Asserate: Alle chinesischen Unternehmen erhalten eine finanzielle Garantie des Staates. Wenn das Geschäft platzt, ersetzt der Staat den Verlust. Null Risiko. Das gibt es in Deutschland nur für einige wenige afrikanische Länder. Deshalb haben unsere Unternehmen einfach Angst, nach Afrika zu gehen.

Nooke: Vielleicht liegt das auch an den von Ihnen erwähnten Gewaltherrschern. Wir müssen aber tatsächlich viel mehr Anreize dafür schaffen, dass sich europäische Unternehmen in Afrika engagieren. Da hat sich schon viel geändert. In den EU-Regionalfonds haben wir derzeit 350 Milliarden Euro. Die sind dafür gedacht, dass die Wirtschaft in entlegenen Regionen der EU investiert. Warum verwenden wir davon nicht zehn Prozent dafür, Investitionen in Afrika zu fördern? Wir haben den afrikanischen Regierungen genug Vorträge über moderne Demokratie, Rechtsstaat, Verwaltungsrecht und so weiter gehalten. Vielleicht sollte jetzt mal die Wirtschaft hingehen, Arbeitsplätze schaffen und ihren Rechtsrahmen und ihre Rechtsansprüche mitbringen.

Tatah: Viele Unternehmen investieren nicht in Afrika, weil sie so ein negatives Bild des Kontinents haben.

Eckert: Wenn ich mal aus Sicht des Historikers etwas einwenden darf: Es haben sich in der Vergangenheit durchaus europäische Unternehmen in Afrika engagiert. Die haben irgendwelche Rohstoffe aus der Erde geholt, haben wenig Arbeitsplätze geschaffen, aber sehr viel Geld verdient, mit teilweise katastrophalen Auswirkungen auf die Menschen und auf die Umwelt.

Asserate: Stimmt!

Eckert: Wir müssen uns schon darüber klar sein: Wenn wir bei der Rohstoffproduktion in Afrika europäische Umwelt- und Sozialstandards verwirklichen würden, dann würden viele unserer Produkte sehr viel teurer werden. Nehmen Sie nur das Coltan, das man für die Handys braucht. Wenn das unter vernünftigen Bedingungen abgebaut würde, könnten sich nicht mehr so viele Leute ein iPhone leisten.

Nooke: Es gibt auch Unternehmen, die ihr Coltan nicht mehr aus Afrika beziehen. Ich glaube, dass deutsche Unternehmen in Afrika keine so schlechte Reputation haben. Ich war viermal in Liberia – und jedes Mal hat mir jemand erzählt, wie er dort bei Bong Mining Thyssen gelernt hat, wie man mit einem Schraubenschlüssel umgeht ...

Eckert: ... die werden Ihnen als dem Staatsbesucher nicht sagen, dass Mercedes in Nigeria ein unglaublich korrupter Laden war ...

Nooke: ... ich hätte nichts dagegen, wenn stattdessen afrikanische Unternehmen stärker zum Zuge kämen. Hauptsache, es passiert etwas. In Nigeria wird seit 50 Jahren Öl gefördert, aber es gibt keine einzige funktionierende Raffinerie. Und das liegt an der nigerianischen Regierung. Das ist ein korruptes Land. Wenn dort die Privatwirtschaft wächst, kann das nur gut sein.

Eckert: Auch Ideen, auf die Wunder des Marktes zu setzen, hat es in der Vergangenheit schon zur Genüge gegeben. Die sogenannten Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank haben alle auf die Privatwirtschaft gesetzt – aber zu einer massiven Verarmung der einzelnen Länder und zu einer Kappung vieler Sozialleistungen geführt. Auf die Wunder des freien Marktes warten die Afrikaner bis heute.

Europa

81 Jahre beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung eines 2016 in der EU Geborenen.

Weltbank, worldometers © ZEIT-GRAFIK

ZEIT: Es gibt in Afrika viele Produkte, zu deren Herstellung gar keine europäischen Unternehmen nötig wären. Wenn man aber in einen afrikanischen Supermarkt geht, findet man dort Hähnchenschenkel aus Deutschland, Milch aus Frankreich, Tomaten aus Italien. Warum wird das nicht in Afrika hergestellt?

Eckert: Das sind Produkte, die in Europa so stark subventioniert werden, dass sie am Ende billiger sind als die afrikanischen Waren. Und dann überfluten sie in Afrika die Märkte.

Tatah: Das müssten die afrikanischen Länder mit entsprechenden Welthandelsverträgen verhindern. Aber die Afrikaner sind bei diesen Verhandlungen einfach unterlegen, die Europäer kommen mit hoch qualifizierten Anwälten, und die machen dann Verträge zum Nachteil der Afrikaner.

Asserate: Die haben wir auch.

Tatah: Wen?

Asserate: Diese hoch qualifizierten Leute. Man kann heute nicht mehr, wie in den Sechzigerjahren, sagen, die Afrikaner sind unterlegen, die sind noch nicht so weit, die können das nicht. Das Problem ist nur: Diese guten Leute sind alle nicht mehr in Afrika. Die sind in Europa, die sind in Amerika, die sind alle weggegangen.

Nooke: Diese Handelsfragen haben nichts mit Qualifikation zu tun. Die afrikanischen Regierungen sind nicht gezwungen, alle europäischen Agrarprodukte ohne Zölle ins Land zu lassen. Die könnten die meisten Waren auch an der Grenze zurückschicken.

ZEIT: In der Realität aber kommen sie ins Land und werden gekauft, weil sie, wegen der EU-Subventionen, so billig sind. Es gibt diese berühmten Rechnungen, wonach eine Kuh in Europa am Tag mehr Geld vom Staat bekommt, als ein durchschnittlicher Afrikaner verdient.