Im Licht des aktuellen Spektakels verblassen vergangene Großtaten, sie wirken manchmal weit weg. Oder zumindest unbedeutend. Es war einmal ein Confed Cup, fast vergessen, doch ein Blick zurück auf jenes WM-Vorbereitungsturnier im vergangenen Jahr lohnt sich. Er zeigt: Der schöne Triumph eines jungen deutschen Perspektivteams war womöglich teuer erkauft. Ihm liegt, sicher gut gemeint, ein Versäumnis zugrunde, ohne das jetzt der Start in die Weltmeisterschaft für Joachim Löws Team nicht so holprig verlaufen wäre.

Zur Erinnerung: Löw schickte überraschend ein verstärktes Nachwuchsteam ins Rennen um diesen Confederations Cup in Russland. Er schonte eine Reihe von Etablierten, die nach einer langen Saison wohl ohnehin nicht großartig motiviert gewesen wären, einen lästigen Probelauf zu absolvieren. Es gehe nicht um den Titel dort, sagte Löw, über allem stehe nur die spätere WM. Er verzichtete auf Jérôme Boateng, Mats Hummels, Thomas Müller, Mesut Özil und die damaligen Champions-League-Finalisten Toni Kroos und Sami Khedira. Wenn er nur zwei, drei der Nachrücker "Richtung Weltklasse schieben", auf ein neues Niveau heben könne, sei er glücklich, so der Bundestrainer. Nur drei Weltmeister fuhren mit, aber sechs Debütanten, zudem drei Profis mit bis dato nur einem Länderspiel. Marco Reus schlug die Einladung aus.

Nun, wer hat es im Verlauf des Confed Cups zur Weltklasse gebracht? Wem hat die Teilnahme zu einem weltmeisterlichen Niveau verholfen, das nun, ein Jahr später, gefordert wäre? Die Spieler Amin Younes, Kerem Demirbay, Benjamin Henrichs, Lars Stindl und Sandro Wagner haben es aus dem Confed-Cup-Team nicht in den WM-Kader geschafft. Die aufstrebenden Sebastian Rudy, Leon Goretzka, Niklas Süle, Timo Werner und Julian Brandt wären wohl auch ohne die Erfahrung des Konföderationenturniers in den Kreis der WM-Teilnehmer gerückt, einfach weil sie sich in der Zeit nach der EM dort hineingedrängt haben. Ebenso, positionsbedingt, Marvin Plattenhardt als einzige Alternative zum Stammspieler Jonas Hector hinten links.

Julian Draxler wurde 2017 zum besten Turnierspieler gewählt, aber erklomm er auch dieses "neue Niveau", von dem Löw gesprochen hatte? Als erfahrener Anführer einer Nachwuchsgruppe herauszuragen ist leichter, als sich – wie nun bei der Weltmeisterschaft – in einem Starensemble durchzusetzen. Das kennt Draxler aus seinem Verein in Paris, wo er nicht die großen Rollen spielt.

Hat die damalige Entscheidung, den Wettbewerb als Perspektivturnier zu betrachten, Deutschlands Nationalmannschaft also vorangebracht? Löw lehrte seine Truppe einen Spielstil, von dem klar war, dass er bei der großen WM vom Titelverteidiger nicht mehr gefordert sein würde: Außenseiterfußball mit schnellen Gegenstößen. Doch als das junge Team das Confed-Turnier gewann, hieß es, Löw habe alles richtig gemacht und die Skeptiker Lügen gestraft. Aber wie kann das Abschneiden beim Confed Cup Auskunft über richtig und falsch geben, wenn es doch angeblich nicht wichtig ist? Wenn über allem die WM steht, kann nur diese über Erfolg oder Misserfolg dieser Nominierung entscheiden, im Nachhinein.

War der Jubel also verfrüht, der Confed Cup 2017 ein Missverständnis?

Löw hätte vor einem Jahr experimentieren können – nicht mit Fußballhoffnungen der Zukunft, sondern mit der Nationalmannschaft der Gegenwart. Denn inzwischen fragt man sich, ob nicht Zeit vergeudet wurde im Bestreben, alte und neue Kräfte, Weltmeister und Nachrücker, zusammenzuführen. Hätte Löw womöglich unter Ergebnisdruck eines Testturniers früher erkannt, dass die Handlungsschnelligkeit des zentralen Mittelfeldspielers Sami Khedira weiter nachlässt? Hätte er nicht frühzeitig Kroos und Rudy zusammenspannen können, vielleicht in einem anderen als dem althergebrachten Spielsystem, das über die Jahre meistens an Özil orientiert war, der ewigen Nummer zehn?

So war es ein verschenkter Sommer. Beim Confed Cup hätte man vielleicht endlich eine passende Position für Thomas Müller finden, auch Timo Werner schon mal neben einem Stoßstürmer wie Mario Gomez am Flügel testen können. Vielleicht wäre der zurückhaltende Taktgeber Kroos, hätte er mitgespielt, bereits in eine angemessene Anführerrolle hineingewachsen. Die heutigen Erkenntnisse – aus einem misslungenen Mexiko-Spiel zum WM-Start – wären dann längst gewonnen gewesen, vor der WM. Den frühen Überlebenskampf schon in der Gruppenphase in Russland hätte sich Löws Mannschaft folglich erspart. Er hat Energie und Nerven gekostet.

Aber sie hatten ihr Erfolgserlebnis, damals, 2017 in Russland. Getrieben wurden sie von einer intrinsischen Motivation, also aus sich selbst heraus, etwas Großes überraschend zu erreichen. Und nicht wie Kroos und Co. heute: angespornt vom Willen, es den Kritikern da draußen zu zeigen. Das war sicher eine schöne Erfahrung damals. Aber eben nicht für alle, die jetzt zur WM gefahren sind.