirrenden Welt am Ende doch noch die alten Keulenlösungen und -wahrheiten gelten. Euro! Brexit! Flüchtlinge!

Die Welt wird immer komplizierter (manchmal stimmen Plattitüden), die Antworten werden einfacher. Das erscheint mir unrealistisch. Man wird doch schon selbst immer komplizierter. Allein weil man im Bestfall immer mehr weiß, je älter man wird, und das akkumulierte Wissen sich nicht mehr zu einem umfassenden kongruenten System zusammenfügen lässt. Da ergeht es dem Einzelnen wie der Menschheit insgesamt, die einmal die Erde als Mittelpunkt des Kosmos kannte, bevor die Sonne zum Zentralgestirn geriet und alles verwirrend wurde und schließlich vollends relativ, wobei obendrein die Welt der Mikrophysik noch einmal ganz anderen Gesetzen zu gehorchen scheint als jene der Makrophysik. Je mehr wir wissen, desto weniger einfach ist die Welt.