Diese bewegliche Schönheit nennt Schiller Anmut. Aufs Auto gewendet kann man sagen: Anmut wird einer Landschaft dadurch verliehen, dass wir sie durchfahren. Sie wird lebhaft, sie wird mobil, sie gewinnt an ästhetischer Qualität ganz eindeutig hinzu, indem sie bewegt wird und vorüberzieht. Deshalb ist auch das Fahren auf der einsamen Autobahn so beliebt. Es bietet vorüberziehende, anmutige Landschaften im Übermaß.

Ich unterstelle allen Fahrradfahrern, dass sie sich heimlich nach der Autobahn sehnen. Nach breiten Straßen ohne Gegenverkehr, ohne nervende andere Verkehrsgruppen. Wie partizipativ ist nun diese Vorstellung? Der Fahrradfahrer träumt von der Herrschaft des Fahrrads, nicht von der Gleichberechtigung. Das lässt sich gut auf den beliebten Critical-Mass-Veranstaltungen beobachten, bei denen ein Fahrradmob für Stunden die Innenstädte blockiert und das friedlichen Protest nennt. Ich war mal in einer Critical Mass gefangen, wartete im Auto am Straßenrand und musste doch tatsächlich erleben, wie ich beschimpft und mein Auto bespuckt wurde. Mehrfach! Nur weil ich da am Gehweg wehrlos existierte. Ich kam mir vor wie der Klassenfeind, und ich nehme an, nach der Revolution muss erst mal eine Diktatur der Fahrradfahrer eingerichtet werden, bevor wir in einem zweiten Schritt zur friedlichen Koexistenz aller Verkehrsteilnehmer kommen können.

Wann immer für Sternfahrten eine Autobahn gesperrt wird, eilen die Fahrradfahrer los, als gäbe es kein Morgen, und machen Selfies: Guck mal, wir am Dreieck Funkturm, wie wir die letzte exklusive Bastion des Autos schleifen! Ich bin sehr oft am Dreieck Funkturm, weil ich in Berlin wohne und die A 100 im Rahmen des Autowanderns schätze. Ich verstehe die Sehnsucht der Radler.

Was man da an Sehenswürdigkeiten alles geliefert bekommt! Das bombastische Kraftwerk Wilmersdorf, die mächtige Rudolf-Wissell-Brücke über der Spree, das historische Messegelände. Biegt man am Funkturm auf die A 115 ab, fährt man sogar an der alten Zuschauertribüne der Avus-Rennstrecke vorbei. Heute ist da Tempo 80. Folgt man der A 115 weiter durch den Grunewald Richtung Potsdam, passiert man nicht nur ein Berliner Bärchen auf der Mittelleitplanke, sondern auch den alliierten Checkpoint Bravo. "Deutsche Teilung 1945–1990", kommentiert eines der üblichen braun-weißen Hinweisschilder sachlich. Wie krass, dass ich hier heute durchfahren kann!, denke ich mir immer wieder. Das ist Mobilität gewordene Wiedervereinigung.

Das Autobahnfahren ist trotz starker Konkurrenz auch meine bevorzugte Art des Autoreisens. Es beruhigt und bildet gleichermaßen. Man ist aufmerksam, weil man schnell fährt. Man ist achtsam. Man denkt nicht zu intensiv über irgendetwas nach, das kann man sich nämlich nicht erlauben. Gleichzeitig wird man auch nicht durch Ampeln oder Abbiegen unterbrochen – und ist deshalb entspannt.

Die Autobahn bietet Anspannung und Entspannung gleichermaßen. Ein Flow-Zustand. Es kommt einem kein Radfahrer entgegen, der gerade telefoniert oder Einkaufstüten beidhändig transportiert. Trotzdem ist die Autobahn gefährlich: "The highway is for gamblers", schreibt Bob Dylan, die Autobahn ist etwas für Glücksspieler.

Hin und wieder, wenn jemand plötzlich und schleichend auf die linke Spur zieht und mir nur Sekundenbruchteile zum Bremsen lässt, denke ich: Oh, das könnte es jetzt gewesen sein. Und gleichzeitig: Ich könnte bis in Ewigkeit so weiterfahren.