Wenn man überschlägt, wie lange John Neumeier schon das Hamburg Ballett leitet (45 Jahre), wie viele Plätze die Staatsoper hat, in der das Ballett beheimatet ist (1690) und wie viele Vorstellungen in dieser Zeit getanzt wurden (unfassbar viele) – dürfte es zumindest rein rechnerisch keinen Hamburger geben, der noch kein John-Neumeier-Ballett gesehen hat.

Keinen außer mir. Aber jetzt bin ich da.

Hamburgische Staatsoper, Sonntagabend, Beethoven-Projekt. Ich näherte mich dem Abend wie einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht spreche und dessen Gepflogenheiten ich nicht kenne, von den Traditionen ganz zu schweigen: vorsichtig, unsicher, gut angezogen. Was ich weiß, ist nur: dass Tanz nichts ist, was man auf die leichte Schulter nimmt. Alles ist ernst gemeint, die Tänzer haben nicht ihr Leben lang trainiert, um Witzchen zu machen.

Also gut.

Auf der Bühne: ein Steinway-Flügel, ein Pianist vor einer taubenblauen Wand spielt die Eroica-Variationen, unter dem Instrument windet sich Aleix Martínez um das Flügelbein, er tanzt die Hauptpartie. Halb schräg vor der taubenblauen Wand steht auch eine rote, der Flügel und die Tänzer werfen scharfkantige Schatten auf die Wände, das sieht gut aus.

Und schon beginnen die Schwierigkeiten. Denn es ist heikel, Tanz zu beschreiben, man macht sich schnell lächerlich. Es ist wie immer, wenn es um Kunst geht: Wäre Sprache geeignet, die Bewegungen einzufangen und ihre Aussage abzubilden, könnte man es dabei belassen und bräuchte den Tanz nicht. Aber es geht ja genau um das Unaussprechliche. Und neben den feingliedrigen Tänzern sehen die Worte, mit denen man sie zu fassen kriegen will, immer plump und aufgeplatzt aus.

Man kann aber schon einmal festhalten, was das Beethoven-Projekt nicht ist: eine getanzte Biografie Beethovens, vom ersten Klavierunterricht bis zum letzten Atemzug. Es ist eher: ein Ringen mit Beethovens Genius, mit seinen Ängsten und Visionen, ein Aufbegehren gegen die Konformität und auch gegen das Aufbegehren selbst.

Auch wenn ich noch nichts von Neumeier gesehen hatte, weiß ich, was er tut. Er choreografiert Musik, die eigentlich keine Choreografie braucht. Das Weihnachtsoratorium, Mahler-Sinfonien, Stücke, die allein schon so voll sind mit Gefühlen, dass sie keine weitere Tonspur vertragen. Ich finde die Kühnheit sensationell. Sich hinzustellen und zu sagen: Kann schon sein, dass das keine Ballette sind, die Beethoven komponiert hat, weil in den Tönen schon genug Bewegung ist. Ist mir aber egal, wir machen das trotzdem. Große Kunst braucht immer einen, der laut "Trotzdem!" schreit.

Ich sitze im Saal, schaue den Tänzern zu, wie sie sich leichtfüßig verausgaben. Versuche zu verstehen, merke, dass das nichts bringt, und ertappe mich dabei, die Wirkung auf ein erklärbares Maß herunterzurechnen. Wie kann man sich so viele Bewegungen in so vielen Stunden merken? Aber keiner der Menschen, die sich auf der Bühne verausgaben, hat all die Jahre trainiert, damit man jetzt zu viel denkt.

Die Frage, wie er darauf kommt, beantwortet John Neumeier im Programmheft. Improvisiert, frei assoziiert. Aus den Gefühlen, die er beim Musikhören hat. Keine Handlung, keine Dramaturgie, der ganze Abend: gemischte Gefühle.

Man kann jetzt fragen: Was interessiert mich, was der Neumeier bei Beethoven fühlt. Aber so schöne Gefühle hat kaum jemand sonst. Man muss es wirken lassen. Ich brauche lange, bis ich das einsehe: Es ist nicht nötig, die Komplexität aufzulösen. Es reicht, sie zu bewundern wie ein in schöner Handschrift aufgeschriebenes Rätsel.

John Neumeier choreografiert neben den Eroica-Variationen auch das Geistertrio, die D-Dur-Sonate op. 10, die Geschöpfe des Prometheus und, was dem Abend dramaturgisch einen hübschen Rahmen gibt, die Eroica-Sinfonie selbst. Die Themen, die anfangs der Pianist spielt, spielt am Ende das Orchester.

In der D-Dur-Sonate verliert Beethoven auf spektakuläre Weise sein Gehör. Die Musiker verlassen die Bühne und die Musik verschwindet aus dem Blickfeld in den Orchestergraben. Es lohnt sich, sich diese wunderschöne Paradoxie vor Augen zu führen. Als Beethoven noch hört, ist die Musik zu sehen. Dass er nicht mehr hört, sieht man daran, dass man sie nicht mehr sieht. Das klingt verwirrend, erschließt sich auf der Bühne aber sofort, und genauso verhält es sich mit dem Rest des Abends. Er ist: Ein zauberhaftes, feinstoffliches Gebilde aus Magie und halb nackten Körpern, das aber, sobald man anfängt, darüber nachzudenken, in sich zusammenfällt.

Weitere Aufführungen am 6. Juli und in der Spielzeit 2018/19