Als sich nach dem Mauerfall die politische Landschaft des Ostens neu sortierte, fehlte vor allem eines: eine "stramm konservative Partei". So sieht es jedenfalls ein Mann, der es damals vom Rügener Rinderzüchter zu einem der Top-Politiker der späten DDR gebracht hatte. Peter-Michael Diestel heißt er, und er ist heute das, was man einen schillernden Promi-Anwalt nennt. Im Jahr 1990 war er: Generalsekretär einer neuen Partei namens DSU, die inmitten der Wendewirren die konservativen Kräfte des Ostens bündeln wollte. Und die sich dabei ausgerechnet an den Bayern orientierte.

Man erreicht Diestel, 66, in der Villa Mendelssohn, seiner Potsdamer Anwaltskanzlei, und er ist gleich ganz selig, über sein Experiment von damals zu erzählen: Die neue konservative Bewegung des Ostens, die er habe gründen wollen, sollte frei sein von DDR-Altlasten. Sie sollte "eine konservative Struktur werden, aber ohne Stasi-Struktur". Die Ost-CDU habe ihm deshalb nicht in den Kram gepasst: eine Partei, die sich gerade erst von langen Jahren als Blockpartei in unmittelbarer SED-Nähe freimachte. Die CSU dagegen erschien Diestel als "gut organisiert" und als "einzige wahre deutsche Volkspartei". Vor allem wegen Franz Josef Strauß, der Diestel "immer stark beeindruckt hatte, wegen seiner Urwüchsigkeit, Männlichkeit, seiner Ochsigkeit – die zwar falsch ist, aber die es eben manchmal braucht". Wesenszüge, die man, so glaubte Diestel, damals im Osten brauchen konnte.

Und deshalb also fand im Januar 1990 das Gründungstreffen der Deutschen Sozialen Union (DSU) statt, Diestel und einige andere Konservative trafen sich in einem Leipziger Gasthof und wählten einen Namen, der sich nicht zufällig auf CSU reimte. Den Schriftzug der DSU gestaltete man, auch nicht zufällig, in Himmelblau. Einige der ostdeutschen Gründungsmitglieder sollen sogar in bajuwarischer Tracht aufgetaucht sein. "Wir wollten den Osten politisch verändern, und er sollte aussehen wie das Bayern der CSU", sagt Diestel heute.

Es dauerte damals nicht lange, da landete die Geschichte von der Leipziger Partei mit himmelblauem Schriftzug auf dem Tisch des CSU-Politikers Peter Gauweiler. Und der witterte seine Chance. Denn im Osten, das ahnte Gauweiler, ließe sich womöglich ein Plan verwirklichen, von dem sein politischer Ziehvater, der 1988 verstorbene Franz Josef Strauss, immer geträumt hatte: eine Kandidatur der CSU außerhalb von Bayern und rechts von der CDU. Die Zeit drängte: Zwei Monate nach DSU-Gründung, im März 1990, sollten die ersten freien Wahlen der DDR stattfinden. Und Gauweiler wollte die DSU mit allen Mitteln in die neue Regierung des wilden Ostens hieven. Er überzeugte seine Partei zu helfen. 25 Tonnen Flugblätter und Grundsatzprogramme sollen damals von Bayern gen Osten gerollt sein, inhaltlich alles auf CSU-Linie. Die CSU stellte alle ihre zwölf Wahlkreis-Chefs für den DDR-Wahlkampf der DSU ab. Es klingt absurd, aber da fuhren nun gestandene bayerische Landespolitiker in Münchner Lautsprecher-Wagen durch den Osten und warben für einen neuen Konservatismus – so schildert es Diestel. Um die ostdeutsch-bayerische Fusion perfekt zu machen, bat man den gerade erst gewählten Vorsitzenden der DSU, den Leipziger Thomaskirchen-Pfarrer Hans-Wilhelm Ebeling, als ersten Ostdeutschen überhaupt auf die Bühne des politischen Aschermittwochs der CSU in der Passauer Nibelungenhalle. Und CSU-Chef Theo Waigel wurde Ehrenvorsitzender der DSU.

Ihrerseits ging die DSU, um jetzt auch wirklich in die Regierung zu kommen, nun doch ein Wahlkampf-Bündnis mit der Ost-CDU ein. "Um eine konservative Struktur aufzubauen", sagt Diestel, "mussten wir in die Regierung, und dafür brauchten wir die CDU." Das Bündnis Allianz für Deutschland, dem neben CDU und DSU noch der Demokratische Aufbruch angehörte, holte den Wahlsieg. Zu den 48 Prozent steuerte die DSU nur 6,3 Prozentpunkte bei, sie durfte aber wichtige Ämter im ersten frei gewählten DDR-Kabinett unter Lothar de Maizière besetzen. Pfarrer Ebeling wurde Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Und Diestel? Ging als letzter Innenminister der DDR nach Berlin.

Mit der großen Regierungsverantwortung begann allerdings auch gleich der Niedergang der bayerisch-ostdeutschen Idee, so sieht Diestel es heute. "Durch mein Amt konnte ich mich weniger um die Partei kümmern", sagt er. Während er und Ebeling eifrig am Einigungsvertrag gefeilt hätten, hätten viele Neu-DSUler plötzlich ganz andere Töne angeschlagen. "Uns ist die Partei nach rechts weggerutscht", sagt Diestel. Den "Schreihälsen von DVU und den Republikanern", die damals in die DSU drängten, gibt Diestel heute die Schuld, dass sich seine DSU von ihm entfremdete. Im Juni, nur fünf Monate nach der Parteigründung, wechselten er und Ebeling zur CDU. Die CSU gab, auch auf Druck von Helmut Kohl, ihre Unterstützung für die DSU 1993 auf. Die DSU verließ die Allianz, zog nie wieder in einen Land- oder Bundestag ein und existiert heute nur noch als Kleinstpartei im sächsischen Vogtland.

Wie denkt der letzte DDR-Innenminister Diestel heute über die CSU? Die CSU, sagt er, "bringt der CDU Nachdenklichkeit, das schätze ich sehr". Eines aber würde er der CSU selbst raten: "Sie redet viel zu wenig darüber, was sie für die deutsche Vereinigung getan hat."