Eine Verteidigung des Autos ist nach moralischen Maßstäben nicht möglich. In ethischer Hinsicht sind Fahrräder dem Automobil uneinholbar überlegen. Fahrräder retten die Umwelt, das Kraftfahrzeug zerstört sie. Die Rollen sind klar verteilt. Es treten Heilige gegen Sünder an. Fahrradfahrer wissen das. Sie wissen es so sehr, dass sie in ihrem unerträglichen moralischen Überlegenheitsgehabe das Recht beugen, dauernd, in jeder deutschen Großstadt. Sie fahren kreuz und quer, sie rasen über rote Ampeln, sie kommen einem stoisch in Einbahnstraßen entgegen. Sie hopsen vom Bürgersteig auf die Fahrbahn und zurück. Sie zirkeln an anfahrenden Autos vorbei, sie überholen von allen Seiten. Das lebensrettende Prinzip rechts vor links, es scheint für Fahrradfahrer nicht zu gelten, sie brettern über jede Kreuzung, ganz gleich, ob von rechts ein Auto kommt, dessen Fahrer gerade eine Vollbremsung hinlegen muss. Das Radfahren mag ethisch hochwertig sein, zwangsläufig sozial ist es nicht.

Das Fahrrad ist physikalisch betrachtet schwächer als das Auto. Deshalb fordern Radfahrer Rücksicht vom Automobil, nehmen sie aber selbst nie. Für Fahrradfahrer steigt mit der Tonnage auch der Schuldgrad des Fahrers, ganz ohne zugehörige Handlung. Schuld ist angeboren, der Autofahrer also qua Fahrzeugwahl mit der Erbsünde aller Dieselstinker befleckt. Für Radfahrer gilt: Je schwerer das Fahrzeug, desto schuldiger der Fahrer. Und da sie selbst am leichtesten unterwegs sind, können sie ja gar nicht Schuld haben. Dieser Moralismus nervt mich. Liebe Radfahrer, ich kann euch sagen: Wer die Umwelt nicht verpestet, wird deshalb nicht uneingeschränkt zum besseren Menschen. Ganz im Gegenteil. Ihr nutzt eure Wehrlosigkeit oft aus.

Will man das Auto verteidigen, befindet man sich in der argumentativen Notlage, dass man ästhetisch begründen muss. Warum will ich Auto fahren wider besseres Wissen? Weil ich es schön finde. O je. So wie Stierkampf oder Altgriechisch. Autofahren ändert – und in dieser Hinsicht handelt es sich dann um eine ästhetische Problematik – die Wahrnehmung des Fahrers. Autofahren bildet und erzieht. Doch dazu später.

Zunächst einmal: Wie kommt man dazu, Autofahren überhaupt schön zu finden? Romantische Erzählungen zur eigenen Verkehrssozialisation bietet nicht nur das Rad. So ein Auto prägt Biografien, manchmal über Generationen. Möglicherweise nämlich liegt die Liebe zum Automobil in der Familie, wird weitergegeben. Tennisspieler bringen ihren Kindern Tennisspielen bei, Musiker schenken ihren Kindern Instrumente. Und passionierte Autofahrer, nun, vererben ihre Besessenheit. So war es bei mir. Ich konnte früher einen Autoreifen wechseln als einen Fahrradschlauch flicken. Zum 18. Geburtstag, auf dem Land war das üblich, bekam ich einen Kleinwagen. Es war ein Renault, ich habe ihn sehr geliebt, er brachte mich überallhin, einmal sogar bis nach Marseille. Er wurde mit mir erwachsen, begleitete mich durchs Studium. Als er von einem Lieferwagen platt gefahren wurde, weinte ich mehr über sein zusammengequetschtes Chassis als über mein Schleudertrauma. Wann immer es mir nicht gut ging, bin ich Auto gefahren, und dann ging es besser. Ich würde mir ein Auto verschreiben, wenn ich keins hätte.

Der natürliche Zustand des Menschen ist vielleicht die Bewegung, nicht der Stillstand. Sie entspricht ihm mehr. Es gibt keine Zeit ohne Raum. Sowohl Rad als auch Auto stellen diesen bewegten Zustand her. Beide ähneln einander insofern sie Mobilität möglich machen, sind aber doch durch die Art des Antriebs kategorisch voneinander unterschieden. Der Mensch ist edler als die Maschine, also muss auch die Fortbewegung, die durch Menschenkraft entsteht, edler sein als die erdölbetriebene. So argumentiert der Radfahrer. Doch das Auto hat einen entscheidenden Vorteil: Es fährt mühelos. Es ist genau diese Mühelosigkeit, die seinen Reiz und seine Faszination ausmachen.

Der Radfahrer – auch ich in meiner gelegentlichen Funktion als Rennradfahrerin – zieht seine Befriedigung aus den erlittenen Schmerzen, aus der Bezwingung von Kilometern durch Muskelkraft. Der Autofahrer bezieht seine Befriedigung aus dem gegenteiligen Phänomen. Er muss eigentlich gar nichts tun, um in den Genuss der Geschwindigkeit zu kommen. Es besteht beim Autofahren ein groteskes Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag. Und dieses Missverhältnis, es ist schlicht schön. Das Auto verspricht die größtmögliche Mobilität und dazu, anders als der Zug oder das Flugzeug, selbstbestimmtes Handeln. Ich könnte jetzt einsteigen, durch die Nacht fahren, und in sagen wir Danzig wieder aussteigen. Das habe ich mal gemacht und gleich gelernt: Jedes Freiheitsversprechen des Autos ist auch nur so realistisch, wie die Straßen gut sind. Andererseits stand ich zirka zwei Stunden im Stau auf den Autobahnbrücken über die Oder kurz vor Stettin. Ich habe sicher niemals inspirierter über die EU-Erweiterung und die Brandtschen Ostverträge nachgedacht als an jenem heißen Julitag an diesem geschichtsträchtigen Ort. So bin ich zu einem Hobby gekommen: Autowandern!

Das Autowandern besteht daraus, dass man sich, allein oder in Gesellschaft, ins Auto setzt und irgendwohin fährt. Wohin, ist egal, der Weg ist das Ziel. Idealerweise steigt man möglichst wenig aus. Überall kann etwas gelernt und erfahren werden, historisch, architektonisch, geografisch. Geologisch auch. Burgen, Felsen, Parkplätze, Autobahnkirchen, Wälder – alles ein Erlebnis. Man kann zum Beispiel auf der A 7 Richtung Hamburg gut beobachten, wie süddeutsche Nadelwälder von norddeutschen Kiefernwäldern abgelöst werden. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Menschen an den Tankstellen bald "Moin" sagen werden.

Wegen der allgemeinen Entschleunigung rate ich beim Autowandern zur Landpartie. Eine Allee in der Dämmerung, eine Uferstraße im grellen Sonnenlicht, das sind Naturerfahrungen, die ich paradoxerweise so intensiv niemals gemacht hätte, wäre ich nicht Auto gefahren. Hier kehrt sie wieder, die Ästhetik. Schiller ist bekanntlich nicht Alfa Romeo gefahren, aber er hat eine Theorie entwickelt, die beim Autofahren zum Tragen kommt. Für Schiller gibt es zwei Sorten von Schönheit. Die statische Schönheit und die Schönheit der Bewegung.