Die Bässe dröhnen aus den Boxen. Bratwurstgeruch weht über den betonierten Basketballplatz. Ein paar Sechstklässler verkaufen, aufgeregt Münzen wechselnd, den von ihren Müttern gebackenen Kuchen, irgendwoher werden Namen gerufen, die Bühne herab, der dünne Applaus geht im Getöse unter. Marvin. Leon. Mahmud. Yasin. Dilara. Schulsommerfest.

Es ist ein Fest, wie es gerade in tausendfacher Ausführung im Lande zelebriert wird. Die Zeugnisse sind geschrieben, die Kirschen sind reif, die Tage schreien nach "hitzefrei". Auf der Bühne erscheinen jetzt ein paar Schüler mit abgeschlossenem oder laufendem Asylverfahren. Die haben was einstudiert – eine Hip-Hop-Performance. Die Mädchen tragen die langen Haare geflochten, das hat die Welt noch nicht gesehen. Und Yasin liefert eine Spontan-Tanz-Einlage nach einem arabischen Popsong. Gekonnt, eigenwillig und witzig. Im Unterricht wurde er so nie wahrgenommen. Von niemandem. Er gilt als einer, der es schwer hat mit dem Deutschlernen.

Die Geschwisterbande im Publikum hat die ganz kleinen Geschwister auf dem Arm. Die härtesten Checker-Freunde kneifen den auf den Arm genommenen Kindern zwinkernd in die Wangen. Dann ist irgendwann Schluss. Am Ende tragen alle die Tische und die Getränkekisten und die Stühle wieder ins Haus.

Die Krux dieser Geschichte ist, dass sie keine Pointe hat. Sie hat noch nicht einmal ein Happy End. Denn viele der Feiernden werden in wenigen Tagen nicht das Zeugnis erhalten, das sie tatsächlich richtig einschätzt oder gar weiterbrächte.

Viele von ihnen sind erst seit zwei oder drei Jahren in Deutschland.

Die Jüngeren unter ihnen haben Glück, sie lernen schneller, sie haben noch reichlich Zeit bis zu ihrem Schulabschluss. Es sind die Teenager, die es oft am härtesten trifft. "Schnell, schnell" funktioniert beim Menschen eben ganz selten.

Wenn man die Situation dieser Jugendlichen nachvollziehen möchte, lohnt sich ein kleines Gedankenexperiment.

Viele von uns sprechen neben dem Deutschen und dem Englischen sicherlich noch ein, zwei andere Sprachen – so ein bisschen wenigstens. So, dass manch einer in Andalusien mit seinem Spanisch mittlerweile ganz gut beim Bäcker klarkommt. Vielleicht sogar ausgelassen mit dem Kellner scherzt. Ein paar Volkshochschulkursen und bereits verbrachten Urlauben sei Dank. Wenn man sich nun aber mit genau dieser Sprache im Kopf für einen Augenblick vor ein leeres Blatt setzte und versuchte, in ausführlichen ganzen Sätzen ein Experiment aus dem Chemie- oder Physik-Unterricht der neunten Klasse zu beschreiben, würden viele ehrlicherweise feststellen: Hier gerät man an Grenzen.

So etwa fühlen sich die meisten meiner Migranten-Schüler, wenn sie aus der Vorbereitungsklasse, wo sie im geschützten Rahmen die Grundlagen der deutschen Sprache gelernt haben, in den "richtigen" Unterricht mit den anderen entlassen werden. Sie kommen im Alltag gut klar, haben aber keinerlei Chance, mit der Unmenge an Passivkonstruktionen, dem Verbgefüge-Wahnsinn, den Konjunktiv-Erscheinungen und dem unsäglichen Nominalstil in den deutschen Schulbüchern und der Bildungssprache zurechtzukommen. Jedenfalls nicht gleich. Nicht von heute auf morgen. Nicht innerhalb eines Jahres. Manche nicht innerhalb von zweien. Auch das halte ich für normal.

Schüler, die klug und lebendig sind, auf der Spracherwerbs-Treppe jedoch noch auf den mittleren Stufen herumturnen, werden so maximal zum Hauptschulabschluss gelangen, wenn überhaupt. Weil das System noch zu starr ist und wir auf Schnelligkeit bei den Schullaufbahnen beharren. Können wir uns das leisten?

Selbst Lehrer, die die Integration mit reichlich Flexibilität und viel gutem Willen vorantreiben wollen, werden resignieren unter der Unmöglichkeit des Vorgesehenen. Und die Hände traurig vors Gesicht schlagen vor dem Scheitern vieler junger Migranten, dem sie sehenden Auges und ziemlich ausgelaugt assistieren müssen. Wollen wir so weitermachen?

Es besteht Bedarf, etwas zu ändern. Flexibler zu sein. Zeit zu geben, wo Zeit nötig ist im Bildungssystem. Weil es letztlich vollkommen gleich ist, ob ein 16- oder 20-Jähriger den Realschulabschluss macht. Einen Abschluss, der unbedingt fundiert bleiben muss.

Ich erinnere mich in diesem Zuge an eine kleine Episode, die ich mit 14-jährigen Schülern erlebte: Ich hatte sie irgendwann aufgefordert, zu Hause eine ältere Person ihres Vertrauens nach deren wichtigster Lektion im Leben zu fragen. Fast alle wollten tags darauf die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern darbieten. Es war schön. Viel drehte sich um Ehrlichkeit im Leben. Viel um die Zeiten, in denen man eine wichtige Person verloren und schon früh Verantwortung übernommen hatte. Irgendwann meldete sich einer der vier syrischen Neuzugänge und las vor: "Meine Mutter hat gesagt: Musst du im Leben vieles langsam machen. Bei Arbeit, in Schule. Sonst gibt Fehler. Bei Freunden und Familie, sonst nicht gut mit Menschen. Immer schnell, schnell, schnell nicht gut."

In solchen Momenten taucht er immer wieder auf, der gemeinsame Kern der Menschen. Keine ganz schlechte Richtschnur, um weiterzumachen. Und zwar in Ruhe. Damit wird nicht jedes Leben zum Fest, aber es gäbe für viel mehr junge Leute einen Grund zum Feiern. Ihr Abschlusszeugnis zum Beispiel.