Angela Merkel hat ihre politische Zukunft an die Europäische Union geknüpft, aber die Zukunft der Europäischen Union hängt nicht mehr an Merkel. Wenn die Kanzlerin nun nach Brüssel reist, um eine europäische Lösung für ihre heimische Regierungskrise zu suchen, begegnet sie dort einer Reihe jüngerer, ambitionierter Männer.

Emmanuel Macron hat vor Kurzem seinen 40. Geburtstag gefeiert, der Österreicher Sebastian Kurz ist erst 31. Auch Pedro Sanchez, 46, Alexis Tsipras, 43, oder Xavier Bettel, 45, die Regierungschefs aus Spanien, Griechenland und Luxemburg, vertreten eine neue politische Generation. Das gilt erst recht für den Italiener Giuseppe Conte, obwohl er die 50 bereits überschritten hat. So verschieden ihre politischen Vorstellungen im Einzelnen sind, das vorrangige Ziel von Sanchez, Kurz und Co. ist es nicht, der deutschen Kollegin aus der Bredouille zu helfen.

Noch etwas haben die vergleichsweise jungen Männer gemeinsam. Sie alle stehen für einen dramatischen Umbruch, der die Politik in Europa erfasst hat. Der jungforsche Kurz, der kühne Macron, der Links-und-Rechts-Populist Conte: Jeder von ihnen spiegelt auf seine Weise Unmut, Wut, aber auch Hoffnung vieler Wähler. Jeder von ihnen steht außerhalb des herkömmlichen Parteiensystems – hier Mitte-rechts, dort Mitte-links –, das auch der EU lange Stabilität verliehen hatte. Eine Stabilität, die es so nicht mehr gibt.

Ohne Humanität verliert Europa seinen moralischen Boden

Die Flüchtlings- und Migrationskrise hat wesentlich dazu beigetragen, die alte Ordnung in Europa zu erschüttern. Um ihre Wucht zu verstehen, muss man einen Schritt zurücktreten. Die EU war lange Zeit eine gut geölte Wirtschafts- und Wohlstandsmaschine, deren Grundidee darin bestand, politische Leidenschaften mit Bürokratie zu entschärfen. Dieser Charakter hat sich fundamental verändert. Die Union, die immer dem Ausgleich verpflichtet war, ist zum Schauplatz ideologischer Auseinandersetzungen geworden. So war es in der Euro-Krise, als Monetaristen und Keynesianer scheinbar unversöhnlich aufeinandertrafen. So ist es nun in der Flüchtlingspolitik.

Wie viel Offenheit wollen wir uns leisten? Und wie viel Härte ist nötig? Diese Fragen haben überall in Europa enorme Emotionen freigesetzt. Sie haben zum Brexit beigetragen und Nationalisten an die Macht gebracht, in Italien und Österreich genauso wie in Ungarn oder Tschechien. Es führt deshalb in die Irre, in diesem Konflikt den Westen Europas gegen den Osten auszuspielen. Auch in Frankreich, Deutschland oder Schweden begegnet der Gesetzgeber Migranten mittlerweile mit entschiedener Härte.

Diese Härte prägt auch die Politik auf europäischer Ebene. Der "Paradigmenwechsel", den manche vollmundig fordern, hat längst stattgefunden. Dass die Außengrenzen der EU besser gesichert werden müssen und Migranten, die keine Aussicht haben, in Europa zu bleiben, möglichst ferngehalten werden sollen – diese Sätze spricht Angela Merkel mittlerweile genauso selbstverständlich wie Viktor Orbán.

Der Glutkern des Streits liegt woanders: Erschöpft sich die Anstrengung der EU darin, Menschen abzuwehren? Oder findet Europa einen gemeinsamen Weg, die notwendige Härte mit Humanität und Solidarität zu balancieren? Humanität gegenüber Menschen, die eben doch in Not sind; Solidarität innerhalb der EU.

Diese Auseinandersetzung allerdings ist keine Nebensache, sondern ein Streit ums Ganze. Ohne Humanität verliert die EU ihren moralischen Boden; ohne Solidarität kann sie auf Dauer nicht bestehen. Merkel hat deshalb recht, wenn sie, gegen die CSU, darauf beharrt, einen europäischen Weg zu suchen. Jeder nationale Alleingang wird weitere Alleingänge nach sich ziehen und die EU weiter verhärten. Wer darüber hinaus den Multilateralismus infrage stellt, wie Markus Söder es getan hat, stellt letztlich die EU infrage.

Merkel kämpft zwar in Brüssel für die richtige Sache, aber es steht nicht mehr in ihrer Macht, die Entscheidungen dort zu ihren Gunsten zu wenden. Mit ihrem einsamen Entschluss, die deutschen Grenzen im Sommer 2015 offen zu halten, hat sie zu jenen Emotionen beigetragen, die nun ihre Kanzlerschaft bedrohen. Sie ist abhängig von Regierungschefs wie Conte oder Kurz, die ihren Aufstieg nicht zuletzt der Absage an Merkels damalige Entscheidung verdanken.

Angela Merkel hat mehr als ein Jahrzehnt lang die Politik der EU geprägt, nun schwindet ihre Kraft. Diejenigen, die nach ihr kommen, sitzen in Brüssel schon neben ihr.

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