"Nur nicht gleich sachlich werden!", höhnte der Wiener Kritiker Anton Kuh, "es geht ja auch persönlich." Dem Bayern-Häuptling Markus Söder geht es offenkundig nicht um die Sache – um nationalen Grenzschutz statt "europäischer Lösung". Die bajuwarischen Stalin-Orgeln zielen allesamt auf Angela Merkel. Sie muss in die Knie gehen wie einst Heinrich IV. vor dem Papst in Canossa.

Egal wo er in der Flüchtlingsfrage steht, kann es kein vernünftiger Bürger hinnehmen, dass der bayerische Schwanz mit dem Bundeshund wedelt. Es riecht nach einem schleichenden Putsch; die Partei erhebt sich über die Regierung, ja den Staat. Unterwirft sich die Kanzlerin, herrscht in Berlin eine Zombie-Regierung. Oder Merkel wirft gleich die Brocken hin. Was hätte die CSU davon, die verhasste Amtsinhaberin zu stürzen?

Immerhin hat Merkel zumindest zwei theoretische Optionen: die Grünen mit 67 oder die FDP mit 80 Abgeordneten, die den Abfall der CSU (46) wettmachen könnten. Die Bayern aber haben keine. Sie könnten sich nur am Machtverlust laben – zum ersten Mal in der Geschichte unionsgeführter Regierungen. Neuwahlen müssen alle fürchten – außer der AfD.

Vielleicht denkt die CSU tatsächlich nur provinziell und will mit dem Krieg gegen Merkel am 14. Oktober bloß die Macht im Landtag erobern. Die Rechnung "Bavaria first" geht nicht auf. Bei der Landtagswahl 2013 holte die CSU noch 48 Prozent; nun ist sie im Krieg gegen Merkel auf 40 gefallen. Sechs von zehn Bayern sind unzufrieden mit Seehofer und Söder. Dagegen befürworten zwei Drittel die "europäische Lösung". Der nationale Kurs verfängt nicht einmal südlich des Mains, wie will die CSU punkten, wenn sie sich im ganzen Land ausbreitet, dagegen die CDU in Bayern einmarschiert und der CSU die Stimmen raubt?

Das Alleinstellungsmerkmal der CSU – die unnachahmliche Mischung aus liberal, sozial und konservativ, eingepackt in "Mir san mir"-Nationalismus – verkauft sich in NRW, MV und Hamburg nicht; die Nordstaatler bleiben bei Pils und werden nie begreifen, dass ein "Weizenbier" in Wahrheit ein "Weißbier" ist. Kann die CSU wieder auf den Boden der Tatsachen zurückklettern?

Dazu müsste sie nur die Zeilen 4701–4810 des Koalitionsvertrages durchlesen. Die tragen die Handschrift der CSU. Das Wörtchen "Obergrenzen" fehlt; dafür aber gilt ein Limit von 220.000. Die "Zuständigkeit des Ersteinreiselandes" müsste Seehofer ebenfalls schätzen. Asylverfahren sollen an der EU-Außengrenze stattfinden. Solange deren Rundum-Schutz nicht greift, sind auch "Binnengrenzkontrollen vertretbar". Hier gibt es genug Raum für versöhnliche Formeln. Übrigens ist die Zahl der Asylanträge radikal gefallen: von 745.000 in 2016 auf monatlich 15.000 in 2018.

Die Bayern mögen rauflustig und großmäulig sein, handeln aber in der Stunde der Wahrheit rational-pragmatisch; sonst hätten sie den Freistaat nie zum Musterland machen können. Seit Wochenbeginn schlagen die CSUler jedenfalls mildere Töne an. Spekulationen über das Ende der Koalition seien "weltfremd", schnurrt Seehofer. Der Einpeitscher Dobrindt zelebriert die "Schicksalsgemeinschaft" von CDU und CSU. Die Kanzlerin kippen? "Diese Frage wird von uns nicht gestellt", flötet Generalsekretär Blume. Der Blick in den Abgrund schärft immer den Realismus.