Flüchtlinge bewegen nicht die Börsen – jedenfalls bislang noch nicht. Das unterscheidet die aktuelle Zerreißprobe der Europäischen Union von den vorangegangenen. Und das erklärt auch, wieso sich mit dem Thema Flüchtlinge so wunderbar Machtpolitik betreiben lässt. Es macht nämlich kein anderer Druck, jetzt schnelle Entscheidungen zu treffen, als die Politiker selbst. Die Lage ist völlig anders als etwa während der Griechenland-Krise 2015, als die politische und rhetorische Zuspitzung auch bedeutete: Menschen stürmten die griechischen Bankschalter, das Bargeld wurde knapp, die Banken schlossen, die Kurse stürzten, der Ausnahmezustand war da. In solch einer Situation musste schnell gehandelt werden.

In der neuen Europakrise hingegen wird alles Drängende einigermaßen künstlich erzeugt. Natürlich ist die Frage, wie die EU künftig mit Flüchtlingen umgeht, relevant. Aber es gibt keinen Grund, dass sie innerhalb der nächsten Tage entschieden werden muss. Es sei denn, man nimmt die kommende Wahl in Bayern als zentral für den ganzen Kontinent wahr.

Darüber droht in Vergessenheit zu geraten, dass für die Zukunft der Länder, die sich den Euro teilen, andere Fragen viel wichtiger sind: die wirtschaftlichen nämlich. Man kann das ganz einfach mit Zahlen belegen. Für Flüchtlinge und die Bekämpfung von Fluchtursachen zahlte der Bund 2017 rund 21 Milliarden Euro. An die EU zahlt Deutschland hingegen jährlich rund 35 Milliarden, bald noch deutlich mehr. Und das ist noch vernachlässigbar im Verhältnis zu den Dimensionen der Rettungspakete der vergangenen Jahre. Kredite in Höhe von 252 Milliarden Euro an europäische Länder hat der europäische Rettungsfonds ESM aktuell noch laufen. Heruntergerechnet auf den deutschen Anteil von 27 Prozent am Rettungsfonds sind das immerhin 68 Milliarden Euro. Und die Europäische Zentralbank dringt in wahrhaft irre Dimensionen vor. Sie hat Staatsanleihen der Euro-Länder für mehr als zwei Billionen Euro gekauft. Zwei Billionen!

Dazu kommt die systemische Bedeutung des Euro. Er hat sich zwar als äußerst wackelige Konstruktion erwiesen, aber auch als schwierig zu verlassen, da die erwarteten Kosten – ein wirtschaftlicher Absturz – in den betroffenen Ländern für allzu große Ängste sorgten. Aus der gemeinschaftlichen Flüchtlingsverteilung mögen die Länder großspurig aussteigen. Beim Euro war bislang noch keiner so mutig. Nicht einmal die Griechen, als sie sogar das Placet des Volkes dafür hatten.

Der Euro ist die Währung, die 340 Millionen Menschen aneinanderkettet. Und der Euro ist weiterhin eine wackelige Sache. Schon allein deshalb, weil der Mann, der für einige Jahre den Retter auf Zeit gegeben hat, diese Rolle nun nicht mehr will: Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank. Er hat seit dem Jahr 2012 die Anleger, Investoren und Banken erst mit Worten ("whatever it takes"), dann mit sehr viel Geld sediert. Nun aber mag er nicht mehr, und er kann auch nicht mehr, weil das der europäischen Wirtschaft schaden könnte. Der Ausstieg der EZB aus dem Programm zum massenhaften Kauf von Staatsanleihen ist angekündigt. Ende des Jahres soll es so weit sein.

Die Politik ist jetzt am Zug. Wenn sie verhindern will, dass sie demnächst wieder von den sogenannten Märkten zu überstürzten Entscheidungen gedrängt wird (statt wie jetzt von einer süddeutschen Regionalpartei), dann gilt es etwas zu tun. Die entscheidende Frage lautet: Wie können die Länder des Euro wirtschaftlich so zusammenwachsen, dass erstens die gemeinsame Währung ohne große Krisen funktioniert und zweitens die Länder sich noch unabhängig fühlen, also souverän ihre eigene Wirtschafts- und Finanzpolitik betreiben können?

Die ehrliche Antwort auf die Frage lautet leider: Das geht nicht. Nationale Souveränität in Wirtschafts- und Finanzfragen und Zusammenwachsen gleichzeitig ist nicht möglich. Was das ganze Drama Europas der vergangenen acht Jahre zusammenfasst.

Wenn man aber den Euro behalten will, dann gibt es nicht viele Möglichkeiten. Die Länder müssen sich zusammenraufen und Kompromisse schließen. Das geht nur mit einem Europa, das keine Transferunion ist, weil das zu viele Länder (inklusive Deutschland) ablehnen, aber trotzdem Krisen abfedern kann.

Für den Europa-Gipfel an diesem Donnerstag und Freitag liegen die deutsch-französischen Vorschläge dazu auf dem Tisch. Sie sind nichts für all diejenigen, die davon träumen, dass Europa schon bald zu einer Art Gemeinschaftsstaat zusammenwächst. Der europäische Rettungsfonds soll mehr Kompetenzen bekommen. Er soll auch die Finanzpolitik der Länder überwachen und kurzfristige Kredite ausgeben. Außerdem geht es um ein neues europäisches Budget für Investitionen, zu dem zahlreiche Länder schon gesagt haben, dass sie es ablehnen.

Alles kleine Ideen, aber darüber reden sollte man dringend. Mancur Olson hat schon 1965 in seinem grandiosen Buch The Logic of Collective Action beschrieben, dass es umso schwieriger wird, sinnvolle Dinge zu tun, je mehr Leute an einer Entscheidung beteiligt sind. Der Grund ist, dass es dabei für den Einzelnen im Verhältnis zu seinem Aufwand zu wenig zu gewinnen gibt. Es braucht also eine Art Supergewinn, um eine Gruppe wie die EU voranzubringen. Vielleicht aber funktioniert auch eine kollektive Angst, ein großer Verlust, den es abzuwenden gilt. Je weniger die Europäer Reformen jetzt angehen, desto wahrscheinlicher wird es, dass sie diese Angst noch einmal zu spüren bekommen.