Es war ein Frühlingstag im Mai des Jahres 1842, als ein Feuer Hamburg zerstörte. Ein Drittel der Innenstadt mit 70 Straßen, 1750 Häusern und 100 Speichern wurde vernichtet, Tausende Bürger irrten obdachlos durch die apokalyptische Szenerie. Drei Tage lang wütete das Feuer, es ging als Großer Brand in die Geschichtsbücher ein. Und obwohl das mediale Zeitalter noch lange nicht begonnen hatte, ja nicht einmal im Entferntesten vorstellbar war, war das Resultat der Jahrhundertkatastrophe: eine gewaltige Bilderflut.

Ein regelrechter Katastrophentourismus setzte ein, Schaulustige reisten in Scharen an. Künstler wie der Hamburger Maler Martin Gensler oder der Fotograf Hermann Biow stiegen durch die verkohlten Ruinen. Zweieinhalb Wochen später kamen die ersten grafischen Arbeiten heraus, binnen sechs Monaten entstanden Hunderte Kunstwerke zum Thema.

Feuersbrünste, Stürme, Überschwemmungen, Erdbeben, Vulkanausbrüche – Naturkatastrophen hat es immer gegeben. Und beinahe ebenso lange haben sie die Schaffenskraft von Künstlern angeregt. Entfesselte Natur. Das Bild der Katastrophe seit 1600 heißt die ungewöhnliche Ausstellung, die die Hamburger Kunsthalle diesem Phänomen widmet. Ungewöhnlich deshalb, weil sie epochenübergreifend konzipiert ist und auch harte Gegenüberstellungen nicht scheut. Filigrane Kupferstiche, gewaltige Ölgemälde, feine Aquarelle, kitschige Genremalerei, ironische Konzeptkunst, dokumentarische Fotografie, apokalyptisch-anrührende Videos – auf zwölf schwarz gestrichene Räume verteilt, sind 201 Werke zu sehen, davon 150 Leihgaben renommierter Museen und Sammlungen.

Es geht los mit Bildern mythischer Katastrophen, vor allem Darstellungen der Sintflut. Da wäre etwa Théodore Géricaults beklemmendes, um 1818 entstandenes Gemälde Szene der Sintflut, auf dem die Arche Noah längst untergegangen ist und lediglich das Danach festgehalten wurde: verzweifelt gegen ihr Schicksal ankämpfende Menschen und die bedrohliche Weite der endlosen Meeresfläche und des dramatisch bewölkten Himmels.

Noch mitten im Geschehen befinden sich die Menschen auf diversen Kupferstichen und Holzschnitten vornehmlich niederländischer Provenienz aus dem 16. Jahrhundert: Während das Schiff auf dem Wasser treibt, werden menschliche Körper in den unterschiedlichsten Situationen gezeigt. Wimmelbilder des Leidens, deren Wirklichkeitsnähe vor allem eine endzeitliche Botschaft überbringen sollte: Die Sintflut sei, so dachte man damals, nichts anderes als ein Vorläufer des Jüngsten Gerichts, eine Strafe Gottes.

Die bis ins 18. Jahrhundert vorherrschende Überzeugung, wonach irdische Katastrophen einer höheren göttlichen Ordnung gehorchen, der der Mensch ausgeliefert ist, zeigt sich auch in den anderen Themenclustern. Ob es um Darstellungen des Ausbruchs des Vesuvs geht, um Erdbeben oder Schiffsuntergänge, der Mensch erscheint als Spielball der entfesselten Elemente, die wiederum von einer höheren Macht geleitet werden.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Geschichte der Verwendung des griechischen Wortes katastrophé. Noch in den europäischen Wörterbüchern des 18. Jahrhunderts wird der Begriff ausschließlich als Terminus der Theatersprache geführt. Man verstand darunter einen Wendepunkt innerhalb einer Tragödie. Mit Naturereignissen hatte diese Zäsur herzlich wenig zu tun, sie war auch nicht unbedingt negativ besetzt, man billigte ihr produktives gestalterisches Potenzial zu. In der Ausstellung wird diese Tatsache anhand des Erdbebens von Lissabon im Jahre 1755 anschaulich dargestellt. Es sind so gut wie keine Gemälde bekannt, die dieses Ereignis festhalten, die Zeit war noch nicht reif für große historische Ereignisbilder. Die künstlerische Auseinandersetzung beginnt erst zwei Jahre später, und zwar zunächst als nüchterne Bestandsaufnahme in Form einer sechsteiligen Kupferstichfolge von Jacques-Philippe Lebas. Deren Titel lautete Die schönsten Ruinen von Lissabon, das war selbstverständlich nicht ironisch gemeint.

Die zeitgenössischen Arbeiten greifen Motive auf, wie etwa die Leerstelle, die eine Katastrophe mit vielen Opfern hinterlässt. Die Bilder des Fotografen Hans-Christian Schink etwa, die dieser nach dem Tsunami-Unglück in Japan aufgenommen hat, zeigen Geister-Siedlungen oder Treppen, die ins Nichts führen, in einer menschenleeren Landschaft. Valie Export zeigt mit einer raumgreifenden Installation die Trauer der Hinterbliebenen des Erdbebens im Dorf Killari in Indien. Und Martin Kippenbergers Auseinandersetzung mit Géricaults ikonischem Riesengemälde Das Floß der Medusa stellt die Tragik der menschlichen Existenz in den Mittelpunkt.

Ihre Aktualität bezieht die Schau aus einem Aspekt, der in der Ausstellung gar nicht thematisiert wird, den der Betrachter aber selbst in die Kunsthalle mitbringt: das bange Wissen darum, eben nicht hilfloser Spielball entfesselter Elemente oder höherer Mächte zu sein, sondern für die vielen Naturkatastrophen mitverantwortlich zu sein. Der sichere Standpunkt, von dem aus Künstler und Publikum früherer Epochen das Wüten der Naturgewalten verfolgten, existiert nicht mehr – wir sind längst mittendrin.

Unser Planet steht an einem historischen Wendepunkt: Die Menschen haben die Erde in den vergangenen 200 Jahren so stark verändert, dass wir in eine neue Epoche eintreten: das Anthropozän. Diesen Begriff prägte vor rund fünfzehn Jahren der holländische Nobelpreisträger für Chemie, Paul Crutzen, und er ist als Warnung zu verstehen. Niemand weiß, wie lange die Natur noch die Kraft hat, gegen die Ausbeutung, Vergeudung und Verschmutzung ihrer Ressourcen anzukommen.

"Entfesselte Natur", Kunsthalle Hamburg, bis zum 14. Oktober