Parteichef Alexander Gauland lässt sich in einen Sessel des Bundestagsrestaurants fallen. Eben hat er seinen Mitarbeitern das Wort "Bettvorleger" aus einer vorbereiteten Pressemitteilung über Horst Seehofer herausgestrichen. "Kein Hohn, kein Spott", sagt der 77-Jährige. "Wenn Seehofer jetzt in der Flüchtlingspolitik das macht, was wir fordern, werden wir ihm nicht in den Rücken fallen." Das ist aber ein großes "Wenn". Außerdem wird man jetzt natürlich immer mehr draufsatteln. Erst alle zurückschicken, die Grenzen komplett schließen, Asylrecht abschaffen – und schließlich, wie es bei der AfD heißt, den "Bevölkerungsaustausch" umkehren: "Remigration", Rückführung aller, die "nicht zu uns passen". Gauland: "Wir jagen die CSU, das ist klar."

Wie fühlt sich das an? Nur fünf Jahre nach Parteigründung eine Regierung ins Wanken zu bringen? Ein siebzig Jahre altes Parteiengefüge porös zu machen? Eine scheinbar unerschütterliche Regierungschefin in die Ratlosigkeit zu versetzen? Wer dieser Tage bei der AfD vorbeischaut, rechnet mit Triumphgeheul und knallenden Sektkorken – und trifft auf eine verblüffend gemischte Gefühlslage.

Denn nach Gaulands Einschätzung hängt der Erfolg der AfD ausgerechnet an jener Frau, deren öffentliche Auftritte man jahrelang so inbrünstig mit ohrenbetäubenden Pfeifkonzerten und Hassbekundungen begleitet hat. "Je länger Angela Merkel bleibt, desto besser ist es für uns", sagt der Fraktionschef. "Mit Jens Spahn oder Julia Klöckner würde es für uns deutlich schwerer." Oder gar Wolfgang Schäuble als Übergangskanzler – ein Riesenproblem.

Geradezu perfekt wäre es aus AfD-Sicht, wenn Merkel sich jetzt von den Grünen retten ließe – dann wäre endgültig bewiesen, dass die CDU eine Partei des linken Lagers ist. Aber danach sieht es nicht aus. Und wenn die CSU tatsächlich konsequent AfD-Positionen umsetzen würde – da ist sich Alice Weidels Co-Vorsitzender Gauland sicher –, "dann haben wir ein Problem. Denn wir selbst können ja noch nichts umsetzen."

Den brandenburgischen AfD-Vorsitzenden Andreas Kalbitz muss man nicht lange nach seiner Stimmung fragen. "AfD stark im Kommen", hat er kürzlich auf ein paar Hundert Kondompackungen drucken lassen. Kalbitz gilt als der neue starke Mann des rechten Flügels: Weil er besser vernetzt ist als Björn Höcke, trauen ihm manche sogar zu, eines Tages Alexander Gauland an der Parteispitze zu beerben und Ministerpräsident in Brandenburg zu werden, wo die Partei in Umfragen derzeit mit der CDU gleichauf liegt. Kalbitz ist gebürtiger Münchner und war jahrelang selbst Mitglied der CSU – außerdem Mitglied einer schlagenden Burschenschaft, Ex-Verleger und Fallschirmjäger. Die Panik der CSU beobachtet er mit bitterer Genugtuung. "Das ist die Quittung für deren Neoliberalismus", sagt Kalbitz, seit Kurzem auch im Bundesvorstand der AfD, auf der Fahrt von Berlin zum Stammtisch nach Nauen. "Versuchen Sie als Frau in München doch mal, die Werte zu leben, die die CSU propagiert: heiraten, bei den Kindern zu Hause bleiben und dann vielleicht noch die kranke Mutter bei sich aufnehmen. Das können Sie doch überhaupt nicht bezahlen!"

Die CSU mit linken Argumenten von rechts angreifen: Das ist neu. Sein bayerischer Parteifreund Petr Bystron hat auch einen "linken" Grund dafür, warum die CSU Stimmen an die AfD verliert: Populismusverdacht! "Wenn ich das sehe", sagt Bystron, "Markus Söder als Sonnenkönig auf dem Nymphenburger Kanal, Markus Söder mit seinen scheinheiligen Kreuzen und seiner Reiterstaffel, dieser billige Populist! Für wie blöd hält der die Leute eigentlich?"

Die Strategie der CSU lautet ja, durch das Kapern der AfD-Rhetorik den Konkurrenten vollends ins Nazi-Aus zu drängen. Genau davor haben die Gemäßigten in der AfD Angst. Sie schauen sich bei ihren Treffen dieser Tage in die Augen, so erzählt es einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, und fragen sich: Wärest du dabei, wenn die CSU auf Bundesebene anträte? Mit fliegenden Fahnen, erzählt ein anderer, würden viele die Partei wechseln. AfD-Inhalte ohne den "Nazi-Scheiß", ohne die Obsession mit den zwölf Jahren, ohne Rassismus – das wäre für viele AfDler ein attraktives Angebot.

In der jüngsten Forsa-Umfrage kann man es sehen: Während eine Mehrheit der bayerischen Bürger mit der Arbeit des neuen CSU-Ministerpräsidenten Markus Söder unzufrieden ist, bekommt er gute Noten von AfD-Wählern, genau wie Bundesinnenminister Seehofer. "In so einer bundesweiten CSU könnte man endlich Politik machen, ohne sich zu schämen", seufzt der Abgeordnete. Von der AfD bliebe dann nur noch eine Art NPD.