Warum ist eigentlich nie jemand über den mehrfach ermordeten und tödlich verunglückten Sport- und Musiklehrer in den Romanen von Bodo Kirchhoff gestolpert? 2001 tauchte der gut aussehende Roth-Händle-Raucher und Käfer-Cabrio-Fahrer im Roman Parlando zum ersten Mal auf. Die Geschichte spielte am Originalschauplatz, in einem Internat am Bodensee. Ein elfjähriger Junge wird dorthin von seinen Eltern, denen er bei ihrer Beschäftigung mit sich und ihrer Scheidung im Weg ist, abgeschoben. In die Versorgungslücke springt ein charismatischer Lehrer mit halb langem, schwarzem Haar und dunklen, Kirchhoff schreibt, "fast schon indischen" Lippen. Im Schilf am Bodensee, wo der Cabrio-Fahrer ein Liebesnest für sich und seinen Schüler eingerichtet hat, vergisst das Kind seine Einsamkeit. Die Küsse des Lehrers schmecken nach Zigaretten. Er war, hieß es damals, "vom ersten Augenblick an mein Erlöser". Dennoch erschlägt er den Lehrer mit einem Stein. Als das Kind dem Lehrerkopf in seinem Schoß "den gewünschten Spalt" beibringt, der "sich erst dunkel mit Blut füllt und dann weißlich mit Hirn", soll der Lehrer wie ein geschlachtetes Rind geschrien haben. Elf Jahre später, im Roman Die Liebe in groben Zügen, lässt Kirchhoff den Pädagogen noch einmal sterben. Dieses Mal ertrinkt er im See, und sein Opfer sieht einfach zu.

Alles, bis auf den Mord, hat sich so zugetragen. Bodo Kirchhoff nannte, was ihm damals im Internat Gaienhofen am Bodensee widerfahren ist, in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen 1994 ein "sexuelles Schicksal". Als Christian Kracht vor Kurzem im selben Frankfurter Hörsaal zum ersten Mal von dem Missbrauch erzählte, den er als Internatsschüler in Kanada erlitten hat, ging er in Kirchhoffs Spuren. Dieser hatte vor Frankfurter Studenten zum ersten Mal vom "Kantor" im Internat erzählt, mit dem er als Zwölfjähriger "eine Nacht verbringen durfte", in der er ein "übermächtiges Vergnügen an sich selbst" erlebte. Das war vielleicht noch nicht deutlich genug. Jedenfalls hat es damals niemand ernst genommen.

Dann, im März 2010, schrieb Bodo Kirchhoff im Spiegel einen Essay, in dem er eindeutig sagte: "Ich bin missbraucht worden." Es war das Jahr, in dem die Öffentlichkeit durch die seit Langem bekannten Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule plötzlich aufgerüttelt wurde. Jetzt hörte man auch Bodo Kirchhoff zu. Aber man verstand ihn nicht, weil er sich weigerte, den Täter zu verurteilen. Er nannte seinen Lehrer damals sogar einen "Hirten meiner Lust". Die Erfahrung des wiederholten Missbrauchs beschrieb er ambivalent: "Es war der Wahnsinn, wie man heute sagt, damals ein loderndes Rätsel zwischen den Beinen."

Menschheitsstudien bei den Nutten im Bahnhofsviertel

Man konnte das so verstehen: Der jahrelange Missbrauch durch seinen Lehrer war zwar ein Verbrechen, aber eines, das das Opfer zum Schriftsteller gemacht hat. Seine frühen, noch im Suhrkamp Verlag veröffentlichten Bücher (Kirchhoff wechselte später in den Verlag seines Freundes Joachim Unseld), Ohne Eifer ohne Zorn (1979), Die Einsamkeit der Haut (1981), handelten von einsamen und vom Sex und vom Körper besessenen oder auch zerfressenen jungen Männern, die ihre verwundeten Körper im Fitnessstudio modellierten und ihre Menschheitsstudien bei den Nutten im Frankfurter Bahnhofsviertel abrundeten. Ihr Autor, der sich noch immer gern barfuß in schneeweißen Hosen fotografieren lässt, geriet deswegen früh in den Ruf eines Selbstdarstellers und Machos. Doch das war ungerecht. Es ging von Anfang an um literarische Selbstverteidigung gegen den Auslöser und "Hirten" einer Urkatastrophe der Liebe.

Bodo Kirchhoff hat sein Schreiben immer existenziell verstanden. Gemeinsam mit seiner Frau Ulrike Bauer gibt er seit vielen Jahren in seinem Haus am Gardasee Schreibkurse, die Titel tragen wie Eros und SpracheSchreiben als Wagnis oder Aus dem eigenen Leben erzählen – für andere. Auf der Website, auf der man sich zu diesen Kursen anmelden kann, gibt es ein Foto des Autors am Pool in Torri del Benaco, in gelöster Pose, entspannt, gebräunt, auf den Knien ein Buch, hinter sich der blaue See, man könnte meinen: ein durch Literatur Geretteter. Unter dem Foto findet sich Kirchhoffs literaturexistenzialistisches Credo: "Schreiben und Leben sind keine Gegensätze: ich erschreibe mir das Leben, und erlebe mir das Schreiben."

Am 6. Juli wird Bodo Kirchhoff, der wie viele Autoren der 68er-Generation das Image des jungen Nachwuchsschriftstellers entschieden zu lange mit sich herumtragen musste, überraschend 70 Jahre alt. Wenige Tage vor seinem Geburtstag erscheint nun sein vielleicht wichtigstes Buch, seine Autobiografie Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre . Darin geht es um seine Kindheit und Jugend, um die Studienzeit, das Malen und das erste Schreiben. Natürlich geht es darin auch wieder um den schönen Kantor in der roten Turnhose und um das verwirrende "Hin und Her zwischen glühendem Verlangen und glühender Scham". Aber auch, nicht weniger verstörend, um die in der evangelischen Erziehungsanstalt offiziell angewandte Bestrafungspraxis der "Heimdresche", die unter Aufsicht eines Lehrers oder einer Lehrerin von den Mitschülern auf den nackten und bald blutüberströmten Hintern des Kindes verabreicht wurde. Es sind Bilder aus einem dunklen, sprachlosen und herzbeklemmenden Nachkriegsdeutschland, dessen definitiver Untergang gar nicht so lange zurückliegt, wie es manchmal scheint.

Gleich auf den ersten Seiten wartet Bodo Kirchhoff mit einer weiteren erstaunlichen Geschichte aus der Kleinkinderzeit auf. Der Dreijährige war damals mit seiner Mutter, der Schauspielerin und Schriftstellerin Evelyn Peters, Autorin von insgesamt 26, zum Teil sehr erfolgreichen Liebesromanen und 30 Erzählungen, die zwischen 1959 und 2004 im Knaur-, Ullstein- und Piper Verlag erschienen sind, allein in der Sommerfrische in Kitzbühel. Der Vater, ständig um das Überleben seiner kleinen Firma kämpfend, war in Hamburg geblieben. Seine junge Mutter, schreibt der bald 70-jährige Sohn nun merkwürdig gestelzt, habe dem Kleinen während dieser vaterlosen Ferien in den trägen Mittagsstunden auf dem Hotelbett "das mütterlich Rückwärtige mit dem Spalt in der Mitte" für Erkundungen mit den Fingern, aber auch mit dem Bleistift überlassen.