Am besten, wir fangen schon mal an, uns nach ihr zurückzusehnen. Nach dieser starken Frau, dieser unvergleichlichen Politikerin und großen Kanzlerin. Denn ihre Macht neigt sich dem Ende zu, spätestens wenn sie in gut zwei Jahren beim CDU-Parteitag auf eine weitere Kandidatur verzichtet. Vielleicht aber schon viel schneller. Nächste Woche oder so.

Wer den Schaden hat, der zieht nicht nur den Spott auf sich, der ist auch immer schuld. So jedenfalls sieht es eine politische Öffentlichkeit, die von Schicksal für gewöhnlich nichts wissen will, die mit dem Unausweichlichen so ungern hantiert, weil es kein Besserwissen ermöglicht, sondern zur Demut zwingt. In diesem Fall geht es jedoch noch um mehr: Nur wenn dies keine Krise der Republik ist, sondern vor allem IHRE Krise, nur wenn es an IHREN Fehlern liegt und nicht an einer historischen Lage, in der das Richtige kaum mehr auszumachen und noch schwerer durchzusetzen ist, nur wenn man sich vorstellen darf, dass jemand anderes mit weniger oder zumindest anderen Fehlern es deutlich besser machen würde – nur dann kann Deutschland endlich wieder ruhig schlafen.

... kalt ist der Abendhauch ...

Ebendarum muss die Frau an der Macht irgendetwas Entscheidendes falsch gemacht haben. Nur, was könnte das sein?

Hätte sie vielleicht nicht wieder antreten sollen, wie nun viele sagen? Ende 2016, als Merkel sich gegen mächtige innere Widerstände dazu entschloss, sah die Welt so aus: Trump im Anmarsch, Marine Le Pen auf dem Vormarsch, die Briten auf dem Abmarsch. In einer solchen Lage hätte man es der mächtigsten Frau des Westens garantiert als Flucht ausgelegt, alle Macht von sich zu schleudern – nur für den eigenen politischen Biorhythmus gewissermaßen. Außerdem hatte Angela Merkel mit dem unangekündigten Offenlassen der deutschen Grenzen im September 2015 eine demokratische Hypothek auf sich geladen, die nach einer nachträglichen Begleichung durch eine Bundestagswahl geradezu schrie. Das kann der Fehler also nicht gewesen sein.

Und die Entscheidung vom 4. September 2015 selbst? War das nicht der große, schicksalhafte Fehler der Angela Merkel?

Das mag einem heute so vorkommen, weil alles, was seither schieflief, jedem ins Auge sticht, während die möglichen Folgen der gegenteiligen Entscheidung in den Nebeln des Hypothetischen verschwinden. Wie lange hätte man die Grenze wohl geschlossen halten können? Hätte es Jagdszenen in Niederbayern gegeben? Hätten in Europa alle mit dem Finger auf die hartherzigen, wohlstandsgeizigen Deutschen gezeigt? Und wenn damals nicht die Fähigkeit der Deutschen zur Empathie überfordert, sondern ihre Bereitschaft zur Härte voll ausgereizt worden wäre, wo stünde dieses Land dann heute?

Hätte, wäre, wenn – wir wissen es nicht, wir spüren es nicht, wir schmecken es nicht. Und darum sieht Merkels Entscheidung heute aus wie ein glasklarer Fehler. Doch womöglich wäre alles andere noch viel falscher gewesen.

... und in der Dämmerung Hülle ...

Ja, die Amtszeit von Angela Merkel geht in diesen Wochen zu Ende, metaphysisch, emotional und über kurz oder lang auch operativ. Doch wer diesen Vorgang wirklich verstehen will, der sollte bei ihren Stärken ansetzen, bei der Faszination Merkel und bei der Frage: Wie konnte es eine politikferne Physikerin aus der abgeschotteten DDR innerhalb weniger Jahre zur gesamtdeutschen Spitzenpolitikerin und in drei langen, drangvollen Jahrzehnten zu einer der großen Kanzlerschaften Nachkriegsdeutschlands bringen (durchaus in einer Reihe mit Helmut Kohl, der sie erst förderte und dann verachtete)?

Merkel demütigt nicht

... der weiße Nebel wunderbar ...

Als ich Angela Merkel vor mehr als zwanzig Jahren kennenlernte, fielen mir zunächst zwei Dinge ins Auge: ihr schneller und neugieriger Verstand sowie ihre allgegenwärtige Scherzbereitschaft. Etwas Drittes bemerkte ich zunächst nicht – das Fehlen von Prätention, einfach weil Merkel zu dem Zeitpunkt noch eine eher unwichtige Ministerin für Umwelt war, also keinen Grund hatte, abgehoben oder selbstverliebt zu sein. Doch – und hier beginnt das Wundersame – auch in ihrer Zeit als Kanzlerin verlor sich Merkels abnorme Begabung, normal zu sein, nicht wirklich. Sie hielt und hält sich recht wenig mit sich selber auf, alle Energien sind frei für das, was eben ansteht.

Darin liegt womöglich das tiefste Geheimnis ihres verblüffend raschen Aufstiegs wie ihres noch überraschenderen Durchhaltens: Energie sparen. Merkel demütigt nicht, sie lässt sich nicht demütigen, gegen das Schleichgift der Rache ist sie immun; sie muss nicht täglich oder stündlich ihr Ego begießen, wie es bei ihren Vorgängern der Fall war; diese Frau sitzt nicht ständig auf einem Thron des Rechthabens, von dem sie nur unter großer Anstrengung Dritter heruntergeholt werden könnte. Auch in ihrem engsten Umfeld wird mit wenig Angst und wenig Gockelei zur Sache gesprochen. Das, was ich davon erleben konnte, hatte ich zuvor und woanders noch nicht gesehen, Merkel verbrauchte ihre Mitarbeiter nicht, sie ließ sie leben. Auch ihr Verhältnis zu Journalisten wurde meines Wissens nie so eng, dass es anstrengend hätte werden können. Leider aber sparte sie stets auch an der Energie, ihre Politik dem Volk zu erklären.

Was mir ebenfalls spät auffiel: Es handelt sich bei der Methode Merkel um eine Weltneuheit in der Politik. Frauen an der Macht hatte es schon zuvor gegeben. Aber keine genuin weibliche Politik.

Politik wird gewöhnlich mit Eitelkeit und brutalem Machtstreben, mit Besiegenwollen assoziiert. Bei Merkel konnte man lernen: Es geht auch (fast) ohne. Was bleibt ist – reine Politik.

Merkel war über ein Vierteljahrhundert lang ein Wunder an politischer Effizienz. Einen Steinbrück beispielsweise hätte es schon wegen seines enormen Eitelkeitsabriebs viel früher dahingerafft, auch einen Gabriel, der täglich mit sich ringt und nicht immer gewinnt. Vielleicht hat noch nie zuvor ein mächtiger Mensch über einen so langen Zeitraum so viel schiere Politik gemacht, eine vergleichbare Menge an Problemen in Lösungen verwandelt, mehr Macht aus seiner Macht generiert.

... wie ist die Welt so stille ...

Man muss sich all dies vor Augen führen, um zu verstehen, warum das System Merkel nun kollabiert. Im Nachhinein, und da befinden wir uns wohl schon, ist klar, dass die Kanzlerin ihren Landsleuten mit dieser Hyperpolitik die Wirkungen des Epochenbruchs lange erspart, sie zumindest abgemildert hat. Denn das ist natürlich die Geschichte hinter ihrer Geschichte: In diesen dreizehn Jahren ihrer Macht beginnen der Abstieg und die Auflösung des Westens, in dieser Phase stößt die Menschheit mehr und mehr an ihre ökologischen Grenzen.

Angela Merkel vermochte diese historischen Bewegungen immer wieder in kleinteilige Prozesse zu überführen. Putins Offensive an der Ostgrenze der Nato, eine katalysierende Antwort auf den westlichen Machtverlust – wurde in einer endlosen Minsker Verhandlungsrunde von Angela Merkel gewissermaßen durch Sitzenbleiben gestoppt, Stoizismus gegen Panzer.

Der Grundwiderspruch zwischen der absurden deutschen Mobilitätskultur und den Erfordernissen des Klimaschutzes – wurde von Merkel in Brüssel wegverhandelt (gut, es brauchte dann noch betrügerische Software); der Zusammenbruch des irren Börsenkapitalismus – wurde von Merkel (und Steinbrück) durch ein Versprechen gestoppt, die Folgen für den Euro ließen sich später, im Sommer 2015, wiederum in nächtlicher Sitzung begrenzen, sogar die Griechen durften bleiben.

Überdehnt, übernutzt, einfach vorbei

... und unsern kranken Nachbarn auch ...

Angela Merkel hat den Deutschen unglaublich viel Geschichte erspart – und sie dabei geschichtsunwillig und geschichtsunfähig werden lassen. Insofern nimmt es nicht Wunder, dass der Aufstand gegen sie nun aus dem Geist des Provinzialismus kommt, aus dem tief empfundenen Wunsch, Österreich zu sein, Ungarn oder Bayern, sich mithin so klein zu machen, dass alle große Politik bitte schön woanders stattfinden möge. Eine kindliche Idee für einen Exportweltmeister und Hauptprofiteur der vormaligen westlichen Dominanz.

Schließlich geschah dann doch mehr große Geschichte, als selbst eine Angela Merkel klein arbeiten konnte. Der Auto-Klima-Bluff flog zu beiden Seiten hin auf – als Krise der Autoindustrie wie auch als Verfehlen der Klimaziele; die russische Destabilisierung der europäischen Außengrenzen im Osten und im Süden lässt sich nicht allein in Nachtsitzungen stoppen, ohne richtig teure Aufrüstung geht es nicht.

Und schließlich das von Wolfgang Schäuble so titulierte "Rendezvous mit der Globalisierung": die Flüchtlingskrise. Da ließ die Frau, die uns die Welt vom Halse gehalten hatte, mit einem Schlag und ohne Ankündigung so viel Welt ins Land, dass es den Deutschen zuerst die Sprache verschlug und dann wie ein bitterer Verrat vorkam. Dass daraufhin die AfD ins deutsche Parlament einzog, ist freilich mehr als nur ein dunkler Rand dieser Kanzlerschaft, es ist ein tiefgreifender Wandel der Republik.

Angela Merkel hat den Deutschen nie einen Rosengarten versprochen. Aber sie hat ihnen einen gepflanzt.

Damit wurde auch ein tiefer Grundwiderspruch der Merkelschen Politik wie der deutschen Mentalität unerträglich. Stets hatte sie in Wahlkämpfen und in Koalitionsverträgen nur gradualistische Politik angekündigt, um dann mit der Kraft der unausweichlichen Krisen grundlegende Veränderungen durchzuführen. So war es bei der Energiewende, bei der Euro-Rettung und eben als die Flüchtlinge kamen, die gerade die von ihr geführte Bundesregierung so ausdauernd ignoriert hatte. Mit dieser Aktion war dieser Teil der Merkelschen Methode überdehnt, übernutzt, einfach vorbei.

Sie selbst wusste das und hoffte auf einen Anstoß von außen, um sich selbst ändern zu können, denn aus sich heraus vermochte sie es eben nicht mehr. Dreimal hat sie darauf gesetzt, dreimal wurde sie enttäuscht. Zu Beginn des Bundestagswahlkampfes 2017 sagte Merkel halb bang, halb vorfreudig, dass dieser Wahlkampf anders werden würde als alle vorherigen. Und tatsächlich zeigte der Schulz-Hype, dass da auch im Volk das Bedürfnis nach etwas ganz anderem loderte. Doch die Angstpartei SPD hat es vergeigt und ihren eigenen Wahlkampf rasch zum Einsturz gebracht. Merkel konnte, ja musste sein wie immer.

Die nächste Chance ergab sich durch Jamaika. In einer ganz neuen Koalition hätte Merkel auch noch einmal eine andere werden, hätte womöglich den Graben zwischen großer Geschichte und kleinteiliger Politik schließen können. Christian Lindner hat es verhindert; ob er dabei an den Epochenbruch dachte? – Man weiß es nicht.

Die dritte und letzte Chance ergab sich durch einen möglichen europhorischen Außenminister namens Martin Schulz. Der Ausgang ist bekannt.

Statt eines anders gearteten Gegenübers bekam Merkel ein Double, Olaf Scholz heißt es, ähnlich wortkarg wie sie, mindestens so kleinteilig, zudem noch mit dem festen Glauben, dass Hamburgpolitik ein gutes Modell sein könnte für Deutschlandpolitik und für Weltpolitik natürlich ebenfalls. Damit war und ist Angela Merkel eingeschlossen in eine überlebte Koalition und in eine überstrapazierte Methode.

Keine liberale Alternative zur Methode Merkel

Zeit zu gehen? Selbstverständlich. Aber doch nicht so. Nicht als Ergebnis dieses neoburschikosen Aufstands der Söders, Seehofers und Dobrindts mit ihrem unbeholfenen Machismo.

... wo ihr des Tages Jammer vergessen und verschlafen sollt ...

Härte zeigen, zurückweisen, abschotten, Ultimaten stellen, jaja – in your dreams! Absurd, zu denken, dass die hocheffiziente Methode Merkel ersetzt werden könnte durch die Renaissance eines mit Demütigung und Großsprecherei, mit Dezisionismus und hohlen Gesten arbeitenden, eben eines energieverschwenderischen Politikstils. Auf Obama folgt Trump, auf Merkel folgt Söder, auf die Tragödie folgt die Farce? Wenn sich die CSU und ihre Sympathisanten in der CDU und in den Medien so richtig ausgetobt haben, dann werden sie merken, dass man Worte nicht essen, Grenzen nicht vollständig verrammeln und als Merkel-Meuchler keine Mehrheiten gewinnen kann.

... der Wald steht schwarz und schweiget ...

Nein, das Problem der Nach-Merkel-Republik liegt nicht rechts von ihr, sondern auf der anderen Seite des politischen Spektrums: Es gibt keine liberale Alternative zur Methode Merkel.

Das beginnt schon beim liberalen Teil der CDU. Annegret Kramp-Karrenbauer scheint Merkel inhaltlich, aber eben auch im Wie zu ähnlich zu sein, von Ursula von der Leyen zu schweigen. Die SPD ist vor Angst gelähmt, sie hat die Ära Merkel fast nur damit verbracht, die Ära Schröder aufzuarbeiten, und dabei jeden Ansatz einer alternativen Politik aufgegeben. Sigmar Gabriels verzweifelte Versuche, auf andere Art Politik zu machen, gehen als bloß persönliche Schrulle in die Erzählung der Partei ein. Die FDP mäandert unter ihrem sichtlich überforderten Chef, und die Grünen wagen den angekündigten Sprung zur führenden Partei im linken Spektrum bisher nicht.

Alle Berliner Spitzenpolitiker, mit denen man in diesem unheimlichen Sommer sprechen konnte, verfügten über ausgefeilte Dreijahrespläne, zielend auf eine reguläre Bundestagswahl im Jahr 2021. Dreijahrespläne allerdings setzen eine derartige Regelhaftigkeit und Beschaulichkeit voraus, dass es schon fast an Wirklichkeitsverweigerung grenzt. Nun geht ihnen alles zu schnell.

Wenn Merkel demnächst geht, steht nichts mehr zwischen den Deutschen und der Wirklichkeit. Und darauf sind sie nicht vorbereitet.

Die Kanzlerin wird gewiss eine neue Aufgabe finden, wie man hört, hat sie schon ziemlich genaue Vorstellungen. Das Land ohne Merkel aber noch nicht.

(Die kursiven Zitate stammen aus dem "Abendlied" von Matthias Claudius)

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio