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In der Nacht des 24. Juni starrte die gesamte Türkei auf die Ecke links oben am Fernsehbildschirm. Die Zahl dort, die anzeigte, wie viel Prozent Staatspräsident Erdoğan bei den Wahlen erhalten hatte, war zunächst eine 57. Im Laufe der Stunden wurde daraus: 56, 55, 54, 53, 52. Voller Angst beobachteten Erdoğans Anhänger und Erdoğans Gegner, wie sich der Trend fortsetzte. Noch zwei Punkte, und Erdoğan hätte die Macht verloren. Doch gegen Mitternacht blieb die Zahl hier stehen. Und Erdoğan erklärte sich zum Wahlsieger.

Es gab noch einen zweiten Sieger, der in der Enttäuschung der Widersacher und im Triumphgeschrei von Erdoğans Anhängern unterging: Devlet Bahçeli, der Chef der MHP. Im Westen kennt man seinen Namen kaum, jetzt aber ist er Erdoğans Koalitionspartner.

Bahçelis Vorname Devlet bedeutet "Staat". Für viele Menschen repräsentiert er tatsächlich den "tiefen Staat". Der ehemalige Wissenschaftler ist 70, lächelt selten und hat nie geheiratet. Er ist bekannt für seine rassistischen Ansichten und war in den Siebzigern der Mitbegründer der Vereine selbst ernannter "Idealisten", die gegen die Kommunisten mobil machten. Bahçeli fordert eine militärische Lösung des Kurdenproblems und die Wiedereinführung der Todesstrafe. Auch als seine Partei, die MHP, aus dem Parlament flog, sich spaltete und aus der Regierung ausstieg, wackelte sein Thron nicht. Ende der Neunziger ebnete er Erdoğan gewissermaßen den Weg an die Macht, indem er die Koalitionsregierung, deren Vize-Premier er war, zu vorgezogenen Neuwahlen zwang. Als Erdoğan mit den Kurden über Frieden verhandelte, war Bahçeli der schärfste Gegner Erdoğans. Doch als Erdoğan die Verhandlungen kippte, den Putschversuch 2016 niederschlug und die Verbindungen zum Westen kappte, stellte Bahçeli sich bedingungslos auf die Regierungsseite.

Für die Präsidentschaft benötigte Erdoğan 50 Prozent der Stimmen, seine Partei lag jedoch darunter: Bahçeli bot sich an, das Defizit auszugleichen. Diese Kooperation löste einen nationalistischen Sturm aus. Nachdem sich vor den Wahlen ein relevanter Flügel der MHP von der Partei abspaltete, schien Bahçeli kurzzeitig am Ende. Ein Trugschluss: Am Sonntag errang er bei der Wahl elf Prozent. Erdoğan hat seine Alleinherrschaft im Parlament verloren, jetzt braucht er für jeden Beschluss die Zustimmung seines neuen Koalitionspartners, die Zustimmung von Bahçeli.

Bislang wusste der Westen nicht einmal, wie er mit Erdoğan auskommen soll. Nun sieht sich der Westen auch noch dem extremen Partner Erdoğans gegenüber. Und der Dialog mit diesem neuen "Staat" der Türkei dürfte ziemlich schwierig werden.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe