Shane McMohen beugt sich zu dem Mann herunter, der in einem blauen Overall auf einer Holzbank sitzt, und flüstert ihm etwas ins Ohr. Die Füße des Mannes stecken in orangefarbenen Gummilatschen, Fußgelenke und Hände sind mit Eisenketten zusammengebunden. El Paso im US-Bundesstaat Texas, das Gerichtsgebäude, Saal 612. Der Mann in Ketten heißt Héctor Meléndez-Álvarez. Er ist angeklagt, denn er hat die Grenze zwischen Mexiko und Amerika illegal überquert. McMohen ist hier als Álvarez’ Pflichtverteidiger. Seit Trumps Null-Toleranz-Politik wird der illegale Grenzübertritt nicht mehr bloß als Ordnungswidrigkeit, sondern als Straftat gehandhabt.

Gemeinsam mit seinem Sohn Rodríguez war Álvarez im April aus El Salvador geflohen. Gangs hätten dort ein sicheres Leben unmöglich gemacht, erzählt McMohen, der Anwalt. Wäre der Grenzübertritt gelungen, hätte Álvarez seine Frau nachgeholt. Sie ist zu ihren Eltern in die Berge gezogen, um vor den Gangs sicher zu sein. Einen Monat waren Álvarez und sein Sohn unterwegs gewesen, wenige Meter hinter der Grenze hat die amerikanische Grenzpolizei sie dann gefasst. Álvarez kam ins Gefängnis. Auch der Sohn wurde festgehalten, in einer Einrichtung nur für Kinder. Wo genau die liegt, weiß Álvarez nicht.

Álvarez’ Fall ist einer von vielen, die seit knapp zwei Wochen die Nachrichten in Amerika bestimmen. Seit Einführung der neuen Einwanderungsregeln im April wurden mehr als 2.300 Kinder von ihren Eltern getrennt. Manche kamen in eine der über hundert Kindereinrichtungen in New York, Chicago, Michigan, South Carolina oder Florida, andere in ein umgebautes ehemaliges Shoppingcenter in Texas und einige in die über Nacht errichtete Zeltstadt in der Wüste vor den Toren von El Paso.

Die Bilder dieser Unterkünfte hatten viele Amerikaner erschreckt. Republikanische Politiker und konservative Pastoren begannen die Praxis als unmenschlich zu kritisieren, und weil der Druck zu groß wurde, unterzeichnete Donald Trump vergangene Woche einen Erlass, der die Familientrennung beenden sollte. Der Präsident war eingeknickt, so sahen es viele. Es schien ein Erfolg der Opposition, der Demokraten über Trump zu sein. Aber war es das?

Für Shane McMohen fühlte es sich wie ein Sieg an, denn er spürte die Auswirkungen umgehend. Der Oberstaatsanwalt von El Paso entschied nach Trumps Erlass, sofort alle Strafverfahren gegen Eltern, die nach dem illegalen Grenzübertritt von ihren Kindern getrennt worden waren, einzustellen. Würde man die Prozesse weiterführen und gleichzeitig Trumps Erlass befolgen, müsste man die Kinder mit den Eltern für die Dauer des Verfahrens im Gefängnis einsperren. Und das ist aus gutem Grund gesetzeswidrig.

McMohen ist 42 Jahre alt, er kommt ursprünglich aus Chicago und war Strafverteidiger in Washington, D. C. Dann verliebte er sich in eine Frau aus El Paso, die ihm Spanisch beibrachte. Heute kann er seinem Mandanten daher die gute Nachricht gleich übersetzen. Denn auch Álvarez’ Strafverfahren wurde soeben eingestellt. Aber der nickt nur. Denn das Bangen hört ja nicht auf. Wo kommt er jetzt hin? Die Entscheidung darüber, ob er in die USA einwandern darf, ist noch nicht gefallen. Und wo ist sein Sohn? Wird er ohne ihn zurück nach El Salvador deportiert werden? Für ein Strafverfahren steht ihm ein Pflichtverteidiger zu, im Einwanderungsverfahren nicht. Wer wird ihm jetzt helfen?

Vor dem Gerichtssaal warten einige Journalisten auf McMohen. Der Gerichtsreporter der El Paso Times ist da, und auch ein Redakteur von CNN. Shane McMohen hatte versucht, Álvarez’ Sohn zu finden. Ohne Erfolg. Die zuständige Behörde im Heimatschutzministerium wollte ihm nur im Beisein des Vaters Auskunft geben. Der saß aber im Gefängnis. Ein gemeinsames Telefonat klappte nicht, denn jedes Mal, wenn sie die vorgesehene Nummer des Heimatschutzministeriums wählten, gerieten sie sofort in eine Warteschleife, und nach einer Stunde unterbrach der Gefängnisbeamte den Anruf. Irgendwann wurde es den Sicherheitskräften zu viel, und sie ließen Álvarez einfach gar nicht mehr telefonieren.