Die Schönheit des Dromedars erschließt sich dem westlichen Auge nicht spontan. Aber in der arabischen Dichtung sind der einhöckrigen Variante des Kamels schon ergreifende Verse gewidmet worden – seinem kostbar bewimperten Dunkelauge, der zärtlich hängenden Lippe, den schmalen Fesseln und dem schlanken Bein.

Dass Letzterem der Körper nicht ganz entspricht, dass womöglich ein Missverhältnis festzustellen wäre zwischen den dünnen Stelzen und dem höckergekrönten Leib, wird in der Lyrik des Orients nicht weiter thematisiert, vielleicht ist es dem nahöstlichen Auge unsichtbar, das sich an anderen Schönheitsidealen trainiert hat. Vielleicht hat es aber auch umgekehrt gerade am Dromedar gelernt, was Schönheit sei, und von dort auf andere Bereiche übertragen. Damit ließe sich die Neigung der orientalischen Architektur erklären, gewaltig lastende Bogenornamente auf vergleichsweise schwachen Säulchen ruhen zu lassen. Was uns als baustatisch ungesund und wacklig erscheint, könnte im Orient elegant, wenn nicht rasant wirken. Denn das Dromedar wird auch wegen seiner Geschwindigkeit verehrt; einzelne Exemplare haben es schon kurzzeitig auf 67 km/h gebracht. Auf der Rennstrecke beträgt die gegenwärtige Bestzeit immer noch 12 Minuten und 13 Sekunden für die acht Kilometer, die beim Großen Preis von Al-Wathba in Abu Dhabi gelaufen werden, in der arabischen Welt ungefähr das, was bei uns der Große Preis von Baden darstellt, ein Treffen der Reichen und Mächtigen. Wie bei uns müssen auch dort die Jockeys ausgesucht klein und schmächtig sein, man ist sogar in dieser alten Hochkultur noch einen dekadenten Schritt weitergegangen und hat Kleinkinder als Reiter eingesetzt, die man recht preiswert für zwanzig Dollar in Pakistan kaufen konnte.

Nun sind freilich solche paradiesischen Zeiten auch am Golf vorbei – europäische Touristen sollen sich massiv beschwert haben –, und inzwischen muss man das Hundertfache berappen, was insofern wenig überrascht, als die Jockeys der neuesten Generation aus der Schweiz stammen, keinem Billiglohnland. Haben die Eidgenossen wieder begonnen, wie im 19. Jahrhundert Waisenkinder als Arbeitskräfte zu verkaufen?

Nein, sie haben begonnen, Roboter als Kameljockeys herzustellen, die inzwischen schon seit zehn Jahren erfolgreich reiten, wie kleine Affen aus Metall aussehen, denen man Puppenkleider übergezwängt hat, und die per Funk von Geländewagen aus gesteuert werden, die neben den galoppierenden Dromedaren einherfahren. Es ist also zu Ende mit der sentimentalen Nostalgie der Scheichs; sie haben stattdessen die Tradition mit der Hochtechnologie verschmolzen und ein Tier-Maschine-Wesen geschaffen, das extrem leichtgewichtig und fit und gruselig ist. Wissen die Dromedare, dass ihre neuen Chefs keine Menschen mehr sind? Sie scheinen zumindest etwas Unheimliches zu ahnen, denn man muss die Roboter, damit sie akzeptiert werden, zuvor gründlich parfümieren. Womit, geben die Quellen nicht preis. Ist es der original Beduinen-Achselschweiß oder ein Aftershave? Jedenfalls fragt man sich spontan, welcher Duft eingesetzt werden müsste, damit dereinst menschliche Angestellte einen Roboter als Abteilungsleiter oder -leiterin akzeptierten. Würde ein Rasierwasser beziehungsweise Chanel No 5 genügen? Oder müsste etwas Spezifisches, vielleicht Dienstwagenspezifisches hinzukommen wie jener Neuwagenduft, den man ja auch aus Sprühflaschen beziehen kann? Ursprünglich dazu gedacht, Gebrauchtwagen olfaktorisch aufzufrischen, könnte er zukünftig umgekehrt dazu dienen, den Robotervorgesetzten etwas Altertümliches, Altmenschenhaftes zu geben.

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