"Der Infant stillt seine Mutter", so kommentiert der Memoirenschreiber Kirchhoff im Nachhinein die schwüle Penetrationsszene, in der der spätere Lacan-Spezialist als Dreijähriger sein Schreibinstrument in "den Spalt" (in Kirchhoffs Poetikvorlesungen hieß es: in das "ungeheure Sprachloch") der Schriftstellermutter eingeführt haben will. Sie passt beinahe unheimlich perfekt zum psychodramatischen Schreibprogramm des Sohnes, der nach seiner frühen, in den Körper eingeschriebenen Verwundung zu einem Zwangsarbeiter an der Sprache der Sexualität und der Liebe geworden ist. Der Mutter soll der sommerliche Liebesakt mit dem Schreibgerät des Sohnes gefallen haben: Die "Schläfrige im Bett öffnet sich ihm, sein Tun ist kein Nehmen, eher ein Geben, ein zartes Versorgen". Ein Ausdruck, der in den berührenden Passagen der Rahmenhandlung wiederkehrt, in denen Kirchhoff vom Siechtum und Sterben seiner Mutter erzählt, die er beim letzten Besuch mit seiner Hand "versorgt, wie mit einem Schwachstrom, der etwas in ihr aufglimmen lässt".

Man merkt dem Buch an vielen Stellen an, unter welchen Qualen es entstanden sein muss. Es enthält das gesamte Ausgangsmaterial eines altersweise gestimmten Formulierkünstlers, der in Alassio im Hotel Beau Sejour, in dem seine Eltern einmal glücklich waren, auf die Katastrophen seiner Jugend zurückblickt. In seinen sorgfältig gemeißelten Sätzen über die Eltern, die ihre Kinder sich selbst überlassen haben und selber Verlorene waren, liegt etwas Feierliches, stolz Vergebliches und streng Überformuliertes, das an den längst verflogenen Suhrkamp-Weihrauch erinnert, ganz wunderbar ist und melancholisch macht.

Die Geschichte, die Bodo Kirchhoff erzählt, ist Teil einer großen bundesdeutschen Erzählung. Auf das grausame Internat folgen Militärdienst und Frankfurter Studentenzeit, Lektürejahre mit Camus, Sartre, Moravia, Malaparte und Genet, die Erkundung der Rotlichtviertel und Sportstudios, eine I’m a lonely boy- Stimmung, die einsame Dachmansarde im Frankfurter Ostend, wo nebenan der Nachbar stirbt und tagelang vom jungen Autor durch die Balkontür beim Verwesen beobachtet wird, die Freundinnen in den Frauen-WGs, die Foucault-Seminare und meterhohe Buchstapel in allen Ecken, Essen aus Tüten und Dosen. Wer selbst dabei war, kann nur nicken: So war unser Leben. Das Buch endet an dem Tag, an dem ein erstes Manuskript in einem Briefkasten landet. Absender: Kirchhoff. Empfänger: Suhrkamp Verlag, Lindenstraße 29–35, Frankfurt. Etwas Neues begann.

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre;
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 2018; 480 S., 28,– €