Was bedeuten die Vorwürfe gegen die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Avital Ronell?

Wo beginnt der Machtmissbrauch? Es gibt keine Antwort auf diese Frage, nur Annäherungen. Deutungen, die zu entscheiden versuchen, ob sich ein Mensch oder eine Institution über jeden Zweifel erhaben gefühlt hat. Die Analyse von Macht und Autorität ist deswegen ureigenes Terrain der deutenden Disziplinen wie Rechts- und Literaturwissenschaften – das Terrain von Avital Ronell.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten lehrt die 66-jährige Literaturwissenschaftlerin an der amerikanischen New York University (NYU). Die intellektuelle Strahlkraft ihrer Arbeiten über Goethe, Nietzsche, Kafka reicht weit – Ronell ist eine Lichtgestalt der internationalen Geisteswissenschaften, erleuchtet auch durch die Aura von Freundschaften mit den Denkern der Postmoderne, etwa mit Jacques Derrida.

Zweideutige Kommunikation

Nun steht Avital Ronell im Zentrum eines juristischen und zugleich hermeneutischen Verfahrens. Vergangene Woche wurde bekannt, dass gegen Ronell ein sogenanntes Title-IX-Verfahren läuft. Die Einleitung eines solchen Verfahrens bedeutet: An der NYU hat jemand eine Beschwerde gegen sie eingereicht, und die Universität ermittelt. Solche Title-IX-Beschwerden umfassen generell eine große Bandbreite an Vorwürfen aus dem Bereich der Diskriminierung und sexuellen Belästigung, sie reichen von körperlichen Übergriffen über institutionelle Diskriminierung bis zu zweideutiger Kommunikation.

Die Person, die diese Beschwerde eingereicht hat, der Inhalt des Vorwurfs und die Deutung desselben durch die Universität bleiben unter Verschluss, so sieht es das Verfahren vor. Weder Avital Ronell noch die NYU oder Personen aus diesem Umfeld können sich öffentlich äußern.

Bekannt wurde der Fall – genauer: die Tatsache, dass es einen "Fall Ronell" gibt – dennoch. Leiter Reports, ein in der Szene viel gelesenes Philosophie-Blog, hat einen Unterstützerbrief für Ronell geleakt.

Das Schreiben, das sich an die Universitätsleitung richtet, betont die fachlichen und institutionellen Verdienste Ronells: Sie habe die Literaturwissenschaften der NYU sowie ganz Europas geprägt, sei ihren Studierenden eine engagierte Lehrerin. Zwar habe man zu den Unterlagen des Verfahrens keinen Zugang, kenne aber jene Person, die Ronell in einer "böswilligen Kampagne" anklage und diesen "juristischen Albtraum" verursache. "Würde sie entlassen oder freigestellt, würde diese Ungerechtigkeit weithin wahrgenommen", heißt es. Ronell verdiene "eine faire Anhörung", die "Respekt, Würde und Menschlichkeit" zum Ausdruck bringt.

Der Brief ist unterzeichnet von mehr als fünfzig Professorinnen und Professoren; unter ihnen sind internationale Größen wie die Philosophen Judith Butler (ihre Unterschrift steht an erster Stelle) und Slavoj Žižek. Auch prominente deutsche Literaturwissenschaftler haben unterzeichnet, etwa Rüdiger Campe und Barbara Vinken.