Deutschland sei der Hauptverantwortliche für den Ersten Weltkrieg und habe in ihm seine Weltherrschaftspläne umsetzen wollen: Diese These des Historikers Fritz Fischer von 1961 hat das deutsche Geschichtsbild im 20. Jahrhundert lange geprägt. Vor vier Jahren allerdings wurde in den meisten Veröffentlichungen zum hundertsten Jahrestag des Weltkrieges Fischers These von der Hauptverantwortlichkeit des Deutschen Reichs für den Kriegsausbruch im August 1914 bereits für überzogen und einseitig erklärt. Denn sie hat nur die deutsche, nicht aber die russische, französische und britische Kriegszieldiskussion im Blick und weist zudem eine ganze Reihe methodischer Schwächen auf. Jetzt hat sich Holger Afflerbach, ein in Leeds lehrender deutscher Historiker und Spezialist für den Ersten Weltkrieg, die andere Seite der These Fischers vorgenommen: Ihr zufolge hat der Krieg deshalb so lange gedauert, weil die Deutschen nicht von ihren annexionistischen Kriegszielen ablassen wollte. Afflerbach kommt dabei zum Ergebnis, dass diese Sicht schlichtweg falsch sei. Mochte das Reich, so seine Gegenthese, für die Entstehung des Kriegs infolge politischen Ungeschicks und eines Risikospiels neben Russland und Österreich-Ungarn zu einem erheblichen Teil verantwortlich gewesen sein, so waren es für die lange Dauer des Krieges neben Russland vor allem Frankreich und Großbritannien. Dass der Krieg nach dem berühmten Diktum George F. Kennans zur "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" wurde, so Afflerbachs Anschlussthese, lag wesentlich an seiner langen Dauer.

Afflerbach betreibt damit eine fundamentale Infragestellung der heutigen geschichtspolitischen Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges. Eine so tief greifende Revision der vorherrschenden Sicht ist nicht zu begründen ohne eine ausführliche Darstellung des Krieges, seines militärischen Verlaufs, vor allem jedoch der politischen Initiativen, die ihn hätten früher beenden können, ebenso aber auch der Zurückweisung ebendieser Initiativen der Mittelmächte vonseiten der Entente. An diesen Vorgaben ist Afflerbachs Kriegserzählung orientiert; sie ist auf die Politikgeschichte und die strategischen Entscheidungen konzentriert, der Krieg selbst bildet nur das diffuse Hintergrundrauschen. Die Perspektive der Soldaten kommt bei Afflerbach ebenso wenig vor wie die der Truppenführer von der Kompanie bis zur Division, und auch die Kriegserfahrung der "Heimatfront" taucht nur insofern auf, als sie relevant ist für die Debatten der Politiker und Militärs über die Frage, wie lange man den Krieg noch werde durchhalten können.

Wer sich für den Kriegsverlauf aus einer anderen Perspektive als jener der Kommandohöhen interessiert, kommt bei Afflerbach nicht auf seine Kosten. Mehr noch: Die Konzentration auf die politisch-strategischen Entscheidungen und das ausgiebige Referieren von in deren Vorfeld geführten Debatten verleihen der Darstellung mitunter etwas Zähes. Afflerbach konzentriert sich konsequent auf das, was für seine These von der Verweigerung einer rechtzeitigen Kriegsbeendigung seitens der Entente zentral ist und was er für seine weitere These braucht: Demnach sei eigentlich ein Patt als Kriegsausgang zu erwarten gewesen, wenn die deutsche Seite nicht lauter schwerwiegende Fehlentscheidungen getroffen hätte. Diese führten dazu, dass die Deutschen den Krieg, der lange "auf Messers Schneide" gestanden habe, am Schluss verloren. Das ist die zweite Vorgabe für Afflerbachs Kriegsdarstellung: zu belegen, "wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor".

Es sind vor allem drei deutsche Fehlentscheidungen, die Afflerbach dafür geltend macht, dass der Krieg für die einen mit einem Sieg und für die anderen mit einer Niederlage endete: Da ist zunächst die durch den militärstrategischen Schlieffen-Plan vorgegebene Verletzung der belgischen Neutralität 1914, die es der Kriegspartei in London leicht gemacht habe, den Kriegseintritt durchzusetzen, wodurch sich die Ressourcenverteilung zuungunsten der Mittelmächte verschob. Sodann ist da der Entschluss zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg vom Januar 1917, der unweigerlich zum Kriegseintritt der USA führen musste und somit dafür sorgte, dass Frankreich und Großbritannien nach den Rückschlägen des Jahres 1917, als beider Offensiven unter schwersten Verlusten scheiterten und sich das Ausscheiden Russlands aus dem Krieg abzeichnete, politisch nicht resignierten und Friedensverhandlungen aufnahmen, sondern weiterhin auf Sieg setzten. Ohne den Kriegseintritt der USA, so Afflerbachs Annahme, wäre das anders gewesen. Drittens kommt der Entschluss Ludendorffs hinzu, im Frühjahr 1918 nicht auf Defensive zu setzen, um ein weiteres Mal die Offensiven der Westmächte an einer beweglichen Verteidigung scheitern zu lassen, sondern die Entscheidung in einer Reihe von Offensiven zu suchen. So verbrauchte Ludendorff die Kräfte, die ihm in den Abwehrkämpfen ab August 1918 dann fehlten. Damit sei deutscherseits infolge von Hybris ein für das Reich glimpflicher Kriegsausgang verspielt worden.

Afflerbachs These, dass am Kriegsausbruch nicht nur Deutschland, sondern auch Österreich-Ungarn und Russland einen erheblichen Teil Verantwortung trugen und dass der Krieg nicht 1916/17 beendet wurde, weil alle Friedensinitiativen der Mittelmächte seitens der Westalliierten abschlägig beschieden wurden, ist überzeugend. Fragwürdig hingegen bleibt seine andere These, wonach der Krieg eigentlich mit einem Patt hätte enden müssen. Denn diese Annahme gründet allein auf der militärischen Leistungsfähigkeit beider Seiten und stellt die Kriegsökonomie sowie die damit verbundene Zeitperspektive bei einer Kriegsführung hintan. Damit aber reproduziert der politische Historiker jene Kurzsichtigkeit, der die politische Führung Deutschlands vor dem Krieg und währenddessen mehrfach verfiel. Eine kluge Gesamtstrategie hat Zeit als Ressource der Konfliktaustragung von Anfang an in die Überlegungen einzubeziehen. Sie handelt leichtfertig, wenn sie alles auf die Karte eines schnellen militärischen Erfolgs setzt und keine Antwort auf die Frage parat hat, wie es denn weitergehen solle, wenn der schnelle Sieg nicht eintritt. Das war neben dem britischen Kriegseintritt das zentrale Manko des Schlieffen-Plans: Er bot keine Lösung, falls Frankreich nicht nach zehn Wochen niedergeworfen wäre.

Als das nach der Marne-Schlacht im September 1914 der Fall war, wurde erkennbar, dass die Ökonomie der Mittelmächte durch die britische Handelsblockade eine geschlossene Kriegsökonomie war, während die der Entente sich als offene Kriegsökonomie mit Zugriff auf die Ressourcen der gesamten Welt erwies. Das zeigte sich nicht nur bei Rohstoffen und Kapital, sondern auch bei der Verfügbarkeit von Soldaten und Arbeitskräften: Während Frankreich und Großbritannien Soldaten aus den Dominions und den Kolonien an die Front schickten, um die Verluste auszugleichen, mussten die Deutschen den letztlich fehlgeschlagenen Versuch unternehmen, ein unabhängiges Polen wiederherzustellen, um dort eine Helotenarmee rekrutieren zu können. Als Arbeitskräfte mussten die Deutschen auf russische Kriegsgefangene und belgische Zwangsarbeiter zurückgreifen, während die Franzosen Arbeiter aus Ostasien anwerben konnten. Das alles ist Afflerbach bekannt, aber es ist ihm in seiner politisch-strategischen Bedeutung nicht hinreichend bewusst – und deswegen schreibt er der deutschen Politik Optionen zu, die sie realiter nicht hatte. Das war auch der Grund, warum die Entente durchgängig auf Sieg setzte: Sie wusste, dass die Zeit für sie lief.

Holger Afflerbach: "Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor"; C.H. Beck, München 2018; 664 S., 29,95 €