Im Dossier der vergangenen Woche haben wir beschrieben, warum so viele Afrikaner ihre Heimat verlassen wollen. Jetzt sitzen vier Menschen an einem Tisch, ein Historiker, eine Journalistin, ein Politiker, ein Unternehmensberater – ihr Thema: Wie lässt sich Afrika helfen? Zwei der vier stammen aus Deutschland, haben aber lange in Afrika gelebt. Zwei kommen aus Afrika, sind aber jetzt in Deutschland. Vielleicht, das ist die Hoffnung, lassen sich Lehren ziehen aus dem, was sie erlebt und gesehen haben.

DIE ZEIT: Frau Tatah, wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Veye Tatah: Zu Hause in Kamerun hatte meine Familie deutsche Nachbarn. Der Mann war im Rahmen eines Entwicklungsprogramms Lehrer an einem College.

Mit ihnen haben wir uns angefreundet. Später sind sie zurück nach Deutschland gegangen, und als ich mein Abitur bestanden hatte, haben sie gefragt, ob ich nicht zum Studieren nach Deutschland kommen und bei ihnen wohnen will. Das war 1991. Und so bin ich nach Bremerhaven gezogen und habe Informatik studiert.

ZEIT: Und plötzlich haben Sie von Deutschland aus auf Afrika geschaut.

Afrika (Subsahara)

Weltbank, worldometers © ZEIT-GRAFIK

Tatah: Ich hatte in Kamerun eine sehr schöne Kindheit. Meine Mama war Krankenschwester, mein Vater war Zollbeamter, ich bin auf ein Internat gegangen, wir gehörten zur Mittelschicht. Und dann kam ich nach Deutschland und sah auf einmal diese Afrika-Bilder: Kriege, Krisen, hungernde Kinder mit Fliegen in den Augen.

Ich war damals 19 Jahre alt, und mich hat das sehr bewegt. Denn ich kannte ein Afrika der Kultur, der Vielfalt, der Lebensfreude! Mit anderen Studenten aus Afrika habe ich dann beschlossen, eine Zeitschrift zu gründen, die den Deutschen von diesem anderen Afrika erzählt. Und diese Zeitschrift gibt es jetzt seit 20 Jahren, sie heißt Africa Positive. Der Name soll auch ein bisschen provozieren, weil die Deutschen so ein negatives Afrika-Bild haben.

ZEIT: Was war das Titelthema der ersten Ausgabe?

Tatah: Nelson Mandela.

ZEIT: Warum?

Tatah: Er war einfach ein großes Vorbild. Ein Mann, der für seine Sache gekämpft hat. Das ist etwas, das ich heute in Afrika vermisse.

ZEIT: Herr Eckert, bei Ihnen war es umgekehrt. Sie haben in Kamerun studiert. Wie kam es dazu?

Andreas Eckert: Das war Zufall, wie so oft im Leben.

ZEIT: Worin bestand der Zufall?

Eckert: Ich habe Mitte der Achtzigerjahre in Hamburg angefangen, Geschichte zu studieren, und hatte mit Afrika, auf Deutsch gesagt, nichts am Hut. Ich bin dann zufällig in eine Vorlesung zur Geschichte Südafrikas geraten, weil in Hamburg als einer der ganz wenigen Universitäten in Deutschland die Historie Afrikas gelehrt wurde. Und in dieser Vorlesung erzählte der Professor, es gebe jetzt ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für Kamerun. Der Gedanke war, den üblichen Weg einmal andersrum zu gehen. Der Deutsche geht nach Afrika.

ZEIT: Und da haben Sie sich gleich beworben?

Eckert: Eigentlich wollte ich lieber nach Amerika. Ich wusste nicht einmal, wo Kamerun liegt. Aber dann habe ich mich spontan entschlossen, es zu probieren. Vier Monate später saß ich im Flieger nach Yaoundé und habe dort ein Jahr lang studiert. Ich habe im Studentenwohnheim gewohnt und war – neben einigen anderen Deutschen – einer der ganz wenigen Weißen auf dem Campus. Das war eine prägende Erfahrung, ich konnte nicht in der Masse untertauchen, ich war immer sichtbar.

ZEIT: Das war Ihr erster direkter Kontakt mit Afrika.

Eckert: Neben dem Studium habe ich ein Praktikum bei Radio Kamerun gemacht. Die anderen deutschen Studierenden und ich haben uns auch einen alten Peugeot 504 mit Lenkradschaltung besorgt und sind bis hoch nach N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, wo wir just zu dem Zeitpunkt ankamen, als wegen eines bevorstehenden libyschen Luftangriffs die Sirenen losheulten. Da haben uns dann ein paar Priester in ihrem Haus aufgenommen, zum Schutz. Und als das Jahr vorbei war, habe ich beschlossen, mich weiter mit Afrika zu beschäftigen. Für meine Doktorarbeit bin ich dann wieder nach Kamerun gegangen.

ZEIT: Wir hatten Sie alle vier gebeten, einen Gegenstand mitzubringen, der Sie mit Afrika verbindet. Herr Eckert, Sie haben ein Getränk dabei.

Eckert stellt eine Flasche mit farbloser Flüssigkeit und rotem Etikett vor sich auf den Tisch.

Eckert: Das ist ein Schnaps, den mir meine Kommilitonen in Kamerun 1987 zum Abschied geschenkt haben. Auf dem Aufdruck steht "Makossa", das ist der Name einer Musikrichtung in Kamerun, die man damals auf den Straßen von früh bis spät hören konnte. Dieser Schnaps hat mich durch alle meine Umzüge begleitet, und er wird mich wahrscheinlich auch weiter begleiten, außer ich komme mal in eine ganz tiefe Krise, dann mache ich ihn vielleicht auf.

ZEIT: Wie viel Prozent hat der?

Eckert: 45.

Europa

Weltbank, worldometers © ZEIT-GRAFIK

Tatah: Oh Gott, das ist viel.

Eckert: Meine Kommilitonen haben damals gesagt, sie hätten mir einen sehr milden ausgesucht. Weil ich als Weißer mit scharfen Gewürzen und harten Sachen ja so meine Probleme hätte.

ZEIT: Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie die Bilder afrikanischer Flüchtlinge auf dem Mittelmeer sehen?

Eckert: Zunächst mal stimmt mich das sehr traurig. Und dann taucht natürlich die Frage auf: Wer ist dafür verantwortlich? Man gelangt dann rasch zu dem Phänomen, dass Afrika weltweit die am schnellsten wachsende Bevölkerung hat. Ein Großteil der Afrikaner ist jung. Und diese jungen Leute sind wesentlich besser ausgebildet als noch vor 30 Jahren. Jetzt suchen sie nach einer Perspektive, die sie in ihren Ländern nicht finden. Also machen sie sich auf den Weg nach Europa. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Mit den Flüchtlingen wird die Welt leben müssen.

Günter Nooke: Das sind keine Flüchtlinge.

ZEIT: Sondern?

Nooke: Wirtschaftsmigranten. Flüchtlinge sind Menschen, die vor Naturkatastrophen fliehen, vor Bürgerkriegen oder Repression. Da muss es meistens schnell gehen, meistens sind es Binnenvertriebene, oder sie fliehen nur ins Nachbarland. Afrikanische Flüchtlinge haben in der Regel gar nicht das Geld, nach Europa aufzubrechen. Dagegen haben sich die Leute auf den Booten im Mittelmeer lange vorbereitet. Sie suchen für sich und ihre Familien ein besseres Leben, und ich will das gar nicht kritisieren. In den Achtzigern zum Beispiel war das Wohlstandsgefälle zwischen Ost- und Westdeutschland weit geringer als heute das Gefälle zwischen Afrika und Europa, und trotzdem sind Leute aus der DDR nicht nur aus politischen Gründen geflohen.