(* Kannst du mir folgen?)

Wenn Sie den folgenden Text nicht lesen würden, sondern ihn von mir vorgelesen bekämen, dann wüssten Sie, woher ich komme.

Das heißt, Sie wüssten es vermutlich nicht genau. Die meisten Menschen, die mich reden hören, verorten mich irgendwo in Österreich oder in der Schweiz, Russland hab ich auch schon mal gehört. Das hat wohl unter anderem damit zu tun, dass ich das R sehr hörbar rolle. Nach ein paar Worten schaut man mich fragend an und erwartet Aufklärung. Menschen, die Dialekt sprechen, sind ja fast ausgestorben – Nachrichtensprecher, Radiomoderatoren, die meisten Politiker und Experten, sie alle reden reinstes Hochdeutsch. Zumindest in meinen Ohren.

Über Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestags, lächelt man bisweilen, nur weil er Badener ist und man das auch hört. Sein "Isch over" aus der Griechenland-Krise wurde hundertfach zitiert. Rainer Brüderle, ehemaliger FDP-Spitzenmann aus der Pfalz, wurde in der heute-show sogar regelmäßig mit Untertiteln versehen. Und von Jogi Löw wird zum einen der Weltmeister-Titel in Erinnerung bleiben. Aber wohl auch sein alemannisches Mantra von der "högschden Disziplin".

Ich erkläre meistens schnell, dass ich aus einem kleinen Dorf in Niederbayern komme, zwischen Regensburg und München gelegen, 200 Einwohner, und da redet man eben so wie ich. Aaah, sagen die Zuhörer. Aus einem Dorf in Bayern. Ja, sage ich, aus einem Dorf in Bayern. Und dann fragen sie: Wie lange bist du denn schon in Hamburg? Die eigentliche Frage, die sie loswerden wollen, lautet aber: Warum sprichst du immer noch so?

Diese Frage ist legitim. Schließlich hab ich die Hälfte meines Lebens in Städten wie Berlin, Hamburg und München verbracht. Und selbst in München reden die Leute lang nicht so bairisch, wie ich das im Ernstfall könnte. Müsste ich nicht längst integriert sein, die Sprache gelernt und angenommen haben?

Vielleicht. Aber erstens ist es gar nicht so leicht, ein rollendes R abzulegen. Glauben Sie mir das: Ich habe es versucht. Während meiner Pubertät, also vor 20 Jahren, habe ich mit einem Logopäden wöchentlich geübt. Wenn ich allerdings versuche, dieses sogenannte Zäpfchen-R auszusprechen, klingt das, als würde ich an einer Nudel ersticken.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich kein gescheites Hochdeutsch spreche: Ich mag nicht. Ich bin, was die Sprache betrifft, ein Integrationsverweigerer.

Vieles hört sich im Bairischen einfach schöner an. Versucht meine Tochter ihre in Kartoffelbaatz getränkten Finger in meine Nase zu quetschen, müsste man sie auf Hochdeutsch vielleicht so davon abhalten: "Nimm deine schmutzigen Finger aus meinem Gesicht, sonst ist das Essen für dich gleich beendet!" Ich hingegen kann sagen: "Schleich di mit deine Dreegbatschn, sonst rappelt’s!"

Klingt doch viel freundlicher. Dabei weiß ich gar nicht so genau, was der Ausdruck "es rappelt" bedeutet. Sicher nichts Nettes, aber auch deshalb rede ich so gerne im Dialekt: Man kann die wüstesten Drohungen aussprechen, und es klingt doch irgendwie putzig.

Als ich in die Grundschule kam, war Hochdeutsch für mich wie eine Fremdsprache. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir Buchstaben lernen sollten: Beim T war ein Hefer hingezeichnet und beim Buchstaben C ein Schwammerl. Die Wörter Topf und Champignon musste ich erst lernen.

Noch heute gibt es viele Dinge, für die ich im Hochdeutschen kein Wort finde, zum Beispiel: drammhabbad. Ich weiß nicht, was das heißt. Ich kann nur sagen, dass das ein Zustand ist zwischen Schlafen und Wachen, in dem man seinen Träumen nachhängt.

Genauso wenig fallen mir adäquate Wörter für "Zieferl" ein und für "Gifthaferl" und auch nicht für "hudeln" und "Springinggerl", und absolut nicht könnte ich übersetzen, was mein Vater immer auf die leidige Frage, was es denn heut zum Essen gibt, antwortete: "Außerbacherne Kellerstaffe".

Nun wurde ich für diesen Text dazu angehalten, den Lesern doch einige Erklärungen mitzugeben, also habe ich mal gegoogelt: Zieferl = eine schwächliche Person; Gifthaferl = ein aufbrausender Mensch; hudeln = etwas schlampig erledigen; Springinggerl = ein unruhiger, lebhafter Mensch. Für die "außerbachernen Kellerstaffe" musste ich meinen Vater anrufen. Das heißt direkt übersetzt wohl "frittierte Kellerstufen" und meint: Frag ned so blöd, es wird schon irgendwas geben.

Neulich wollte ich in die Hamburger Innenstadt, um meiner kleinen Tochter Glabberl zu kaufen. Da fiel mir ein, dass in Hamburg wohl niemand das Wort Glabberl verstehen wird. Ich kannte nicht auf Anhieb die Übersetzung. Also googelte ich: Es heißt Sandalen!

Trotz amüsierter Blicke und Nachfragen habe ich mir nie darüber Gedanken gemacht, ob es gut oder schlecht ist, wie ich rede. Bis jetzt. Meine Tochter spricht noch nicht besonders viel, allzu lange kann das aber nicht mehr dauern. Deswegen frage ich mich neuerdings, ob ich bewusst mit ihr bairisch reden sollte, damit sie es lernt.

Man könnte dagegen einwenden, dass es Unsinn ist, einem Kind, das im Norden aufwächst, einen süddeutschen Dialekt beizubringen. Aber meinen – man schreibt ihn übrigens korrekterweise wirklich "Bairisch" – hat die Unesco im Jahr 2009 immerhin den bedrohten, schützenswerten Sprachen zugeordnet. Es gibt also einige Mundartfans, die sogleich rufen würden: Du musst unbedingt gezielt bairisch mit deiner Tochter sprechen! Dialekte verschwinden, das muss man verhindern!

Das Problem scheint ganz Deutschland zu betreffen. Das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim stellte 2009 in einer repräsentativen Umfrage fest: 67 Prozent der über 60-Jährigen können noch einen Dialekt sprechen, jedoch nur noch 49 Prozent der 18- bis 24-Jährigen. Und von denen, die einen Dialekt beherrschen, benutzt ihn nur gut die Hälfte "immer" oder "oft".

Quiz - Tag der Muttersprache: Bayrisch