Wie nur soll man mit Donald Trump umgehen? Für deutsche Politiker und Wirtschaftsvertreter wird es immer drängender, die Denkweise des amerikanischen Präsidenten nachzuvollziehen. Denn nach Strafzöllen auf Stahl und Aluminium droht er nun auch mit Maßnahmen gegen die deutsche Automobilindustrie. Das ist immerhin eine Branche, von der hierzulande Hunderttausende Arbeitsplätze abhängen.

Wer Trump verstehen will, muss seine Herkunft verstehen. Nichts erklärt Trumps Gebaren besser als seine Heimatstadt New York. Dort ist er zwar unbeliebt – im Stadtteil Manhattan stimmten 2016 nur zehn Prozent der Wähler für ihn –, doch er verkörpert eine typische Figur, den Hustler. So werden Strippenzieher, Geschäftemacher, Durchmogler bezeichnet. Ob Drogendealer, Pizzaboten, Broadway-Stars oder Wall-Street-Banker: New Yorker wollen stets das Beste für sich persönlich herausholen – egal aus welcher Gesellschaftsschicht sie stammen.

Beziehungen und Gefälligkeiten werden genutzt, einen Schlafplatz oder den nächsten Gig zu sichern, Sohn oder Tochter auf eine bessere Schule zu schicken, einen Termin bei einem renommierten Arzt zu bekommen oder schlicht einen Tisch in jenen Restaurants, die bis weit ins kommende Jahr ausgebucht sind. Nicht einmal Milliardäre sind ausgenommen. "Man weiß gar nicht, wie viele Freunde man hat, bis man sich einen Helikopter anschafft", kolportierte die Gesellschaftsreporterin Ginia Bellafante einmal einen typischen Stoßseufzer an der Upper East Side. Dort wohnen Hedgefondsmanager und Industriemogule in Apartments, die nicht selten ein Vielfaches dessen kosten, was Normalbürger in ihrem ganzen Arbeitsleben verdienen.

Persönliche Beziehungen werden zwar in aller Welt genutzt, um sich Vorteile zu verschaffen. Doch in New York ist es eine Notwendigkeit. Historiker bescheinigen der Stadt eine "kommerzielle Kultur", die sogar bis zu den Zeiten der Niederländer zurückreicht, die die Insel Mannahatta einst gegen Glasperlen und allerlei Tand den dort beheimateten Munsee abluchsten. Die unablässige Zuwanderung aus aller Welt habe die Konkurrenz um knappe Ressourcen immer weiter verschärft, sagt Joshua Freeman, Historiker an der City University of New York. Traditionelle Branchen, die in New York zu Hause waren – die Textilindustrie und der Großhandel beispielsweise –, zeichneten sich durch geringe Margen aus, was den Druck erhöhte. Noch heute kommen jährlich Tausende mit kaum mehr im Gepäck als Ehrgeiz und Überlebenswillen.

Deutschland ist kein Partner, sondern ein Konkurrent, den es zu überholen gilt

"Jeder versucht, seine persönlichen Vorteile einzusetzen, um den Wettbewerber auszustechen", sagt Freeman. Wolkenkratzer mögen die Sweatshops verdrängt haben, doch die Mentalität ist die gleiche geblieben. Trump hat sie lediglich über die Stadtgrenzen hinaus auf die Weltpolitik übertragen. Der Handelsbilanzüberschuss Deutschlands kann seiner Ansicht nach nur entstehen, weil die deutschen Exporteure die Amerikaner übervorteilen. Deutschland ist in seinen Augen kein Partner, sondern ein Konkurrent, den es zu überholen gilt.

Trump hat gute Erfahrungen gemacht mit New Yorks florierender Tauschbörse der Gefälligkeiten, die sprichwörtlich geworden ist. "Jeder tut jedem einen Gefallen, nutzt die Chance, eine Einzahlung auf der Favorbank zu machen", beschreibt es Tommy Killian, der Anwalt in Fegefeuer der Eitelkeiten, Tom Wolfes satirischem Roman über den Niedergang eines Wall-Street-Börsenmaklers in den Achtzigerjahren. Einer, der die Favorbank bedienen konnte wie kein Zweiter, war Roy Cohn, Trumps früher Mentor. Als junger Anwalt war Cohn die rechte Hand des Kommunistenjägers und Senators Joseph McCarthy. Er half dabei, das Ehepaar Rosenberg trotz heftiger internationaler Proteste in den Fünfzigern als Verräter auf den elektrischen Stuhl zu bringen. An dem Skandal, der McCarthy schließlich zu Fall brachte, war Cohn ebenfalls beteiligt: Er hatte über den Senator versucht, einem Freund eine Offiziersstelle beim Militär zu verschaffen.

Sein Absturz in Washington schadete Cohn allerdings nicht. Nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt New York stieg er dort zur grauen Eminenz auf. Seinen Stammplatz hatte er im 21 Club, einem der sogenannten Speakeasys, die während der Prohibition illegal Alkohol ausschenkten und in dem heute die Macher der City in Caesar Salad und Shrimps-Cocktail stochern. Von dort aus spann Cohn seine Fäden. Zu den Mandanten seiner Kanzlei gehörten Unternehmer, die New Yorker Erzdiözese sowie mehrere Mafia-Bosse. Er vertrat Aristoteles Onassis bei dessen Scheidung von Jackie.

Cohn galt als skrupellos. Mehrmals wurde er angeklagt, so wegen Unterschlagung, Bestechung und Wertpapierbetrugs. Doch erst 1986 verlor er seine Anwaltslizenz, wenige Monate vor seinem Tod. Als Trump Anfang der Siebzigerjahre, damals 27 Jahre alt, mit Cohn Bekanntschaft machte, wollte er als Bauunternehmer in Manhattan reüssieren. Zwar hatte es Vater Fred dank seiner politischen Beziehungen im öffentlichen Wohnungsbau zu Wohlstand gebracht, doch das war in den biederen Außenbezirken in Brooklyn und Queens. Nicht zuletzt durch Cohns Verbindungen schaffte es Trump, seine glamourösen Projekte wie das Grand Hyatt Hotel und den Trump Tower über die bürokratischen Hürden zu bringen. Cohn vertrat die Trumps auch, als diese von den Bundesbehörden wegen der Diskriminierung schwarzer Wohnungssuchender verklagt wurden. Seine Taktik war es, eine Gegenklage über 100 Millionen Dollar anzustrengen, in der er den Behörden vorwarf, Trumps Ruf zu schaden. Der Fall endete in einem Vergleich und ohne ein Schuldeingeständnis, wie Trump bis heute nicht müde wird zu erwähnen. So wie er bis heute Cohns Taktik beibehalten hat, bei einem Angriff sofort zum Gegenschlag auszuholen, seien seine Argumente auch noch so unhaltbar.